Fr, 21. September 2018

Kolumne „Im Gespräch“

04.02.2018 11:46

Das, was bleibt

Was ist wichtig im Leben? Was bleibt von uns, wenn wir gehen?

Die meisten stellen sich diese Fragen viel zu selten. Ich selbst habe früher kaum darüber nachgedacht. Früher – das ist noch gar nicht lange her. Ich war Journalistin bei einem Wochenmagazin. Habe ehrgeizig um jede Covergeschichte gekämpft. War erfolgsverwöhnt und gut vernetzt in der mitunter glamourösen Medienwelt. Wie viele berufstätige Mütter rotierte ich dabei zwischen Job und Familie, stets mit dem Gefühl, beiden nicht wirklich gerecht zu werden. Ich steckte tief drinnen – in meinem Hamsterrad. Vermutlich war es die Krankheit meiner kleinen Tochter, die mir diese Welt zunehmend entfremdete. Und irgendwann wurde eine innere Stimme lauter, die mich an meine eigentliche Berufung, an mein Theologiestudium, erinnerte. Und die Sehnsucht danach, mehr Tiefe und Sinn in meinem Tun zu erleben, wurde immer stärker.

Im vergangenen Sommer quittierte ich meinen Job und begann mein Vikariat in der evangelischen Kirche. Vikariat nennt man die Phase zwischen Studienabschluss und Ordination zur Pfarrerin. Und da stehe ich nun und werde fast täglich mit den grundlegenden Themen des Lebens konfrontiert.

Was bleibt von uns, wenn wir gehen? Vor dieser Frage stehe ich vor jeder Beerdigung. Dann wenn ich Angehörige zum Trauergespräch treffe und sie bitte, mir von den Verstorbenen zu erzählen. So vieles von dem, was uns in unserem Hamsterrad als wichtig und erstrebenswert erscheint, wird da plötzlich nichtig und klein. Es gab noch keine Witwe, die mir erzählte, wie viel Geld ihr Mann verdient, welches Auto er gefahren oder wie viele Auszeichnungen er erhalten hatte. Keinen Witwer, für den es in dem Moment wesentlich war, ob seine Frau erfolgreich gewesen war oder nicht.

Im Tod ist all das belanglos. Egal, ob arm oder reich, Kassiererin oder Geschäftsfrau, Bauarbeiter oder Rechtsanwalt: Das sind nicht wir. Das macht uns nicht aus. Das bleibt uns nicht. Und trotzdem lassen wir uns im Leben so oft in Schubladen stecken und eifern den Maßstäben nach, die die Gesellschaft uns vorsetzt.

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen“, sagte der Theologe Albert Schweitzer. Das, was uns ausmacht, sind aufrichtige Worte, die wir anderen schenken. Zeit, die wir anderen widmen. Das Lied, das die Mutter zum Einschlafen singt. Das Baumhaus, das der Vater im Garten errichtet. Die Umarmung des Großvaters, die jeden Kummer lindern kann. Der Rat der Großmutter, der für immer nachklingt. Das gemeinsame Weinen mit dem besten Freund.

All das ist Liebe. Und sie verbindet diese Welt mit der jenseitigen. Sie ist das, was weiterlebt. Für immer. Würden wir alle ein wenig öfter ans Sterben denken – vermutlich würden wir besser leben!

Mag. Julia Schnizlein, Kronen Zeitung

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