16.05.2020 06:00 |

Einnahmen im Keller

Kremlchef getroffen: Putin ist kleinlaut geworden

Der Mai hätte der große Siegesmonat für Wladimir Putin werden sollen: Weltkriegs-Parade mit internationaler Prominenz, verbunden mit 20 Jahre Kremlchef. Es wurde Putins Albtraum, alles abgesagt. Der russische Präsident, Corona-sicher eingebunkert in seinem Home-Office-Sitz in Nowo-Ogarjowo außerhalb von Moskau, ist nur virtuell auf den TV-Schirmen sichtbar - und dort ohne eine klare Linie durch die Krise, ja, richtig ratlos. Man sieht ihm seine Frustration an. Der Mann in dem schon gesetzten Alter von 67 Jahren kann sich nicht mehr in der geliebten Siegerpose inszenieren.

Putins Zustimmungsraten befinden sich vom Höhepunkt nach der „Befreiung der Krim“ im Sinkflug - während Regierungschefs anderer Länder in der Corona-Krise einen neuen Frühling erleben. Das Krisenmanagement des Kremls ist ins Stottern geraten. Putin steht mehrfach unter Druck: Der „Shutdown light“ ist ein gesundheitspolitischer Fehlschlag. Die Corona-Kurve zieht derzeit in die Höhe wie in keinem anderen Land. Das Spitalsystem stößt schon an seine Grenzen. Andererseits kann sich Russlands Wirtschaft keinen längeren Ausfall leisten.

Das durch den Ölpreiskollaps schwer angeschlagene Staatsbudget „lebt“ vom Rohstoffexport. Der Präsident, den ein Kreml-Thinktank einmal als „Hauptarchitekten der Weltordnung“ bezeichnet hat, lässt seine bekannte Entscheidungsfreude vermissen. Er delegiert - völlig ungewohnt für seine vormals straffe Hand - an die Gouverneure, nachdem Ministerpräsident Michail Mischustin in die Corona-Isolation gegangen ist. Putin möchte so wenig wie möglich direkt mit der Pandemie öffentlich identifiziert werden.

Beobachter attestieren Putin Realitätsverlust
In der schwersten Krise seiner 20 Herrschaftsjahre sinkt in der Bevölkerung das Vertrauen in die Führungskraft Putins. Fast hilflos muss der Kremlchef den massiv steigenden Corona-Infektionszahlen zuschauen. Proteststimmung macht sich breit - bisher meist im Internet, weil Straßenaktionen verboten sind. Politische Beobachter orten bei Putin auch zunehmenden „Realitätsverlust“ - nicht zuletzt, weil er unlängst meinte, dass 70 Prozent der Russen zur Mittelschicht gehörten. Wer 17.000 Rubel (rund 200 Euro) im Monat verdiene, erfülle dieses Kriterium.

„Superman“ am Höhenflug gestoppt
Es besteht der Verdacht, dass Putin von seinem ausgefuchsten Instinkt verlassen wurde und Fehler macht. Gegen Saudi-Arabien hatte er einen desaströsen Ölpreiskrieg entfacht, und die große Verfassungsänderung kam ins Stocken, die Putin die Macht bis 2036 sichern sollte. Die „Volksabstimmung“ darüber musste wegen Corona verschoben werden.

In der Krise erleben die Russen ihren „nationalen Anführer“, wie er offiziell genannt wird, ungewöhnlich kleinlaut. Wenig erinnert noch an den Putin, der schon mit sibirischen Kranichen am Himmel flog, im Bajkal-See mit dem U-Boot tauchte, der sich mit nacktem Oberkörper oder als siegreicher Judoka - also immer wieder als eine Art Superman - in Szene setzen ließ.

Verzweifelte Hilferufe aus dem Volk
Zahlreich sind nun Hilferufe verzweifelter Bürger und Unternehmer, Putin möge seine „Schatztruhe“ öffnen. Eine wirksame staatliche Unterstützung, wie andere Staaten sie in der größten Not gewähren, lässt in Russland weiter auf sich warten. In sozialen Netzwerken wimmelt es von Postings verzweifelter Menschen, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Vielerorts gibt es Hilfspakete, ein Gouverneur bot nun Ferkel und Kartoffeln an.

Der Rubel rollte - abwärts
Die Zentralbank-Chefin Elwira Nabiullina ist damit beschäftigt, nach dem Ölpreiscrash den Rubel vor dem Fall ins Bodenlose zu retten. Russlands Währung richtet sich am Ölpreis aus und verlor deshalb massiv an Wert gegenüber dem Dollar und Euro. Die Bank schüttete Milliarden Devisen auf den Markt, um den Rubel zu stützen.

Großmachtträume geplatzt
Weil der Haushalt der Rohstoff-Großmacht von den Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf abhängig ist, reißen die niedrigen Energiepreise ein Milliardenloch in den Etat. Manch einer sieht schon die Gefahr eines Rückfalls Russlands in jene von Armut geprägten 1990er-Jahre. Dabei steht Putin wie kein anderer für Jahre des Aufschwungs - für einen starken Lenker, der das Land nach dem Chaos damals wieder zu einer auch militärisch selbstbewussten Großmacht gemacht hat.

Arbeitslosenzahlen in Russland drohen zu explodieren
Doch nun wirke das Land, das gern in der Weltpolitik mitmische, in einem kritischen Moment schwach, schrieb der Wirtschaftsprofessor Jewgeni Gontmacher. Die Arbeitslosenzahlen drohen nun zu explodieren - auf womöglich zehn Millionen, heißt es in Analysen. Dieses Virus, die niedrigen Preise für Russlands wichtigste Exportgüter Öl und Gas, die Sanktionen des Westens wegen des Ukrainekonflikts - all das drohe, Putins Lebenswerk zu vernichten, meinen Experten.

Die Enttäuschung auch unter Putins Anhängern sei groß, weil der Kommandeur nicht „auf einem feurigen Pferd voranreitet“, sagt der Oppositionelle Leonid Gosman. So sei es in einem autoritären System eigentlich üblich. Doch viele Russen vermissen demnach Führungsstärke und Entscheidungsfreude bei dem Kremlchef.

Kaum Schutzausrüstung in Krankenhäusern
Vor allem aus dem Gesundheitswesen häuften sich zuletzt Berichte über Ärzte und medizinisches Personal, die kaum Schutzausrüstung haben - und in steigender Zahl an Covid-19 sterben. Das alles passt nicht in das von den Staatsmedien gezeichnete Bild, dass Russland alles im Griff habe. In seiner Videobotschaft zu Ostern zeigte sich Putin vor einem Kamin bei Kuchen und Tee - mit dem Standardsatz: „Alles wird gut.“ Doch viele Russen fragen sich, in welcher Welt ihr Präsident lebe.

Risse im System Putin
Das Moskauer Carnegie Center sieht Risse im System Putin. Der Carnegie-Experte Andrej Kolesnikow sagt, dass die politische Krise in Russland nun wichtiger werde als die wirtschaftliche. Auch der ungeschriebene Sozialpakt, wonach der Kreml sich um das Wohlergehen der Menschen kümmere und sich im Gegenzug darauf verlasse, dass sich die Bürger aus der Politik heraushielten, habe sich totgelaufen.

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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