Neulengbach-Obmann

„Wertschätzung für Frauenfußball ist gering“

Thomas Wirnsberger, der Obmann des Frauenbundesligisten SV Neulengbach, äußerte sich im Interview mit krone.at zur endgültigen Absage der laufenden Saison, zu den finanziellen Herausforderungen der Corona-Krise und zu seinen Wünschen für die Zukunft des Frauenfußballs in Österreich. 

krone.at: Die Frauenbundesliga wurde abgesagt. Gleichzeitig wurde beschlossen, dass die Herren weiterspielen dürfen. Wurde bei dieser Entscheidung mit zweierlei Maß gemessen?
Thomas Wirnsberger: Ehrlich gesagt muss man sagen, dass eine Weiterführung der Frauenbundesliga in der jetzigen Situation finanziell nicht tragbar ist. Im Vergleich zu den Herren ist einfach das Geld nicht da. Ich weiß jetzt nicht genau was die verschiedenen Tests genau kosten, aber für einen Verein in der Frauenbundesliga ist das Budget nicht vorhanden die gleichen Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen wie bei den Herren zu garantieren. Der einzige Punkt, der bedauernswert war, dass die Frauenbundesliga von den Verantwortlichen nicht gefragt wurde wie es weitergehen soll oder könnte.

Es gab keine Kommunikation von Verbandsseite mit den Vertretern der Frauenbundesliga zu einer möglichen Weiterführung?
Nein in diesem Punkt sind wir nicht befragt worden. Der Spielbetrieb wurde einfach abgesagt. Wie gesagt ist eine Weiterführung finanziell nicht realistisch gewesen. Andererseits hat man in Deutschland auch gesehen, dass man eine Lösung für den Frauenfußball entwickeln kann. Dort hat der DFB in Zusammenarbeit mit den Bundesligavereinen finanzielle Mittel bereitgestellt, dass sowohl die dritte Liga der Herren als auch die Frauenbundesliga die Saison zu Ende spielen können.

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Die Wertschätzung für Frauenfußball ist noch sehr gering in Österreich. Oft kommt es nur zu Lippenbekenntnissen, wie zum Beispiel nach den Erfolgen bei der Frauen-Europameisterschaft im Jahr 2017.

Thomas Wirnsberger

Fehlt in Österreich die Wertschätzung für den Frauenfußball im Vergleich zu Deutschland?
Ich glaube schon. Man darf natürlich nicht alle Menschen in einen Topf werfen, aber die Wertschätzung für Frauenfußball ist noch sehr gering in Österreich. Oft kommt es nur zu Lippenbekenntnissen, wie zum Beispiel nach den Erfolgen bei der Frauen-Europameisterschaft im Jahr 2017. Medial ist es zwar etwas besser geworden, aber sonst war es das auch schon. Es ist noch nicht diese Wertschätzung da, die sich die Frauen verdienen.

Wäre jetzt die Zeit gewesen diese Bekenntnisse umzusetzen und eine gemeinsame Lösung zu finden die Wiederaufnahme der Saison zu gewährleisten?
Eine Lösung zu finden wäre aufgrund des finanziellen Aspekts sicher schwierig gewesen. Man hätte zumindest die Vereine der Liga fragen können, ob eine Fortsetzung des Spielbetriebs machbar ist oder nicht. Ehrlicherweise war es aufgrund des fehlenden Geldes auch nicht möglich, doch die Verantwortlichen haben von Haus aus angenommen, dass ein Abbruch alternativlos ist. Das hat den einen oder anderen Verein logischerweise gestört. Man hätte zumindest nachfragen können und mit den Vereinen kommunizieren. Das hat schon eine geringe Wertschätzung gegenüber der Frauenbundesliga vermittelt. Der Dialog hat ganz einfach gefehlt.

Abgesehen vom vorzeitigem Saisonabbruch. Welche Folgen hatte die Krise bisher bei Ihnen im Verein?
Wir haben als Verein zum Glück keine Schulden. Trotzdem haben wir laufende Infrastrukturkosten im hohen fünfstelligen Bereich, für die der Verein weiterhin aufkommen muss. In der Hinsicht ist es bedauernswert, dass noch kein Verein im Amateursport finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten halt. Da muss erstmal abgewartet werden wer dann etwas bekommt und wie hoch der Betrag sein wird. Ich habe schon bei vielen Sportvereinen mitbekommen, dass sie zusperren müssen oder Kooperationen mit anderen Vereinen eingehen. Hier werden die Vereine meiner Meinung nach hängen gelassen. Nicht nur im Fußball sondern im gesamten Breitensport.

Wie schätzen sie die Situation der restlichen Vereine ein?
Es ist für mich vorstellbar, dass der ein oder andere Verein sich zurückziehen muss, weil Sponsoren abspringen oder die laufenden Kosten ohne gleichzeitige Einnahmen nicht mehr gedeckt werden können. Nicht nur in der Frauenbundesliga sondern auch im Amateurbereich der Männer. Gleichzeitig ist es auch eine Chance, dass die finanzielle Not ein Umdenken im Amateurbereich herbeiführt. Ein verstärkter Fokus auf die Jugend wäre für mich wünschenswert.

Was für Auswirkungen hätte eine ganze Saison voller Geisterspiele für Ihren Verein?
Wir als Verein brauchen ganz klar Spiele mit Zuschauern um unsere Infrastrukturkosten zu decken.Abgesehen von Sponsoren kommen unsere Einnahmen durch Ticketerlöse, den Kantinenbetrieb und verschiedene Veranstaltungen am Vereinsgelände. Eine Saison ohne Zuschauer ist zwar besser als kein Spielbetrieb, aber ohne finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand wird das für alle Vereine eng werden.

Gibt es bei Ihnen im Verein schon ein Fahrplan für kommende Saison?
Unsere Damenmannschaft hat mit 19. Mai, unter Beachtung der offiziellen Verordnungen und Hygienemaßnahmen,wieder das Training aufgenommen. Bis Mitte Juni wird bei uns trainiert, dann kommt es zur Sommerpause. Ich hoffe, dass es ab Sommerende wieder möglich ist normal Fußball zu spielen, damit wir die Vorbereitung auf die kommende Saisoninklusive der dazugehörigen Testspiele abhalten können.

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Leider steckt bei uns der Frauenfußball noch in den Kinderschuhen. Da muss einfach mehr getan werden. Aus den Erfolgen bei der Europameisterschaft 2017 wurde leider kein Kapital geschlagen.

Thomas Wirnsberger

Haben Sie zum Abschluss noch einen oder mehrere Wünsche für die Zukunft des Frauenfußballs in Österreich?
Ich wünsche mir vor allem noch mehr Wertschätzung. Es ist in der Medienlandschaft schon etwas besser geworden, aber der finanzielle Aspekt hinkt noch weit hinterher. Bei uns trainieren die Frauen vier bis sechs Mal die Woche und spielen auf einem hohen taktischen Niveau. Da fehlt einfach die Wertschätzung, die zum Beispiel in Deutschland viel mehr vorhanden ist. Leider steckt bei uns der Frauenfußball noch in den Kinderschuhen. Da muss einfach mehr getan werden. Aus den Erfolgen bei der Europameisterschaft 2017 wurde leider kein Kapital geschlagen. Es gab danach viele Lippenbekenntnisse aber passiert ist nichts. Wir sollte uns da ein Vorbild an Deutschland oder auch Ungarn nehmen. In der ungarischen Liga wurden viele Schritte getätigt, die zu einer positiven Entwicklung des Frauenfußballs beigetragen haben. Als letzten Punkt würde ich mir noch ein besseres Miteinander zwischen dem ÖFB, den Landesverbänden und der Frauenbundesliga wünschen. Derzeit sind viele Vereine in der Frauenbundesliga auf sich alleine gestellt. Eine intensivere Zusammenarbeit könnte dieses Problem lösen.

David Hauschild
David Hauschild
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Dienstag, 02. Juni 2020
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