Von Freund ermordet

Mutter: „Mit meinem Kind bin auch ich gestorben“

Die Zahl der Frauenmorde steigt stetig an. Die Hinterbliebenen der Opfer bleiben in unendlichem Leid zurück. Wie die Geschichte einer Oberösterreicherin zeigt, deren Tochter 2018 erstochen wurde. „Die Tat“, sagt sie, „hat mein Leben zu einem Albtraum gemacht.“

Ramona Fahrngruber sitzt auf einem gepolsterten Sessel in ihrer 50-Quadratmeter-Wohnung in Steyr. Vor ihr, auf dem Couchtisch, liegen Medikamente. Pillen, die gegen Depressionen und Angstgefühle wirken. „Ich schlucke jeden Tag viele davon, ohne sie könnte ich nicht existieren“, schluchzt die Oberösterreicherin. „Denn wie“, fragt sie, „sollte ich sonst mit meinem Drama zurechtkommen?“

„Mimi war leider verrückt nach ihm“
Mit diesem Drama, das nur wenige Meter von ihr entfernt, hinter einer rot gestrichenen Tür, geschehen ist. In dem Raum, der einst ihrer Tochter Michelle gehört hat; in dem die 16-Jährige ermordet wurde. In der Nacht auf den 9. Dezember 2018. Von ihrem Freund – Saber A. „Den ich nie gemocht habe, weil er meinem Kind nicht gutgetan hat“, erzählt die 53-Jährige, „doch ,Mimi‘ – sie war leider verrückt nach ihm.“

2016, mit 14, hatte das Mädchen den jungen Afghanen kennengelernt. Und sich schnell in ihn verliebt. Denn er tat ja auch viel dafür, um Michelle von sich zu beeindrucken. Er hörte ihr zu, wenn sie über Probleme aus ihrer Kindheit sprach; über ihr Aufwachsen ohne Vater, in komplizierten Verhältnissen, mit drei älteren Geschwistern; er baute sie auf, er machte ihr Komplimente.

Gleichzeitig löste er bei dem Mädchen Mitleid aus, wenn er ihm von der Flucht aus seinem Heimatland berichtete; von seinem traurigen Dasein nun, in einem „Auffanglager“; von seiner Einsamkeit. Und je öfter die beiden Teenager miteinander über ihre Sorgen und Träume redeten, desto mehr begann der Bursch, „Mimi“ zu manipulieren.

„Schließlich brachte er sie sogar dazu, die Schule abzubrechen und eine Lehre zu beginnen. Um für ihn – er selbst war joblos – Geld zu verdienen“, sagt Ramona Fahrngruber. Und sie sagt auch, dass sie selbst keine Chance gehabt habe, „ihm entgegenzuwirken. Weil er eben schnell die völlige Macht über meine Tochter übernommen hatte.“

„Niemand reagierte auf meine Hilferufe“
Mitte 2018 erfuhr Michelle von einem Seitensprung des Burschen, „seitdem kriselte es in der Beziehung der beiden. ,Mimi‘ begann sich deshalb – zumindest phasenweise – von ihm zu distanzieren.“ Und auch wegen der Schrecklichkeiten, die er ihr und ihrer Familie über sich erzählte, „etwa, dass er in Afghanistan bereits einen Mord begangen habe“. Die Frau habe wegen seiner vermuteten Gefährlichkeit die Behörden alarmiert, „immer wieder, immer wieder“, behauptet die 53-Jährige: „Aber niemand reagierte auf meine Hilferufe.“

Und die Tochter? „Ich weiß, dass sie sich vor Saber fürchtete. Denn wenn sie – wieder einmal – Schluss mit ihm gemacht hatte, passte er sie nach Dienstschluss ab, und er bedrohte sie mit dem Umbringen.“ Warum hat Michelle nie eine Anzeige gegen ihn gemacht? „Weil sie ihn - trotz allem - liebte.“ Und so kam es, dass der 17-Jährige, wann immer „Mimi“ das wollte, logieren durfte; in der Wohnung in Steyr. Wie am 8. Dezember 2018.

„Saber ist seit dem Nachmittag bei uns gewesen“, am Abend hätten die Mutter, Michelle und er gemeinsam im Wohnzimmer ferngesehen; um etwa 23 Uhr beschlossen Saber und „Mimi“, sich in den Raum des Mädchens zurückzuziehen. Nein, beteuert Ramona Fahrngruber, sie habe danach keinen Streit, keine Schreie aus dem Kabinett gehört.

Am Tag darauf dort dann die grauenhafte Entdeckung: Michelle lag erstochen am Boden. Saber A. – er hat seine Tat stets als einen „Unfall“ bezeichnet – wurde im Oktober 2019 zu 13,5 Jahren Haft verurteilt, wegen Mordes. „Ich bin während der Verhandlung im Gerichtssaal gesessen“, schluchzt die Mutter des Opfers, „mit dem Killer meiner Tochter konfrontiert zu sein war fürchterlich.“

Fast ebenso fürchterlich sind die Vorwürfe, die sich die Oberösterreicherin seit der Tragödie macht; jeden Tag, jede Nacht. „Ich hätte den Burschen niemals in mein Haus lassen dürfen; ich hätte mein Kind vor ihm mehr beschützen, ich hätte stärker sein müssen.“ Ich hätte, ich hätte ...

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Ich hätte den Burschen niemals in mein Haus lassen dürfen; ich hätte mein Kind vor ihm mehr beschützen, ich hätte stärker sein müssen.

Die Mutter der ermordeten Michelle


Ihr Jetzt: ein Leben in der Tristesse. Gefangen in der Wohnung, in der Michelle getötet wurde, „eine Übersiedelung ist mir aus finanziellen Gründen unmöglich“. Die Sehnsucht nach dem Tod, „nach der Befreiung von meiner Pein“, sei ständig in ihr.

Frau Fahrngruber – denken Sie an ihre anderen drei Kinder. Wie sollten sie Ihren Freitod verkraften? „Es stimmt, ich darf ihnen einen Suizid nicht antun. Darum werde ich durchhalten, bis ich eines natürlichen Todes sterbe. Aber ich weiß: Die Zeit bis dahin wird eine immerwährende Qual für mich sein.“

Ramona Fahrngruber benötigt für einen Umzug aus der Tatortwohnung Geld - das sie nicht besitzt. Seit dem Mord an ihrer Tochter gilt sie als arbeitsunfähig. Sie bittet um Spenden. Oberbank; IBAN AT32 1511 0002 6506 5938

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizid-Gedanken betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge unter der Telefonnummer 142. Weitere Krisentelefone und Notrufnummern finden Sie HIER.

Martina Prewein
Martina Prewein
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Sonntag, 17. Oktober 2021
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