21.01.2020 09:46 |

Anlass zur Sorge

Ski-Lazarett! Frust und Wut über die Knie-Misere

Kreuzbandrisse stehen im Skiweltcup beinahe auf der Tagesordnung. Bald 40 verletzte Profis seit Jänner 2019 geben Anlass zur Sorge. Ohne tief greifende Änderungen wird aus dem Skizirkus ein Lazarett.

Kniespezialist Christian Fink sitzt im Wartebereich der Privatklinik Hochrum und seufzt: „Man merkt, das Kreuzband hat Hochsaison.“ Rund fünf Patienten werden in dem beschaulichen Tiroler Krankenhaus täglich am Knie operiert, das Gros davon landet direkt von der Piste auf dem OP-Tisch des Arztes, zu dessen Patienten auch Hunderte Spitzensportler aus aller Welt zählen. Vor allem Skistars.

„Massiv frustrierend“
„Es ist massiv frustrierend“, gesteht Fink, der dem Skiverband zur Seite steht, „gerade im Damenrennsport haben Knieverletzungen ein beängstigendes Ausmaß erreicht. Echt schlimm. Da muss sich etwas ändern!“

Nach rund 30 Kreuzbandrissen von im Weltcup aktiven Athleten seit Jänner 2019 steigt die Wut über die Knie-Misere, die wie ein Damoklesschwert über jedem Skiprofi hängt: „Man denkt nicht daran, geht stets ans Limit. Und völlig unberechenbar passiert es“, sagt Verena Stuffer (It), Athletensprecherin im Weltverband FIS. Seit Jahren wird in Expertengruppen um Lösungen gefeilscht: Pläne mit der Skiindustrie erarbeitet, Trainingspläne optimiert oder die Pistenpräparation verbessert. Ohne Erfolg.

Schrauben bei Material und Reglement drehen
Vielmehr vergeht kaum ein Rennen, nach dem nicht eine weitere schwere Verletzung vermeldet wird. Aus dem österreichischen Lager traf es zuletzt Daniel Meier als Vorläufer in Wengen. „Das Problem ist komplex. Für die goldene Antwort würden wir viel investieren!“, meint Atle Skårdal (oben im Bild), Technischer Koordinator vom Verletzungsbeobachtungsprogramm der FIS. Der Ex-Profi weiß, wovon er spricht. Vor Olympia 1992 erlitt der heute 53-Jährige einen Kreuzbandriss, noch immer spürt er Folgen der Verletzung.

„Alle müssen zusammenarbeiten“, sagt Skårdal, der auch an die Eigenverantwortung der Athleten appelliert: „Der Sportler muss selbst entscheiden, ob er fit genug für einen Start ist. Viele kehren nach einer Verletzung viel zu früh wieder in den Rennsport zurück.“

Insbesondere Frauen gefährdet
Dr. Fink vertritt eine andere Meinung: „Es muss materialseitig an Schrauben gedreht und das Reglement angepasst werden, insbesondere bei den Frauen. Sie sind leichter, stehen aber auf dem gleichen aggressiven Material wie ihre männlichen Kollegen.“ Eine minimale Rücklage reicht für ein plötzliches massives Rotationselement, dem kein Band standhält. Auch nicht mit einem viel diskutierten Knieschutz.

Eine Trendwende einzuleiten ist eine Mammutaufgabe. Doch lässt die FIS alles beim Alten, läuft der Skizirkus Gefahr, zum Lazarett zu werden. Mit seinen Akteuren als Leidtragende.

Anja Richter, Kronen Zeitung

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