17.12.2019 17:37 |

Terrorverdacht

Mithäftling brachte Polizei auf Dschihadisten-Spur

Der Tippgeber, der die Ermittlungen und schließlich auch die Vereitelung möglicher Terrorattacken in Wien ins Rollen gebracht hat, ist selbst ein Insasse der Justizanstalt Hirtenberg. Er war es, der den Verfassungsschutz auf die Spur des Trios gebracht hatte, das eine ganze Anschlagsserie geplant haben soll. Der Grund: Er habe Mitleid mit der Frau des Hauptverdächtigen Sergo P. (24) gehabt, die dieser nach seinem geplanten Ausbruch zurücklassen habe wollen.

Der 24-jährige Tschetschene gilt nach derzeitigem Ermittlungsstand als Hauptverdächtiger. In dem Gefängnis - es ist für Häftlinge konzipiert, die zwischen eineinhalb und sechs Jahre abzusitzen haben - verbüßte Sergo P. seine letzte Strafe. Seine in der Vorwoche in U-Haft genommenen mutmaßlichen Komplizen - zwei Tschetschenen im Alter von 25 und 31 Jahren - sollen für ihn als Helfer fungiert haben.

Mitleid mit Frau von Sergo P.
Der bereits zweimal wegen terroristischer Vereinigung verurteilte Dschihadist soll in Hirtenberg offen seine Sympathie für die radikalislamistische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zur Schau gestellt und sich zum IS bekannt haben. Ein Mithäftling wandte sich eines Tages an die Behörden und berichtete, der 24-Jährige plane seinen Ausbruch aus dem Gefängnis, um nach Syrien zu ziehen und sich dort dem IS anzuschließen.

Der Hinweisgeber erklärte später, er habe deshalb die Behörden informiert, weil ihm die Frau und das Kind des 24-Jährigen leidgetan hätten, die Sergo P. offenbar in Österreich zurücklassen wollte. Detail am Rande: Der Sohn des Hauptverdächtigen trägt laut Informationen der APA den Namen Osama.

Auch U-Bahn im Visier
Der anonyme Hinweisgeber dürfte in weiterer Folge die Behörden regelmäßig mit Informationen versorgt haben. Er teilte mit, die kürzlich wegen Gefahr im Verzug festgenommenen Tschetschenen seien dem 24-Jährigen beim Fluchtversuch und bei der Vorbereitung beabsichtigter Terroranschläge behilflich. Diese hätten sich zunächst nicht nur gegen den Weihnachtsmarkt am Wiener Stephansplatz, sondern auch gegen das U-Bahn-Netz richten sollen, das den Stephansplatz tangiert.

Hauptverdächtiger kurz vor geplantem Ausbruch verlegt
Die beabsichtigte Flucht aus Hirtenberg soll sich angeblich schon in einem konkreten Planungsstadium befunden haben, als Sergo P. ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde, indem er rechtzeitig in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt wurde. Dort befindet er sich aktuell weiter in Strafhaft, wie das Justizministerium am Dienstag bestätigte. Abgesehen davon gab es seitens des Ministeriums und der zuständigen Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt weiterhin keine fallbezogenen Stellungnahmen.

Handy und WhatsApp im Gefängnis genutzt
Mit seinen angeblichen Helfern kommunizierte Sergo P. in Hirtenberg per Mobiltelefon, indem man sich per WhatsApp verständigte und sich gegenseitig Audiodateien zukommen ließ. Zumindest der 25-Jährige besuchte den um ein Jahr Jüngeren auch im Gefängnis, wobei diese Besuche überwacht wurden. „Weil er ihm leidgetan hat. Sergo P. hatte keine Freunde“, erläuterte Wolfgang Blaschitz, der Verteidiger des 25-Jährigen, dessen Beweggründe.

Komplizen nur für Ausbruchspläne eingespannt?
Wie Blaschitz am Dienstagnachmittag betonte, gebe es keine Hinweise, dass die mutmaßlichen Komplizen sich mit Sergo P. über terroristische Anschläge unterhalten hätten. Auf dem Handy, das bei Sergo P. sichergestellt werden konnte und das mittlerweile ausgewertet wurde, hätten sich „keine tatrelevanten Inhalte“ gefunden, so Blaschitz.

Wie kam Häftling an Mobiltelefon?
Dass in der Justizanstalt Hirtenberg ein radikalislamistischer Straftäter ein Mobiltelefon zur Verfügung hatte und damit - so jedenfalls die Verdachtslage - auch IS-Propagandamaterial geteilt haben dürfte, wollte man im Justizministerium nicht kommentieren. Mediensprecherin Christina Ratz hob jedoch hervor, dass in den Justizanstalten neben wöchentlichen und täglichen Haftraumkontrollen bzw. Kontrollen anderer Bereiche zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung auch sogenannte Schwerpunktaktion durchgeführt werden.

Diese Durchsuchungen finden in unregelmäßigen Intervallen statt, damit sie für die Insassen nicht vorhersehbar sind. Zum Aufspüren von Mobiltelefonen werden auch sogenannte Mobilfinder eingesetzt. Im Vorjahr wurden in sämtlichen Justizanstalten des Landes insgesamt 720 unerlaubte Mobiltelefone sichergestellt. Wer als Besitzer eines verbotenen Handys oder Smartphones erwischt wird, muss mit der Beschränkung oder Streichung von Vergünstigungen, dem Entzug bestimmter Rechte - etwa Briefverkehr, Besuchs- oder TV-Empfang -, Geldbußen und bis zu vierwöchigem Hausarrest rechnen.

Polizei informierte Kollegen aus Deutschland
Im Zuge der Ermittlungen nahm die heimische Polizei auch Kontakt mit Behörden in Deutschland auf. Das deutsche Bundeskriminalamt sei am Montag über den Fall informiert worden, berichtete BKA-Chef Holger Münch am Dienstag.

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