06.07.2010 15:53 |

58 Juden erschossen

Ex-SS-Mann starb vor Mordprozess in Deutschland

Ein wegen Mordes an 58 jüdischen Zwangsarbeitern im Burgenland angeklagter ehemaliger SS-Mann ist vor seinem Prozess gestorben. Der 90-jährige Deutsche verschied nach Angaben der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für NS-Verbrechen in Dortmund und des Landgerichts Duisburg am 28. Juni. Der frühere Offizier wurde nach Angaben der "tageszeitung" auf der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher des Simon-Wiesenthal-Instituts auf Platz vier geführt.

Die Zentralstelle für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen warf dem Ex-SS-Mann vor, als Angehöriger der 5. SS-Panzer-Division "Wiking" mit anderen SS-Leuten und Angehörigen der Hitlerjugend in der Endphase des Zweiten Weltkrieges die Erschießung von mindestens 57 jüdischen Zwangsarbeitern in einem Waldstück im burgenländischen Deutsch-Schützen (Bezirk Oberwart) beschlossen und ausgeführt zu haben.

Bluttaten am 29. März 1945 begangen
Die Zwangsarbeiter wurden laut Anklage am 29. März 1945 in mehreren Gruppen in ein Waldstück gebracht, mussten sich in einem Graben niederknien und wurden dann vom Beschuldigten und weiteren SS-Angehörigen von hinten erschossen. Dem SS-Angehörigen wurde außerdem zur Last gelegt, am selben oder am darauffolgenden Tag einen erschöpften und nicht mehr gehfähigen jüdischen Zwangsarbeiter in der Nähe von Jabing (Bezirk Oberwart) heimtückisch von hinten erschossen zu haben.

Wiener Student hatte Fall ins Rollen gebracht
Überhaupt erst zur Anklage gekommen war es dank der Recherchen eines Studenten des Wiener Politikwissenschaftlers Walter Manoschek. Der Hochschüler Andreas Forster war vor zwei Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Massaker an 200 Juden in Rechnitz im März 1945 beim Studium von Gerichtsakten eher zufällig auf den Namen des 90-Jährigen gestoßen. Im Zuge der Recherchen seien auch zwei Augenzeugen der Taten von Deutsch-Schützen ausfindig gemacht worden, berichtet Manoschek.

Die ehemaligen Angehörigen der Hitlerjugend machten zwar keine Angaben zum Massaker Ende März 1945, bezeugten aber, dass der SS-Mann beim Weitermarsch einen jüdischen Zwangsarbeiter erschossen habe, so der Uni-Professor. Weitere Nachforschungen in deutschen Archiven hatten den Verdacht gegen den nunmehr Verstorbenen erhärtet. Der Universitätsprofessor führte dann auch ein persönliches Gespräch mit dem Mann. Er habe die Vorwürfe weder bestritten noch bestätigt, sondern angegeben, sich an nichts erinnern zu können. Manoschek erstattete daraufhin wegen "dringenden Tatverdachts" eine Anzeige.

"Da ist nicht sehr intensiv ermittelt worden"

Die Entdeckung der Wiener Wissenschaftler warfen ein Schlaglicht auf Versäumnisse der österreichischen Justiz bei der Aufarbeitung von Nazi-Kriegsverbrechen. Im Fall Deutsch-Schützen gab es nämlich zwei Gerichtsprozesse (in den Jahren 1946 und 1956). Der Verdächtige sei jeweils zur Fahndung ausgeschrieben gewesen. Dass man ihn nicht finden konnte, sei beim ersten Prozess in der unmittelbaren Nachkriegszeit vielleicht noch nachvollziehbar gewesen, beim zweiten im Jahr 1956 aber nicht, kritisierte Manoschek. Schließlich lebte Adolf S. seit 1946/47 durchgehend an der selben Adresse und er habe auch seinen Namen nicht verändert.

Manoschek selbst konnte den 90-Jährigen bei seinen Recherchen "mit einer simplen elektronischen Telefonbuchrecherche" aufstöbern . "Um es vorsichtig auszudrücken: Da ist nicht sehr intensiv ermittelt worden", meinte der Politikwissenschafts-Professor, der die Recherchen in Form eines Buches mit dem Titel "Der Fall Rechnitz: Das Massaker an Juden im März 1945" herausgegeben hat.

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