Mo, 12. November 2018

Offroad-Tour

13.09.2018 10:55

Mazedonien: Fernab vom Massentourismus

Historische Klöster, malerische Bergseen und Menschen, die vor Lebensfreude sprühen - die Offroad-Tour durch das Balkanland Mazedonien ist eine Reise zurück in der Zeit.

Gibt es sie noch? Die weißen Flecken auf der europäischen Landkarte? Ursprüngliche Gegenden, an denen der Massentourismus spurlos vorbeigezogen ist? Die Antwort lautet „da!“ - das ist mazedonisch und bedeutet „ja!“. Wir drücken die Offroad-Taste unseres 190 PS starken Gefährts und los geht die Rallye durchs Balkanland. Es ist eine Tour über Stock und Stein, die sich anfühlt wie eine Reise zurück in eine längst vergangene Zeit. Als Ausgangspunkt für das Abenteuer auf vier Rädern bietet sich die bulgarische Hauptstadt an. „Das ist mein Rom“, soll Kaiser Konstantin der Große im 4. Jahrhundert voll Entzücken über Sofia gesagt haben. Doch wir lernen von der Metropole dieses Mal nicht viel mehr als den Flughafen kennen - die Wildnis wartet!

Vor den Toren der Stadt breitet sich das Witoschagebirge aus. Vorbei an Quellen und Moränen geht es zur ersten steilen Passage, die - dank Automatik, Allradantrieb und Assistenzsystem - mit spielerischer Leichtigkeit genommen wird: der 1803 Meter hohe Grenzberg Maleševo. Der Gipfel gibt erste Blicke auf Mazedonien frei. Der kleine Staat, Herzstück des Balkans, hat gerade einmal zwei Millionen Einwohner, aber bald wohl einen neuen Namen. Um die griechischen Nachbarn zu besänftigen, wird sich die Republik nach einer Volksabstimmung Nord-Mazedonien nennen, damit soll der seit Jahrzehnten schwelende Namensstreit beigelegt werden. Das Land ist dünn besiedelt und von Gebirgsmassiven und Hochebenen durchzogen. Die auf dem kyrillischen Alphabet beruhende Sprache ist, vereinfacht ausgedrückt, eine Mischung aus serbischen und bulgarischen Dialekten. Die meisten Einwohner sind orthodoxe Christen.

Die Küche des Landes ist ein Kapitel für sich
Für eine Kostprobe bietet sich das Tikveštal an, gleichzeitig Zielpunkt der ersten Tagesetappe. Die weinreichste Gegend des Landes weckt Erinnerungen an die Wachau. Rebsorten wie der Vranec oder der Stanushina werden hier angebaut. Ein typisches Abendessen beginnt in der Regel mit einem Schopska-Salat (gewürzte Gurke, Tomaten, geriebener Schafkäse, mit Olivenöl abgerundet). Eine Portion wird oft schon serviert, bevor noch bestellt wurde. Er gehört eben dazu, und das frische Gemüse aus heimischem Anbau macht ihn jedes Mal zum Geschmackserlebnis.

Ebenfalls ein Klassiker: Tavche Gravche, ein Gericht aus weißen Bohnen und Zwiebeln. Oder wie wäre es mit Melanzani im Backteig, Sesam-Börek oder knusprig gebratenen Pfefferoni? Wem das nicht schon feurig genug ist, der kann mit der omnipräsenten Ajvar-Paste aus Paprika und Knoblauch nachwürzen. Aber nicht nur orientalische, sondern auch mediterrane Köstlichkeiten wie Fisch und Pasta werden aufgetischt. Als Dessert wird gerne Baklava gereicht. Im Sommer besonders erfrischend ist eiskalt serviertes Schafsjoghurt mit Honig und Walnüssen. Zur Verdauung sei dann noch ein aus Zwetschken gebrannter Rakija empfohlen. „Aber besser nur für den Beifahrer“, ermahnt der Kellner mit einem Augenzwinkern. Er weiß, wovon er spricht. Der Schnaps ist nicht nur köstlich, sondern auch stark. Und am nächsten Tag heißt es zeitig aufstehen

Purpurrot strahlen die Blüten der Distel in der Morgensonne. Mächtige Königskerzen wiegen sich im Wind. Wilder Salbei verstreut sein Aroma. Neben dem Forstweg hat ein Esel Stellung bezogen und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. So macht sich auch das frühe Aufstehen bezahlt.

Melancholische Stimmung kommt beim Zwischenstopp in Dunje auf. Einst ein reiches Dorf, wurden die Häuser mittlerweile alle von der Natur zurückerobert. Übrig geblieben sind Steinruinen - und eine alte Frau, die ihr Kopftuch zurechtzupft und Äpfel pflückt. Von einem Grundstück, das einmal ihrem Nachbarn gehört hat. Landflucht ist in Mazedonien aktuell ein großes Thema.

Höhepunkt für Allrad-Fans ist am dritten Tag die Passage der Nationalparks Pelister, Galičica und Mavrovo, die 88 Baumarten beherbergen, unter anderem auch die seltenen Molikakiefern. Begleitet von Rangern (und mit allen notwendigen Genehmigungen im Gepäck!) geht es über Pisten, durch Schluchten und Bäche. Fontänen aus Wasser und Schlamm steigen von den Rädern in alle Himmelsrichtungen empor. Nervenkitzel und Adrenalin pur.

Nach den Action-Einlagen geht es gleichsam zum Abkühlen über Serpentinen an den Küsten von Ohrid- und Prespasee entlang - entspanntes Cruisen bis zur Hauptstadt Skopje.

Gregor Brandl, Kronen Zeitung

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