21.04.2019 14:25 |

Kannte Ansbach-Täter

Terrorist aus Wien-Simmering: Die Akte Qaeser A.

Qaeser A. hatte fixe Jobs, arbeitete gratis in einem Altersheim, gab den braven Familienvater. Staatsschützer halten den Iraker für einen brandgefährlichen IS-Fanatiker. Die „Krone“ bekam Einblick in seine Akte.

Seit sieben Jahren lebte er schon in Wien, zuerst im 15., später im 13., zuletzt im 11. Bezirk. Er arbeitete in den Lagern von Brotfabriken und Supermärkten, hatte Jobs als Nachtwächter und bei Security-Firmen. In seiner Freizeit kümmerte er sich ehrenamtlich um die Bewohner eines Altenheims; und er bastelte bunte Plakate für Kirchenfeste. Der Iraker Qaeser A., verheiratet, vier Kinder, galt in seinem Umfeld als völlig unauffällig - bis er am 26. März in seiner Gemeindewohnung in Simmering verhaftet wurde.

Hat er auch in Frankreich Anschläge begangen?
Mittlerweile hat der 43-Jährige vier Zuganschläge in Deutschland, geschehen von Oktober bis Dezember 2018, gestanden. Dass er an den Tatorten Disketten mit islamistischen Hassreden, IS-Fahnen hinterlassen, eines seiner Attentate „zu Dokumentationszwecken“ gefilmt und im Namen des „Heiligen Kriegs“ Bekennerschreiben verschickt hat, bestreitet er nicht: „Aber ich tat das nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Er sei kein religiöser Fanatiker, beteuert er, er habe mit seinen Verbrechen bloß auf „die ungerechte Politik Deutschlands, mein Heimatland betreffend“, hinweisen wollen - und sie „natürlich im Alleingang“ begangen. „Ich gehöre keiner terroristischen Organisation an“, behauptet er standhaft.

Obwohl Fakten anderes vermuten lassen: Unzählige Male reiste der Iraker in den vergangenen Jahren nach Deutschland, Frankreich, Italien und in die Schweiz, per Bus, Mietwagen oder Bahn. „Um das schöne Europa kennenzulernen“, wie er sagt. Den Ermittlungsergebnissen der Staatsschützer zufolge soll er in Hamburg, Berlin, Paris, Marseille, Genf, Zürich und Mailand Extremisten getroffen haben.

Enger Kontakt zu Attentäter von Ansbach
Qaeser A. steht zudem unter dem Verdacht, an Anschlägen in Frankreich beteiligt gewesen zu sein. Als gesichert gilt: Er stand einst in engem Kontakt zu Mohammed Daleel, jenem 27-jährigen Syrer, der am 24. Juli 2016 im bayrischen Ansbach ein Selbstmordattentat verübt und dabei 15 Menschen - zum Teil schwer - verletzt hat. 

Weitere belastende Indizien gegen den Iraker: 

  • Die Drahtseil- und Holzpflock-Konstruktionen, die er oberhalb und auf Schienen anbrachte, sind ident mit in IS-Handbüchern angeführten Bauanleitungen für Bahnanschläge.
  • In einschlägigen Foren riefen die „Heiligen Krieger“ zuletzt ihre „Brüder in Europa“ verstärkt dazu auf, Attentate mit Lastkraftwagen zu begehen - Qaeser A. war bereits dabei, den Lkw-Führerschein zu machen.
  • Und: Diverse Internet-Aktivitäten des 43-Jährigen belegen eindeutig seine geistige Nähe zum IS - und seine Gewaltbereitschaft.

Wann wurde der Mann zum Fanatiker? Was ist seine Geschichte? Er wuchs in Bagdad auf, mit fünf Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen. „Trotzdem, solange Saddam Hussein an der Macht war, hatten wir ein angenehmes Dasein“, erklärt er.

„Ich sollte in meiner Heimat getötet werden“
Qaeser A. besuchte ein Gymnasium, legte die Matura ab. Danach arbeitete er als Verkäufer, Kellner und Lkw-Fahrer (ohne Führerschein). Mit 28 lernte er Shehrazad kennen, sie war damals 17, Verwandte arrangierten eine Verehelichung der beiden. „In der Folge musste ich mich meinem Mann total unterordnen“, berichtet die Frau in Vernehmungen, und dass sie von ihm zu einem „Vagabundenleben“ verdammt worden sei: „Ständig wechselte er seine Jobs, ständig zogen wir um.“

Qaeser A. begründet dies mit seiner „politischen Verfolgung nach Husseins Sturz“. Zwei seiner Brüder seien von Schiiten getötet worden, „auch ich sollte ermordet werden, mit einer Autobombe, in meinem Körper sind noch immer viele Splitter davon“. 2007 habe er beschlossen (sein Sohn war damals zwei, seine Frau mit einem Mädchen schwanger), nach Syrien zu flüchten, „wir blieben dort ein Jahr, danach gingen wir in die Türkei“, wo er als Schlosser arbeitete.

2012 stellte das Paar einen Asylantrag in Österreich. Er bekam hier weitere zwei Töchter. Finanziell ging es der Familie nie schlecht; der Mann verfügte stets über ein fixes Gehalt, etwa 1100 Euro; mit Sozialunterstützung und Kinderbeihilfe betrug das Netto-Monatseinkommen über 3000 Euro. Qaeser A. verfügte also über genügend Geld, um seine Auslandsreisen finanzieren zu können. Dem Iraker droht nun eine Anklage wegen mehrfachen versuchten Mordes und der Mitgliedschaft bei einer terroristischen Vereinigung. Im Falle einer Verurteilung wird er wahrscheinlich nicht an sein Heimatland ausgeliefert.

„Er wollte nach Syrien“
Shehrazad ist ebenfalls in Haft, auf bei den Zug-Anschlägen verwendeten Stahlseilen und Klebebändern wurde ihre DNA sichergestellt. Die 32-Jährige bestreitet eine Mittäterschaft: „Ich wusste nichts von dem dunklen Doppelleben meines Mannes.“ Und: „Wenn er per Internet mit mir unbekannten Personen kommunizierte, wurde er sehr aggressiv - und dann schlug er mich mit Elektrokabeln.“

Zuletzt habe er oft von Scheidung gesprochen, „er hasste Europa, wollte nach Syrien und dort eine Witwe heiraten“. Damit ihn seine Kinder in guter Erinnerung behalten, „hatte er vor, mit ihnen und mir im kommenden Sommer in Ägypten Urlaub zu machen“. Die drei Töchter und der Sohn sind nun in einem Heim untergebracht. „Mit Allahs Hilfe“, so die Frau, „werde ich sie zurückbekommen“. Anwältin Astrid Wagner verteidigt Shehrazad: „Sie ahnte nichts von den Taten ihres Mannes.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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