07.01.2021 17:14 |

Sturm aufs Kapitol

Trump-Anhänger: „Gab eine Chance, wir nutzten sie“

„Nachdem sie die Treppe verloren hatten, verloren sie auch Türen und Fenster“, erklärte der Polizeichef des Kapitols, warum der beispiellose Angriff auf den US-Kongress nicht abgewehrt werden konnte. Trump-Anhänger haben am Mittwoch die Sicherheitskräfte förmlich „überrannt“. Zunehmend wird nun Kritik an der mangelnden Vorbereitung auf die angekündigte Aktion laut, Trump-Anhänger erklärten indessen „illegales Verhalten“ von Politikern als Auslöser für die Aktion.

Die Bilder aus den Vereinigten Staaten lassen einen fassungslos zurück. Der wütende Mob aus Trump-Anhängern - allen voran ein gehörnter „Schamane“ - konnte die Sicherheitsvorkehrungen des US-Kapitols überwinden und die finale Wahl zu Joe Biden als nächsten US-Präsidenten damit verzögern.

Polizisten ließen Mob passieren
Waren etwa im Rahmen der „Black Lives Matter“-Demonstrationen Hunderte Polizisten im Einsatz, um das so wichtige Gebäude der US-Demokratie vor etwaigen Angriffen zu schützen, wirkten die Sicherheitskräfte nun vollkommen überfordert. Lediglich einige wenige Polizisten waren zur Bewachung der Zertifizierung der Wahlleute-Stimmen abgestellt.

Nachdem diese die Absperrgitter rund um das Gebäude freigegeben hatten, konnte die wütende Menge nahezu ungehindert weiterströmen. Die Ausschreitungen mit mehreren Toten stellen eine der schwersten Sicherheitspannen in der jüngeren Geschichte der USA dar, resümieren aktive und ehemalige Vertreter der Sicherheitskräfte in einer ersten Bilanz der beispiellosen Ereignisse.

Wie konnte das passieren?
Es habe reichlich Warnzeichen gegeben, dass Trump-Anhänger in das Gebäude eindringen möchten. In den sozialen Medien hatte es über Wochen Drohungen mit und Warnungen vor Gewalt mit Blick auf die Sitzung des Kongresses gegeben. Der noch amtierende US-Präsident rief höchstselbst noch am Mittwoch dazu auf, zum Kapitol zu marschieren, um dort gegen den seiner Ansicht nach erfolgten Wahlbetrug zu protestieren.

Wegen des Eindringens der wütenden Menge - viele Personen waren bewaffnet -, musste das Gebäude evakuiert werden, die Parlamentssitzung konnte erst mit mehreren Stunden Unterbrechung fortgesetzt werden. Im Zusammenhang mit den Protesten kamen vier Menschen ums Leben, mindestens 14 Polizisten wurden verletzt.

Lange keine Verstärkung angefordert
Eigentlich stehen zur Sicherung des Gebäudes rund 2000 Polizisten zur Verfügung. Trotz des Ansturms schritten jedoch aus bis bislang völlig unklaren Gründen andere Sicherheitskräfte des Bundes über Stunden nicht ein. Nennenswerte Verstärkungen durch die Nationalgarde wurden erst mehr als eine Stunde nachdem Demonstranten die ersten Barrikaden überwunden hatten mobilisiert.

Wie Terrance Gainer, einer der ehemaligen Polizeichefs des Kapitols, berichtete, wurden die Sicherheitskräfte einfach überrannt. „Nachdem sie die Treppe verloren hatten, verloren sie auch Türen und Fenster“, sagte er. Gruppen von Randalierern konnten sich dann frei durch die Flure bewegen und etwa in das Büro der Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, eindringen.

Trump-Fan: „Was hätten wir tun sollen?“
Nur wenige Stunden nach dem Angriff erklärten erste Eindringlinge ihre Beweggründe. „Was hätten wir tun sollen? Man wollte uns nicht einmal anhören“, erklärte etwa Leo K. der konservativen Nachrichtenseite „LifeSiteNews“. „Endlich gab es eine Chance, und wir nutzten sie“, berichtete der Mann, der sich nach eigenen Angaben „30 bis 60 Minuten“ dort aufgehalten haben soll.

Fahndung nach Teilnehmern
Nach dem Ansturm fahndet die US-Polizei nun nach den Teilnehmern und hat dazu eine eigene Website für entsprechende Hinweise eingerichtet. Die Ermittler können darüber hinaus auch bereits auf eine Fülle von belastendem Material aus erster Hand zurückgreifen: Trump-Anhänger hatten in sozialen Medien selbst zahlreiche Fotos und Videos veröffentlicht.

Da sie trotz des Corona-Risikos zumeist keine Masken tragen, sind darauf viele Gesichter klar zu erkennen. Die Angreifer wurden unter anderem dabei gefilmt, wie sie durch die Hallen des Kapitols laufen und in den Sitzungssaal sowie Büros von Abgeordneten eindringen.

Stephan Brodicky
Stephan Brodicky
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