10.07.2021 06:01 |

Gegen Wohnungshaltung

Experten warnen vor den Gefahren exotischer Tiere

Drei Schlangenerlebnisse in nur einer Woche, eines davon endete sogar tödlich. Die Diskussion um die Privathaltung exotischer Tiere ist aktueller denn je. Experten warnen: Reptilien und Co. haben in Wohnungen nichts verloren.

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Der tödliche Schlangenbiss in Oberösterreich - wie berichtet, kam der 24-jährige Dominic S. durch einen Angriff seiner giftigen Hornviper ums Leben - schockte das ganze Land. Erst am Montag war ein Grazer beim morgendlichen Gang auf die Toilette von einer Schlange gebissen worden, die sich in seinem WC verkrochen hatte. Der 65-Jährige kam dabei aber ebenso mit dem Schrecken davon, wie erst Donnerstagabend Elfriede K. aus Floridsdorf, die ebenfalls einen Python am „Häusl“ vorfand.

„Als ich die Tür öffnete, saß die Schlange im Eck. Allerdings war sie beim Eintreffen der Polizei verschwunden“, erinnert sich die Pensionistin: „Ich habe eine Rohrleitung im Boden mit einem Kübel Wasser beschwert, weil ich dachte, dass das Tier da heraus kam. Falsch gedacht. Am Abend saß der Python am Klodeckel und trank aus genanntem Kübel.“ Der Python wurde vom MA 49 Wildtierservice entfernt, der Besitzer konnte noch nicht ausfindig gemacht werden.

Verhängnisvolle Fehler
Alle Vorfälle haben eine Gemeinsamkeit: Den Haltern sind verhängnisvolle Fehler im Umgang mit den exotischen Haustieren unterlaufen. Keine Seltenheit, denn die Anforderungen von Reptilien und Co. an ihren Lebensraum lassen sich mit der „Haltung im Wohnzimmer“ eigentlich nicht vereinen. „In Gefangenschaft zeigen viele Reptilien oftmals auffälliges Verhalten, das auf Angst oder Stress hindeutet. Wer giftige Tiere besitzt, begibt sich mitunter in höchste Lebensgefahr!“, sagt Helga Happ vom Klagenfurter Reptilienzoo.

Vieles wird bei Anschaffung nicht bedacht
Dazu kommen die hohen Kosten: „Hunderte Exoten landeten zum Höhepunkt der Corona-Krise bei uns, weil ihre Besitzer kein Geld mehr für Futter hatten“, erinnert sich die gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Reptilien und Gifttiere, die warnt: „Wer betreut die teilweise lebensgefährlichen Exoten, wenn man auf Urlaub fährt? Welcher Tierarzt ist ihrer Versorgung gewachsen? All diese Fragen werden oftmals nicht bedacht bei der Anschaffung.“

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Hunderte Exoten landeten zum Höhepunkt der Corona-Krise bei uns, weil ihre Besitzer kein Geld mehr für Futter hatten.

Helga Happ

Auch wachsen Reptilien den Besitzern oft über den Kopf, viele werden ausgesetzt und sind dadurch dem Tode geweiht. „Dazu kommt, dass exotische Haustiere schwere Krankheiten auf den Menschen übertragen können. Bei schlechten Haltungs- und Gesundheitsbedingungen scheiden die Reptilien Salmonellen aus, es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen schlechter Tierhaltung und Gefährlichkeit!“ Die AGES rät dazu, in einem Haushalt mit Säuglingen oder Kleinkindern keine freilaufenden Reptilien zu halten.

Tierschutzorganisationen fordern seit Jahren, dass die private Exotenhaltung vom Nationalrat weiter eingeschränkt wird. Das Wiener Tierhaltegesetz verbietet aus sicherheitspolizeilichen Gründen das Halten, Verwahren, den Erwerb und die Zucht von gefährlichen Wildtieren. Gefordert wird außerdem ein Sachkundenachweis für alle Exoten in der Hauptstadt.

„Keine Gifttiere im Mehrparteienhaus“
Hans Esterbauer, Ehrenpräsident des oberösterreichischen Verbandes für Vivaristik, hat 500 Fachartikel zu Reptilien veröffentlicht, die weltweit übersetzt wurden.

„Krone“:Sie werden von Behörden ständig um konkrete fachliche Einschätzungen gebeten. Was sollten Reptilienhalter dringend beherzigen?
Hans Esterbauer: Gefährliche und giftige Tiere in einer Wohnung zu halten ist extrem problematisch. In einem Mehrparteienhaus bin ich überhaupt strikt dagegen. Terrarien sollten ausschließlich in Räumen aufgestellt werden, die von Menschen nicht bewohnt werden. Außerdem muss ein Terrarium so eingerichtet sein, dass man das Tier immer im Auge behalten kann - selbst dann, wenn es den Unterschlupf aufsucht.

Welche Personen sollten Gifttiere halten dürfen?
Am besten so wenige wie möglich. Wer ein gefährliches Tier hält, muss charakterlich gefestigt, strafrechtlich unbescholten sein und über jede Menge fachliche Kenntnisse verfügen.

Welche Fehler unterlaufen Haltern häufig?
Dass gefährliche Tiere, beispielsweise für die Fütterung oder um sie Besuchern vorzuführen, aus den Terrarien genommen werden.

Welche Sicherheitsvorkehrungen sind nötig?
Bei der Fütterung müssen immer zwei fachkundige Personen anwesend sein. Und es gilt einen Sicherheitsabstand einzuhalten: Zwei Meter bei Hornvipern, fünf Meter bei Mambas und Kobras. Und bei einer Spei-Kobra noch mehr.

Fakten

Nach den unterschiedlichen Tierschutzverordnungen der Bundesländer gelten manche Tiere als gefährlich und dürfen demnach nicht von Privatpersonen als Haustiere gehalten werden oder sind meldepflichtig. Der Vermieter darf die Haltung von exotischen Tieren grundsätzlich verbieten. Die genaue Anzahl privat gehaltener Exoten ist schwer zu erfassen. "Im Zeitraum 2003 bis 2012 meldete Österreich den Import von 23.610 Reptilien CITES-gelisteter Arten. Mehr als die Hälfte der betroffenen Reptilien waren Königspythons, an zweiter Stelle der Statistik steht der Steppenwaran“, erklärt Eva Persy von der Tierschutzombudsstelle Wien. Der Anteil der Wildfänge liegt trotz generellen Wildfangverbots bei insgesamt 40,1 Prozent. Oftmals werden Eier und Jungtiere aus der freien Wildbahn entnommen.

Gegengift

Die Klagenfurter Reptilienexpertin Helga Happ wurde bereits mehrmals selbst von giftigen Schlangen gebissen. „Seit dem letzten Biss bin ich wieder deutlich vorsichtiger“, verrät die „Schlangenlady“, die genau weiß, was zu tun ist, wenn eine Schlange zubeißt. „Wenn man gebissen wird, muss sofort die Rettung gerufen werden, der schnellstmögliche Weg ins Krankenhaus ist zu nehmen!“ Die Ärzte wenden sich dann postwendend etwa bei Helga Happ, beim Schönbrunner Zoo oder beim Salzburger Zoo Hellbrunn. „In den meisten Fällen haben wir Experten das passende Gegengift für Exotenbisse lagernd. Was nicht vorrätig ist, wird postwendend aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz besorgt. Jede Sekunde zählt!“ Gegengift für einheimische Schlangenbisse hat jedes Krankenhaus.

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