14.03.2020 13:33 |

Ein Rückblick

Vor 50 Jahren: Erste LA-Hallen-EM in Wien

Wien erstickte im Schnee. Eigentlich kein Wunder im Land des Wintersports. Aber die weiße Pracht kam zur falschen Zeit und brachte die Austragung der 1. Hallen-Europameisterschaften am 14. und 15. März 1970 kurzfristig in „Riesengefahr“, wie es hieß. Genau 50 Jahre später blickt Olaf Brockmann zurück.

Jene Pioniere des Bundesheeres, die beim Umbau von der Eisrevue „Holiday on Ice“ zur Leichtathletik-Anlage mit der neuen Rundbahn helfen sollten, wurden kurzfristig zum Freischaufeln der Geleise am Anfang der nahe gelegenen Westbahnstrecke abkommandiert. „Dann schaute ich aus einem Fenster der Stadthalle und sah die jungen Soldaten mit ihren Schaufeln vom Westbahnhof zur Stadthalle kommen“, erzählt Roland Gusenbauer, OK-Chef dieser Europameisterschaften vor 50 Jahren, „da wusste ich, es kann mit dem Aufbau nichts mehr passieren.“ Der Weg war frei zu diesen glanzvollen Titelkämpfen, bei denen Rolands Ehefrau Ilona Gusenbauer eine ganz andere Aufgabe hatte. Sie sollte schlicht und einfach diese EM für die Gastgeber vergolden.

Ilona, damals 22 Jahre jung und Mutter der zweijährigen Ulla, zählte im Hochsprung gemeinsam mit Rita Schmidt (DDR), Cornelia Popescu (RUM) und Jordanka Blagojeva (BUL) zu den Favoritinnen. „Ich bin vor der Europameisterschaft aber schon 1,87 m gesprungen und hatte sogar Rita Schmidt in Ost-Berlin besiegt und war ganz optimistisch“, so „Ilo“, wie sie gerufen wird. Roland aber erinnert sich, dass seine Frau im Vorfeld der Titelkämpfe Rückenschmerzen gehabt hatte: „Wir wussten ehrlich nicht, ob sie überhaupt antreten konnte, dann erhielt sie aber Strombehandlungen und alles hat überraschend gut geklappt.“

„Pure Freude, ein riesiges Fest“
Am Tag der Entscheidung, dem 15. März, so erinnert sich die heute 72-Jährige, sei alles „ein Traum“ gewesen. Ihre spontane Erinnerung? „Es war pure Freude, ein irres Fest. Jeden Tag waren 8000 Zuschauer in der Stadthalle. Ich habe mich einfach irre gut gefühlt, alles war so gut.“ So locker und leicht verlief dann auch der Wettkampf für sie. Obwohl in die Organisation massiv eingebunden, saß Roland natürlich beim Hochsprung-Finale auf der Tribüne. „Damals waren ja die Regeln noch so streng, dass selbst Blickkontakt mit dem Coach verboten war. Aber ich schaute natürlich immer kurz zu Roland hinauf.“ Der mit Anweisungen und kleinen Korrekturen half, „was gerade beim Einspringen wichtig war“.

Kleiner Hänger
Wie so häufig bei großen Wettkämpfen, so hatte die Österreicherin auch bei der EM zu Beginn einen kleinen Hänger. 1,70 m erst im zweiten Versuch. Danach aber steigerte sich die Olympia-Achte von 1968 in einen Rausch, nahm die folgenden Höhen im ersten Durchgang. Schon bei 1,82 m trennte sich die Spreu vom Weizen. Ilona Gusenbauer meisterte als einzige Springerin 1,85 m. Noch dazu im ersten Versuch. Das bedeutete bereits Gold für Gusenbauer. Popescu, Schmidt und Blagojeva, die jeweils 1,82 m schafften, machten in dieser Reihenfolge die Plätze zwei bis vier unter sich aus.

Sykoras „wunderbare Gefühle“
Die Fans in der Stadthalle tobten. Es war der zweite EM-Titel für Österreich in knapp einer Stunde. Vor „Ilo“ hatte schon Maria Sykora, die Schwester von Liese Prokop, im Fünfkampf 1968 Olympia-Zweite sowie 1969 Europameisterin und Weltrekordlerin, über 800 m in 2:07,0 Gold gewonnen. Der Jubel der 8000 Zuschauer hatte sich kaum gelegt, da setzte Ilona Gusenbauer zum ultimativen Höhenflug an. Sie ließ die Latte auf 1,88 m legen, was eine neue Weltbestleistung (damals gab es in der Halle bekanntlich noch keine offiziellen Weltrekorde) bedeuten würde. Zweimal scheiterte die Österreicherin an dieser Höhe. Beim dritten Versuch aber segelte sie drüber. „Ich erinnere mich genau an diesen Sprung. Dieses wunderbare Gefühl, wenn du die Latte nicht berührst und du weißt, du hast es geschafft. Ich hielt auf der Matte damals meinen Kopf vor Glück in beiden Händen. Es war ein so wunderschöner Tag!“ Ein Fest für die Leichtathletik.

„Eine große Wiener Premiere“, wie auch der legendäre Leichtathletik-Journalist Heinz Vogel in der deutschen „Leichtathletik“ seinen Kommentar zu diesen Europameisterschaften titelte. Nach den europäischen Hallenspielen in Dortmund (1966), Prag (1967), Madrid (1968) und Belgrad (1969) war in Wien der Durchbruch zu den offiziellen Europameisterschaften in der Halle geglückt. Zu einem günstigen Zeitpunkt auch für Österreichs Leichtathletik, die Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre dank der zahlreichen Frauen-Erfolge sich in einem Hoch befand und sogar aus dem Schatten der Skifahrer trat.

Auch für Ilona Gusenbauer zählt dieses Gold im Rückblick auf ihre Karriere natürlich zu den Höhepunkten. „Alle meine großen Erfolge waren unterschiedlich, alle wunderbar!“ Wie 1971 das EM-Gold in Helsinki und der Weltrekord von Wien mit 1,92 (bei dem sie die legendäre Iolanda Balas um einen Zentimeter übertraf) sowie 1972 in München ihre Bronze-Medaille bei den Olympischen Spielen.

Eine wunderschöne, kleine Erinnerung an Wien vor 50 Jahren hat sich übrigens fest in ihrem Kopf verankert, lässt dieses Gold immer wieder in einem einmaligen Moment erstrahlen, den sie unbedingt noch teilen wollte. Womit wir noch einmal zu den widrigen Wetterbedingungen Mitte März 1970 zurückkommen. „Am Montag nach den Titelkämpfen musste ich noch einmal in die Stadthalle, weil ich etwas vergessen hatte. Es herrschte heftiger Sturm. Und rund um die Stadthalle wurden auf den Straßen die Tageszeitungen “Kurier„ und “Krone„ herumgewirbelt. Überall sah ich mein Portrait auf den Titelseiten. Das werde ich nie vergessen, so etwas haben wohl wenige Menschen erlebt…“

Olaf Brockmann

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