Mi, 26. September 2018

Michael Häupl:

01.09.2018 08:06

„Ich leide nicht unter Entzugserscheinungen“

Seit 24. Mai ist er nicht mehr Bürgermeister: Michael Häupl über seine Pension, die Politik seines Nachfolgers Michael Ludwig, den Streit um Christian Kern und seine Spritzerwerbung.

„Krone“: Herr Altbürgermeister, Landeshauptmann außer Dienst, Bürgermeister der Herzen, wie soll ich Sie denn ansprechen?
Michael Häupl: Das ist mir echt egal. Bürgermeister der Herzen halte ich für eine Spur übertrieben.

Herr Dr. Michael Häupl, plötzliche Antriebslosigkeit, Übellaunigkeit, Schlafstörungen - all das können Symptome eines Pensionsschocks sein. Haben Sie die ersten 100 Tage gut überstanden?
Ja, nichts von alldem ist mir widerfahren. Schlaflosigkeit schon gar nicht. Meine Frau sagt ja eher, du holst beim Schlafen jetzt all das nach, was du die letzten 30 Jahre versäumt hast. Ich fühle mich wohl und habe keine Entzugserscheinungen von der Macht.

Wann ist bei Ihnen wirklich angekommen: Ich bin nicht mehr Bürgermeister?
An dem Tag, als ich die Schlüssel vom Rathaus an meinen Nachfolger übergeben habe. Mir war aber von Amtsantritt beginnend immer klar, das Ganze hat auch ein Ende.

Vermissen Sie die tagesaktuelle Politik?
Nein, aber ich verfolge natürlich die Politik sehr intensiv, ohne irgendjemanden mit ungebetenen Ratschlägen auf die Nerven zu gehen. Wenn man will, ich bin ein in mir geschlossener analytischer Kreislauf.

Wladimir Putin bei der Hochzeit von Außenministerin Karin Kneissl, die Abschaffung der Lehre für Asylwerber, die Causa Landbauer - früher hätten Sie im Roten Salon munter darauf losgeschimpft. Das fehlt Ihnen nicht?
Nein, ehrlich gesagt. Den Besuch des russischen Staatspräsidenten bei der Hochzeit hätte ich nicht kommentiert. Man wird in Europa mit Sicherheit auch verstehen, dass Russland der Nachfolgestaat einer Signatarmacht des österreichischen Staatsvertrages ist, dass man daher, das sage ich bewusst, eine neutralere Position vertritt. Bei innenpolitischen Themen hätte ich einiges zu sagen gehabt. Jetzt nicht mehr.

Was tun Sie den lieben langen Tag?
Ich habe als Präsident des Wissenschafts- und Technologiefonds einiges zu tun, da bringe ich mich sehr ein. Aber ich genieße es außerordentlich, nicht mehr pausenlos verfügbar sein zu müssen. Einfach irgendwo rauszufahren, sei es in das Haus meiner Frau am See oder mein ursprüngliches Elternhaus in Niederösterreich, das würde ich mir nicht mehr nehmen lassen.

Im Garten sitzen und Enten füttern?
Garten sitzen ja, Enten füttern nein. Aber noch lieber ist mir, im Wald oder in den Bergen zu wandern. Das ist schon sehr schön.

Sie haben jetzt vermutlich weniger Heuchler und Schleimer in Ihrem Umfeld.
(lacht)
Ja, das stimmt.

Wieso geht es bei der SPÖ so intrigant zu?
Ich weiß ja nicht, wieso sich einige wenige bemüßigt fühlen, dem Beispiel der ÖVP zu folgen, was Intrigantentum und Missgunst betrifft. Aber es hat sich vieles wieder eingekriegt. Ich prophezeie jetzt schon, beim Bundesparteitag wird das Parteiprogramm gegen ganz wenig Stimmen angenommen und Christian Kern wird ein respektables Ergebnis bekommen.

Der Ludwig-Vertraute Christian Deutsch hat in Wien schon Ihre Nachfolge angezettelt und tut dies nun bei SPÖ-Chef Christian Kern. Braucht es einen Wechsel an der Spitze?
Keine Spur, mit Sicherheit wünscht das auch nicht Michael Ludwig. Das sind Gerüchte und blöde Geschichten. Wir haben natürlich durchaus begabte Leute im Umfeld von Bundeskanzler Sebastian Kurz, die Spezialisten sind im Bereich von Fake News, und das ist ein Teil davon. Niemand stellt ernsthaft Christian Kern infrage.

Könnte Ex-Minister Hans Peter Doskozil den Job des SPÖ-Chefs?
Im Burgenland sicher!

Wien entdeckt seine Liebe zu Verboten. Alkoholverbot am Praterstern, Essverbot in den Öffis. Verbietet Ihr Nachfolger Michael Ludwig zu viel?
Nein. Den Mut, Hundekotverschmutzung in der Stadt monetär zu bestrafen, hat es auch früher gegeben. Da hat man immer gesagt, das bringt man nicht durch. Heute wissen wir, dass das ein guter Schritt war.

Wie beurteilen Sie seine Arbeit?
Was die 100 Tage zu sehen war, wovon 80 oder 90 Prozent Ferien gewesen sind, waren recht gut. Ich werde mit Sicherheit alles dazu beitragen, was ich kann, dass der Wiener Bürgermeister nach der nächsten Gemeinderatswahl wieder Michael Ludwig heißt.

Was können Sie denn dazu beitragen?
Das weiß ich noch nicht. Aber jedenfalls nicht blöd reden in der Öffentlichkeit, das ist schon etwas wert.

Der Kandidat für den grünen Spitzenkandidaten, David Ellensohn, schimpft wie ein Rohrspatz über die SPÖ. Hätten Sie sich das alles gefallen lassen?
Wenn David Ellensohn auch nur im Entferntesten glaubt, dass der damit Wähler rekurrieren kann, viel Spaß. Ein vernünftiger Umgang in einer aufrechten Koalition ist das jedenfalls nicht. Die Grünen haben offensichtlich einen früheren Wahltermin ins Auge gefasst. Eine Begründung kann ich nirgendwo erkennen. Vor allem nicht in den Umfragen. Aber das müssen die Grünen selber wissen.

Darf ich Ihren Pensionistenausweis sehen?
Ich habe keinen.

Wie hoch ist Ihre Pension?
Die ist im Gesetz festgelegt. Sie ist, nachdem ich 1983 im Wiener Gemeinderat als Abgeordneter begonnen habe, limitiert, aber natürlich eine alte Pension und daher etwa um zehn Prozent geringer als mein Aktivbezug.

Mit welchem Fahrzeug sind Sie heute zu unserem Termin gefahren?
In meinem!

Selbst am Steuer?
Nein, es fährt mich schon ein Berufsfahrer. Das Auto aber bezahle ich selbst. Ich habe auch eine Sekretärin, damit man gar nicht nachfragen braucht.

Sie haben vor Kurzem Werbung für Spritzwein gemacht. Wieso kultivieren Sie das so?
Das war nicht meine Idee, aber ich bin der gerne gefolgt. Erstens passe ich zu dem Produkt ganz gut, und zweitens ist es ja okay. Und damit wir das auch abhandeln können, es war unentgeltlich.

Wollen Sie im nächsten Leben wieder Bürgermeister der Stadt Wien werden?
Nachdem ich kein Anhänger dieses Religionsverschnittes mit der Wiedergeburt bin, glaube ich nicht daran. Das aber kann ich sagen: Von meiner bisherigen Lebensgestaltung bereue ich einiges. Aber das Bürgermeistersein ist nicht darunter.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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