Fr, 20. Juli 2018

Von wegen Elite

16.08.2007 14:45

Heimische Wissenschaft noch keine "Weltspitze"

Von der Politik wird für Österreichs Wissenschaft „Weltspitze“ angestrebt, doch die Realität ist noch weit von diesem Ziel entfernt. Das zeigt eine Analyse des Wissenschaftsfonds FWF über Publikationen und Zitierungen heimischer Natur- und Sozialwissenschafter aus den Jahren 1997 bis 2006 gemessen an der Einwohnerzahl. Demnach müsste Österreich die Zahl seiner Zitationen mehr als verdoppeln, um zum Durchschnitt der Top-Fünf-Nationen aufzuschließen. FWF-Präsident Christoph Kratky bezeichnete das Ergebnis als „sehr ernüchternden Befund“.

Zitate in wissenschaftlichen Fachzeitschriften gelten als das wichtigste Kriterium zur Qualitätsbeurteilung von Wissenschaftern. Misst man die absolute Zahl der Publikationen und Zitationen, liegen wenig überraschend die großen Nationen wie USA, Großbritannien, Deutschland, Japan oder Frankreich weit voran. Österreich rangiert hier auf Platz 22.

Ranking nach Zitaten pro 1.000 Einwohner und BIP
Weil ein Vergleich kleinerer Länder mit diesen Giganten hinkt, hat Falk Reckling vom FWF die Zitationen eines Landes in Relation zu seiner Bevölkerungszahl sowie zum Bruttoinlandsprodukt gesetzt - und zwar insgesamt sowie für einzelne Fachdisziplinen.

Dabei kristallisierte sich eine klare „Weltklasse“ heraus - durchwegs kleinere Nationen, die von ihrer Einwohnerzahl und Wirtschaftsleistung durchaus mit Österreich vergleichbar sind.

Über alle Disziplinen liegt die Schweiz mit 279 Zitierungen pro 1.000 Einwohner klar vor Schweden (208), Dänemark (186), Finnland (166) und den Niederlanden (155). Österreich müsste mit 95 Zitationen seinen Wert mehr als verdoppeln, um zum Durchschnitt dieser Top-Fünf-Nationen aufzuschließen.

Österreich kann nur in Mathe mithalten
Innerhalb der Disziplinen gibt es aber erhebliche Unterschiede: Das beste Ergebnis wird im Bereich Mathematik erzielt, wo Österreich nur anderthalbmal mehr Zitierungen bräuchte, um zum Durchschnitt der Top-Fünf aufzuschließen. Führend ist hier Israel mit 2,1 Zitationen pro 1.000 Einwohner, Österreich hat 0,83. Ähnlich das Ergebnis in Physik, wo der Abstand Österreichs zum Top-Fünf-Schnitt das 1,7-fache beträgt (erster Platz: Schweiz mit 35,3 Zitierungen pro 1.000 Einwohner, Österreich: 11,0).

Am anderen Ende der Skala liegen die Sozialwissenschaften, wo Österreich seine Zitierungen versiebenfachen müsste, um zum Top-Fünf-Schnitt aufzuschließen. Führend ist hier Großbritannien mit 2,89 Zitationen pro 1.000 Einwohner vor den USA mit 2,61 - Österreich hat 0,33. Sogar im Bereich Landwirtschaft ist Österreich abgeschlagen: Hier führt Neuseeland mit 3,75 Zitierungen pro 1.000 Einwohner, heimische Wissenschafter kommen auf 0,59 und müssten fast sechsmal so oft zitiert werden, um zum Durchschnitt der Top-Fünf aufzuschließen.

Geld und Konzentration stärken nicht die Wissenschaft
Reckling weist darauf hin, dass alle führenden Wissenschaftsnationen, insbesondere auch die kleineren wie Schweiz, Israel, Schweden, Dänemark, Finnland oder Niederlande, „nicht nur insgesamt, sondern in fast allen Wissenschaftsdisziplinen weltweit führend sind“. Für den Experten spricht das gegen eine zu starke Konzentration auf bestimmte Disziplinen wie es die Regierung derzeit mit der Elite-Uni plant. „Vielmehr scheint es so zu sein, dass ohne Exzellenz in den meisten Disziplinen kaum Exzellenz in einzelnen Bereichen möglich ist“, so Reckling.

Auch wenn fast alle führenden Länder weitaus mehr Mittel für die Grundlagenforschung einsetzen als Österreich, ist Geld alleine nicht der ausschlaggebende Faktor, betont Reckling: So habe etwa die Schweiz 2004 rund 65 Prozent mehr in Forschung und Entwicklung investiert als Österreich - aber zwischen 1997 und 2006 fast dreimal so viele Zitationen erzielt. Und Israel konnte zwischen 1997 und 2006 ein um mehr als 30 Prozent geringeres BIP als Österreich erwirtschaften, erreichte aber im gleichen Zeitraum ein Viertel mehr Zitationen.

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