04.09.2019 22:02 |

Ende für Legende

Hirscher: „War wichtig, am Höhepunkt aufzuhören!“

Das Geheimnis, das eigentlich keines mehr war, ist am Mittwochabend offiziell gelüftet worden: Ski-Superstar Marcel Hirscher erklärte in Salzburg seinen Rücktritt! „Heute ist der Tag, an dem ich meine aktive Karriere beende“, sagte der vom Liechtensteiner Ex-Skirennläufer Marco Büchel interviewte 30-Jährige. Zehn Jahre nach Hermann Maier verliert die Skination Österreich damit wieder einen Sportler, der den Nischensport in die ganze Welt hinausgetragen und dem Land eine Sieger-Identität gegeben hat.

Hirscher ließ die Gäste im Salzburger „Gusswerk“ sowie die Zuschauer daheim vor den Fernseh-Bildschirmen nicht lange im Ungewissen. Ohne viel Herumgerede machte der Salzburger gleich zum Start der Veranstaltung alles klar: „Liebe Zuschauer daheim, danke fürs Einschalten. Und ich mache es wirklich kurz und schmerzlos. Ich meine, es ist keine große Überraschung mehr: Ja, es ist heute der Tag, an dem ich meine aktive Karriere beenden werde! Jetzt ist es draußen. Jetzt wird es, glaube ich, leichter und besser für mich.“ Hirscher gab an, dass seine Entscheidung zum Rücktritt vor rund zwei Wochen in ihm gereift sei. „Es ist die Summe aus vielen Gründen, die mich dazu gebracht haben.“ Die Motivation zu finden, sei immer schwieriger, zudem sei die Zeit zur Regeneration immer knapper, verglich er sich nun mit einer gebrauchten Batterie, die zum Aufladen immer länger brauche. „Der Sommer wird fast zu kurz!“

Er sei aber auch froh, zwölf Jahre auf hohem Niveau ohne große Verletzungen erlebt zu haben. „Ich glaube, dass ich wahnsinnig Glück habe, dass ich mit zwei gesunden Knien nach Hause fahren darf. Ich möchte mit meinem Kleinen Fußball spielen, auf den Berg gehen, Motocross fahren. Ich kann es machen ohne Beschwerden.“ Er habe auch als Sieger zurücktreten wollen, deshalb sei der Zeitpunkt nun ideal. „Ich wollte es nicht übersehen. Ich bin am Zenit. Es war wichtig, am Höhepunkt aufzuhören und als Sieger zu gehen“, sagte Hirscher. Aber, ja, jetzt ist es dann doch sehr rasch gegangen. Es fühlt sich aber immer noch gut an„, gestand Hirscher. Auf seine Karriere blicke er gerne zurück. “Ich bin stolz auf das, was ich zusammengebracht habe. Ich würde es genauso noch einmal machen."

Hirscher war vergangenen Winter in Aare nochmals Weltmeister im Slalom geworden. „Auf der letzten Rille“, wie er nun gestand. „Es hat wahnsinnig viel Kraft gekostet.“ Nach dem Winter war der Salzburger rasch abgetaucht. Sein obligatorisches Sommergespräch Anfang August hatte Hirscher kurzfristig abgeblasen, was erstmals Rücktritts-Vermutungen befeuert hatte. Heute, sechs Wochen vor dem Auftakt der kommenden Weltcup-Saison, beendete er das Rätselraten und wirkte dabei gefasst und fast schon erleichtert. „Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe und dass es jetzt ruhiger wird“, Auch für Österreichs Ski-Herren beginnt ein neues Zeitalter, auch eines der Chancen. „Für den Gesamtweltcup ist es heuer sicher noch zu früh. Aber mannschaftlich, speziell im Technikbereich ist der Generationenwechsel vollzogen“, traut er seinen ÖSV-Nachfolgern wie Manuel Feller, Michael Matt oder Marco Schwarz viel zu.

Für Hirscher selbst beginnt nun ebenfalls eine neue Zeitrechnung. Mit „spannenden Projekten“, wie er betonte, ohne Details zu verraten. Seine Erfahrung weiterzugeben, sei aber ein Thema gestand er. Was er am wenigsten vermissen werde, sei das Kofferpacken. Den Wettkampfkitzel möchte sich der begeisterte Motorradfahrer aber weiterhin holen, „aber nicht wo es ums Gewinnen geht.“ Der erste Tag als offizieller Ski-Pensionist habe aber andere Inhalte, sagte der 30-Jährige, der sich bei seiner Familie, den Weggefährten und dem Team ausführlich bedankte. „Ausschlafen und mit dem Frühstücken werde ich mir so viel Zeit lassen, wie ich möchte. Insgesamt freue ich mich, dass ich mehr von jenen Sachen machen kann, die ich bisher dem Profisport untergeordnet habe. Aber es war schon genial, dass Österreich so ski-fanatisch ist.“

Nun, zum Abschluss seiner Karriere, sei es ihm jedenfalls wichtig gewesen, „dass wir in so einem Rahmen noch einmal zusammenkommen, sprach er die Abschiedsveranstaltung im “Gusswerk„ an. Weil ich glaube, dass das eine super Gelegenheit ist, noch einmal Danke zu sagen für so eine gewaltige Zusammenarbeit, die wir über so viele Jahre gehabt haben. Jetzt freue ich mich, dass es so ist, wie es heute dasteht.“ Die letzten zwei Wochen seien sehr turbulent gewesen. „Man kann sich das vorstellen: Es ist kein Berufswechsel, es ist kein Jobwechsel - es ist ein Leben, das man von heute auf morgen beendet. Ich bin gespannt, was die Zukunft für mich bringen wird. Es wird sicherlich sehr spannend“, so Hirscher. Letztlich richtete er auch einen Dank an all jene Fans, die mit ihm bei den vielen, vielen Rennen seiner Karriere mitgefiebert hatten: „Danke, dass ich zehn Jahre durch eure Wohnzimmer carven durfte!“

Freilich: Es würde immer noch einen Rekord hier und eine Bestleistung da geben, die Skistar Hirscher knacken könnte. Aber er will eben nicht mehr. Der Sieg in Schladming am 29. Jänner war der letzte im Weltcup, jener am 17. Februar bei der WM in Aare im Slalom der finale überhaupt. In der Saison 2018/19 hatte sich der Salzburger Hirscher auf der Sportbühne wieder ein Stück weiter emporgehoben, in Schweden krönte er sich zum erfolgreichsten Alpin-Skiläufer bei Welt-Titelkämpfen. Zum achten Mal entschied er den Gesamtweltcup für sich, zum jeweils sechsten Mal die Wertungen in Slalom und Riesentorlauf. Mit 20 Kugeln zog er mit Rekordhalterin Lindsey Vonn gleich, die bei der WM mit großem Brimborium abgetreten war. Hirscher überlegte mit Bedacht, wie es weitergehen wird. „Was außer Frage steht, ist die große Liebe zum Sport“, hatte er im Saisonfinish noch nicht gewusst, wohin seine Reise geht.

Klargestellt hatte er beim Finale in Soldeu im März, dass es ihn nur ganz oder gar nicht geben wird. „Man fährt nicht nur Rennen, man fährt um Kugeln, man fährt um eine Gesamtwertung. Es ist ein Unterschied, ob man sich für den Einzelwettkampf vorbereitet oder das große Projekt.“ Doch hatte Hirscher nach der Geburt seines Sohnes im vergangenen Oktober mehrfach verschobene Prioritäten angesprochen und schon im nun für ihn letzten Wettkampf-Winter die Dauer seiner Reisen auf ein Minimum beschränkt. Oft war er mit dem vom Sponsor zur Verfügung gestellten Privatflugzeug gereist. Der Gefühlsmensch Hirscher hat nun also diese Lebensentscheidung getroffen. Hirscher schaufelte 67 Weltcup-Siege auf seine Habenseite, auf die Bestmarke des Schweden Ingemar Stenmark fehlen 19. Viele dachten, dass der Reiz, diesen Rekord doch noch zu übertreffen, für Hirscher groß genug zum Weitermachen sein werde. Doch der nun 30-jährige Annaberger wird sich neue Herausforderungen suchen.

Steckbrief von Marcel Hirscher
Geboren: 2. März 1989 in Hallein
Wohnort: Annaberg/Salzburg
Familienstand: verheiratet mit Laura, ein Sohn (geb. 2018)
Verein: SC Annaberg
Hobbys: Motocross, Kajak, Musik
Größte Erfolge:
Olympia (2 Gold, 1 Silber): Gold Kombination 2018 Pyeongchang; Gold Riesentorlauf 2018 Pyeongchang; Silber Slalom 2014 Sotschi; 4. Riesentorlauf 2010 und 2014, 5. Slalom 2010
WM (7 Gold, 4 Silber): Gold Slalom 2013 Schladming; Gold Alpine Kombination 2015 Vail/Beaver Creek; Gold Riesentorlauf und Gold Slalom 2017 St. Moritz; Gold Teambewerb 2013 und 2015; Gold Slalom 2019 Aare; Silber Riesentorlauf 2013, Silber Riesentorlauf 2015, Silber Kombination 2017; Riesentorlauf 2019, 4. Riesentorlauf 2009
Weltcup: 8 Gesamtsiege (2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19); Riesentorlauf-Weltcupsieger 2011/12, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19; Slalom-Weltcupsieger 2012/13, 2013/14, 2014/2015, 2016/17, 2017/18, 2018/19; 67 Siege - 31 Riesentorlauf, 32 Slalom, 1 Super-G, 1 Parallel-Riesentorlauf, 2 City Event
Junioren-WM: Gold Riesentorlauf 2007 und 2008 sowie Slalom 2008; Silber Slalom 2007 und Super-G 2009; Bronze Riesentorlauf 2009
Europacup: 3 Siege; Gesamt- und Slalom-Sieger 2007/08
Auszeichnungen: Österreichs „Sportler des Jahres“ 2012, 2015, 2016, 2017, 2018; „Welt-Skifahrer“ 2012, 2015, 2016, 2018; „Europäischer Sportler des Jahres“ 2017

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