02.10.2019 06:00 |

Filzmaier-Analyse

Ungleiches Paar: Kurz & Kogler auf großer Fahrt

Die Herren Sebastian Kurz und Werner Kogler könnten kaum verschiedener sein. Alter, Aussehen und Typ sind der reinste Gegensatz. Ihre politische Herkunft noch mehr. Doch beide sind Wahlsieger. Warum? Politologe Peter Filzmaier analysiert.

1. Fangen wir mit einer Positiveigenschaft an, die vielleicht manche Leser überrascht. Kurz und Kogler sind Berufspolitiker. Das klingt unpopulär. Doch der deutsche Soziologe Max Weber hat bereits 1919 einen Klassikertext „Politik als Beruf“ geschrieben. Vieles darin ist heute veraltet, doch den Gelegenheits- und Nebenberufspolitikern erteilt Weber eine Absage. Weil sie in höheren Ämtern nicht ausschließlich der Sache verpflichtet sind. Auch Quereinsteiger sind ja nur selten erfolgreich.

2. Sebastian Kurz hat nie etwas anderes als Politik gelernt oder gemacht. Er begann seine Karriere 2008 mit Funktionen in der Wiener ÖVP und der Jungen Volkspartei. Bis 2011 war er Abgeordneter zum Wiener Gemeinderat und Landtag, bevor man ihn als „Integrationsstaatssekretär“ ins Innenministerium holte. 2013 gelobte der Bundespräsident Kurz mit 27 Jahren als jüngsten Außenminister der Geschichte an. Von Ende Dezember 2017 bis zu seiner Abberufung im Mai 2019 war er Bundeskanzler. Einen zivilen Beruf hatte Kurz zu keiner Zeit. Na und? Der erlernte Politikerberuf hat Kurz geholfen, aus dem Haufen der ÖVP eine geschlossene Wahlbewegung zu machen. Auch seiner Politik als Kanzler kann man je nach Meinung zustimmen oder nicht, aber handwerklich konnte er die Regierungsorganisation. Genauso spricht ihm niemand sein allgemeines Fachwissen für viele Politikbereiche ab.

3. Natürlich kommt da immer das Argument mit der Lebenserfahrung. Doch war es etwa ein Vorteil, dass Heinz-Christian Strache einmal Zahntechniker war? Sicher nicht. Werner Kogler – 24 Jahre älter als Kurz – hat ebenfalls das politische Geschäft von der Pieke auf gelernt. Vom Gründungsmitglied seiner Partei über den Klubmitarbeiter im Parlament bis zum Abgeordneten von 1999 bis 2007. Deshalb ist er ein erfolgreicher Bundessprecher, der die Grünen wieder in den Nationalrat führte. Und nicht, weil er in grauer Vorzeit in universitären Forschungsprojekten arbeitete.

4. Wer der Ansicht ist, dass wir politische Profis brauchen, kann Kogler wie auch Kurz diesen Status nicht absprechen. Im Wahlkampf freilich geht es um Kommunikation. Irgendetwas müssen Kurz und Kogler da richtig gemacht haben. Kurz war in Summe sowohl 2017 als auch 2019 unter den Wählern der ÖVP das mit Abstand stärkste Wahlmotiv. Das Bemerkenswerte dabei: Vor zwei Jahren schaffte er es, sich als Inbegriff der Veränderung zu inszenieren, obwohl er viele Jahre selbst Bestandteil der rot-schwarzen Bundesregierung gewesen war. 2019 führte er einen Amtsinhaberwahlkampf, obwohl er das Kanzleramt gar nicht mehr innehatte. Zugleich schaffte es Kurz, sich als armes Opfer von Schmutzkübeln darzustellen, obwohl seine ÖVP und sein unmittelbares Team im Austeilen von Untergriffen auch nicht zimperlich sind.

5. Kogler kommt hingegen laut ORF-Wahlforschung bei den Hauptgründen der Grünwähler für ihren Parteientscheid nicht unter die „Top 5“. War er deshalb weniger wichtig? Nein! Ganz im Gegenteil: Das Letzte, was die Grünen gebraucht hätten, wäre ein fundamentalistischer Selbstdarsteller gewesen. Kogler war der perfekte Transporteur für das gewinnbringende Umwelt- und Klimathema. Zugleich war Kogler gerade in Umweltfragen so gemäßigt, dass er weder mit erhobenem Zeigefinger eine moralische Überheblichkeit der Grünen zeigte, noch alltagsfremd unrealistische Erwartungen des Typs pflegte, dass niemand mehr in ein Auto oder Flugzeug einsteigen dürfe. So erreicht man Wechselwähler. Nur deklarierte Grünfeinde waren ihm egal, denn diese wählen sowieso sicher eine andere Partei. Nicht einmal der Fall Chorherr mit fragwürdigen Vereinsspenden konnte Kogler schaden, denn persönlich ist er als Kontrolleur und Korruptionsbekämpfer beim Hypo-Alpe-Adria-Bankenskandal unangreifbar.

6. Treten nun also Kurz und Kogler die große Fahrt einer gemeinsamen Koalitionsreise miteinander an? Zwei große Probleme haben beide miteinander. Trotz aller Unterschiede nicht auf der persönlichen Ebene. Inhaltlich beträgt die Übereinstimmung der Themenpositionen ihrer Parteien nur 20 Prozent. Das verlangt viele Verhandlungskompromisse. Hinzu kommt ein strategisches Dilemma: Kurz hat mit seiner ÖVP rund 250.000 ehemalige Wähler der FPÖ gewonnen. Denen zu vermitteln, dass man nun mit den Grünen koaliert, wird schwierig bis unmöglich. Umgekehrt holten Koglers Grüne fast 200.000 Stimmen von der SPÖ. Für diese Leute ist Kurz kein Messias, sondern der „Gottseibeiuns“. Kurz und Kogler müssten also bei der Erklärung einer türkis-grünen Koalition kommunikativ mindestens so gut sein wie im Wahlkampf.

Peter Filzmaier, Kronen Zeitung

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