Steigende Zahlen bei der Jugendkriminalität, politische Warnrufe, Diskussionen über „Intensivtäter“, doch in der Sozialarbeit wird der Ton deutlich gedämpft. Der Leiter von Neustart Wien, Nikolaus Tsekas, stellt im krone.tv-Interview klar: „Nein, ich teile diese Alarmstimmung nicht.“ Gerade bei sehr jungen Tatverdächtigen muss man genau hinsehen.
Besonders kritisch sieht der Sozialarbeiter den Umgang mit Zahlenmaterial.„Die Anzahl der Personen ist nicht die Anzahl der Menschen, sondern die Anzahl der Delikte.“ Gerade bei sehr jungen Tatverdächtigen müsse genau hingeschaut werden. Ein einzelnes Kind könne in der Statistik durch wiederholte Taten massiv „aufblähen“, ohne dass automatisch eine größere Jugendkriminalitätswelle dahinterstecke.
Damit werde oft ein verzerrtes Bild erzeugt: Einzelne auffällige Jugendliche könnten die Statistik massiv beeinflussen, wenn sie mehrfach erfasst werden. Gerade im Bereich der sehr jungen Tatverdächtigen warnt er vor vorschnellen Bewertungen. „Ein zwölfjähriger Bub ist für mich noch ein Kind“, so Tsekas. Das bedeute nicht, dass Taten folgenlos bleiben dürften.
Als Ursachen für Jugenddelinquenz nennt der Leiter des Vereins ein komplexes Zusammenspiel sozialer Faktoren. Es gehe selten um einzelne Auslöser, sondern vielmehr um eine Verkettung von Problemen wie instabile familiäre Verhältnisse, schulische Überforderung, fehlende Unterstützung und mangelnde positive Bezugspunkte. „Es sind oft Kinder, die nicht die nötige Unterstützung vom Elternhaus bekommen“, so der Experte. Genau diese Kinder stehen im Fokus von Neustart: „Wir haben eine Rückfallquote, die bei knapp 30 Prozent liegt, wenn jemand Bewährungshilfe bekommt.“ Das bedeutet auch, dass „70 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ geholfen werden kann.
Wenn Stabilität fehle und Jugendliche weder in Schule noch im sozialen Umfeld Halt finden, entstehe ein gefährlicher Kreislauf. „Dann holen sie sich diese Aufmerksamkeit durch Negatives – durch Auffallen, durch Grenzen überschreiten.“
Auch den häufig verwendeten Begriff „Jugendbanden“ relativiert Tsekas deutlich. „Klassische autarke Jugendbanden gibt es so gut wie nicht in Wien“, stellt er klar. Vielmehr handle es sich um lose Gruppierungen im öffentlichen Raum, sogenannte Neargroups, in denen sich Jugendliche oft zufällig treffen, sich teilweise kaum kennen und dennoch gemeinsam handeln.
Diese Dynamik entstehe durch Gruppendruck und spontane Entscheidungen. „Dann hat einer eine Idee und die anderen gehen mit“, beschreibt der Sozialarbeiter die typische Entwicklung. Gerade dieses Mitlaufen sei besonders problematisch, da vielen Jugendlichen die rechtlichen Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst seien. „Viele wissen nicht, dass schon das Dabeisein strafbar sein kann“, warnt er.
Im Zentrum der Arbeit von Neustart steht die Bewährungshilfe, die Jugendliche nach gerichtlichen Entscheidungen begleitet. Diese sei keine freiwillige Maßnahme, sondern eine klare Anordnung der Justiz. Entscheidend sei letztlich, dass Jugendliche wieder Anschluss finden und Perspektiven entwickeln. „Jugendliche wollen im Prinzip nichts anderes als ein normales, glückliches Leben führen“, betont Tsekas abschließend. Es brauche dafür aber stabile Rahmenbedingungen, Orientierung und ein funktionierendes soziales Umfeld.
Es geht nicht nur um Zahlen, Statistiken oder politische Schlagworte, sondern um sehr junge Menschen, deren Leben oft schon früh aus der Spur geraten ist. Denn hinter jedem Fall steht eine Geschichte, die begonnen hat, lange bevor sie in einer Polizeistatistik endet.
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