Mit ihrem Debütalbum „Inside In/Inside Out“ knallten die Kooks vor exakt 20 Jahren wie ein Komet in die britische Indie-Szene. Das Kultwerk zelebrierten sie zum Jubiläum unlängst im Wiener Gasometer – wo sich Frontmann Luke Pritchard für die „Krone“ Zeit nahm, um sein Leben und seine Karriere zu reflektieren.
„Krone“: Luke, ihr habt unlängst auf einer langen Europa-Tour und auch im Wiener Gasometer das 20-jährige Jubiläum eures Debütalbums „Inside In/Inside Out“ gefeiert und zusätzlich noch die größten Hits gespielt. Hat sich euer Verhalten auf Tour in den letzte 20 Jahren verändert?
Luke Pritchard: Als wir mit der Band loslegten, waren wir Teenager. 17 oder 18 Jahre alt. Wenn du einen Haufen Teenager in einen Tourbus steckst und sie über den Kontinent fahren lässt, kannst du dir vorstellen, wie es da abgeht. (lacht) Es gab überall gratis Alkohol und die meisten Städte waren uns vorher gänzlich unbekannt. Es war lustig, aber zuweilen auch extrem und das hat sich natürlich geändert. Wir haben eine andere Freundschaft zueinander und verhalten uns nicht mehr so wie früher. Heute gehen wir gemeinsam in die Sauna oder Eisschwimmen. An manchen Showtagen genießen wir noch das städtische Nachtleben, aber das ist sehr selten geworden. Wir haben damals noch den Vibe der 90er mitgetragen. Die Mode sah auch so aus, als hättest du 48 Stunden keine Kleidung mehr gewechselt, was uns entgegenkam. Das kann man mit heute nicht mehr vergleichen.
Mit dem Album wurdet ihr für den „Mercury Prize“ nominiert und seid über Nacht zu Superstars geworden. Ihr habt insgesamt rund zwei Millionen Exemplare dieses Albums verkauft – kannst du dich noch daran erinnern, wie dieser Erfolg euch und euer Leben verändert hat?
Das war eine irre Zeit. Jeder Künstler will bekannt werden, aber keiner ist darauf vorbereitet, was passiert, wenn es passiert. Ich war immer sehr selbstsicher und fokussiert. Ich hatte stets das Gefühl, ein guter Songwriter zu sein, aber dass wir damals in den Mainstream kamen und 2006 den Zeitgeist getroffen haben, das passierte und geriet völlig außer Kontrolle. Man muss die Möglichkeit aber mit beiden Händen ergreifen, wenn sie sich ergibt und das haben wir getan. Wahrscheinlich wäre es einfacher gewesen, mit dem zweiten oder dritten Album durchzustarten, aber natürlich haben wir uns diesem Erfolg beim Debüt nicht verwehrt. Für mich persönlich war es besonders schräg. Ich war immer ziemlich klein für mein Alter, hatte einen einzigen Freund, ein halbes Barthaar am Kinn und war immer sehr in mich gekehrt. Plötzlich starten wir durch und jeder meldete sich, weil er meinte, er war mein Freund und wollte Konzerttickets. (lacht) Das war sehr befremdlich, aber so geht es vielen in dieser Position.
War es denn einfach normal oder bescheiden zu bleiben, wenn einem plötzlich die Sympathien und Herzen zufliegen?
Ich glaube, ich war immer recht bescheiden, aber ich müsste lügen, würde ich nicht sagen, dass ich dafür hart arbeiten musste. Ich habe vor etwa zwei Jahren damit begonnen, jüngere Künstler als eine Art Mentor zu unterstützen und erzähle ihnen immer gerne von dieser Zeit. Hat man zu viel Selbstvertrauen, dann wird man schnell arrogant. Und Arroganz ist eine schlechte Form des Selbstvertrauens. Das hat man mir wahrscheinlich angesehen, weil ich Dinge überkompensieren wollte. Ich hatte das Gefühl, ich müsse allen etwas beweisen und kam früher sicher auch in Interviews schräg rüber, weil ich meine Ängste versteckte und Selbstsicherheit darüberstülpte. Außerdem läuft dein Leben bei so einem Erfolg völlig aus jeder Norm. Du bist weltweit unterwegs, hast plötzlich Geld und wirst bejubelt – es ist ein ganz anderes Leben als das, was du die 20 Jahre davor gewohnt warst. Man muss lernen, damit umzugehen. Heute bin ich wesentlich fokussierter und klarer als früher.
Du hast vorher angedeutet, dass du eine sehr introvertierte Person warst. Musstest du lernen, extrovertiert zu sein oder hast du das einfach immer nur so vorgegeben?
Gute Frage. Wenn man als Musiker eine Bühne betritt, muss man in gewisser Weise extrovertiert sein oder sich dazu hinreißen lassen. Es hat sicher einen psychologischen Hintergrund, dass sehr viele kreative Menschen introvertiert und schüchtern sind, gleichzeitig aber eine Bühne betreten und viele Leute unterhalten. Die größte Veränderung in meinem Leben hat aber sicher meine Frau angestoßen. Wir haben uns vor etwa zehn Jahren kennengelernt und sie hat mir in den Arsch getreten und mir beigebracht, viele Dinge im Leben auch aus anderen Perspektiven zu betrachten.
Heute bist du nicht mehr nur Rockmusiker, sondern auch Ehemann und Vater – das sind Rollen, die deinem Hauptberuf diametral gegenüberstehen. Bist du heute noch immer so hungrig darauf, neue Musik zu erschaffen und live zu spielen, obwohl du ein stabiles Familienleben hast?
Das ist eine sehr gute Frage, auf die wahrscheinlich jeder Künstler eine andere Antwort hat. Es gibt dieses Vorurteil, dass Kinder Kreativität stehlen, weil sie Zeit und Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, aber bei mir war das ganz anders. Ich habe immer daran gedacht, dass ich etwas erschaffen möchte, auf das meine Kids stolz sein können und damit meine ich nicht ausverkaufte Konzerte. Wenn sie älter sind, wäre es schön, wenn sie sagen würden, ihr Vater hätte der Musikwelt seinen Stempel hinterlassen. Das Zeitfenster wird enger, das haben wir auch beim letzten Album bemerkt. Man kann sich nicht mehr nur austoben, sondern muss ernsthafter, fokussierter arbeiten, was aber wiederum noch etwas extra aus dir rauskitzeln kann. Als wir das letzte Album aufnahmen, waren meine Kids ein und drei Jahre alt. Ich liebe es aber, sie um mich zu haben. Da bin ich wie Bob Marley oder John Lennon. Sie sind auch oft auf Tour dabei, wenn es sich ausgeht.
Die Kooks touren gegenwärtig also mit ihren Familien?
Bei der Europatour an sich gerade nicht, aber während der letzten UK-Tour schon. Ich fühle mich einfach wohler, wenn sie in meiner Nähe sind, auch wenn eine Tour eine veränderte Realität ist und man nicht die Zeit hat, so wie sonst.
Hat die Vaterschaft auch dazu geführt, dass du die Art und Weise des Textens evaluiert hast? Dass du dir seitdem überlegst, ob deine Songtexte auch so ausfallen, dass du sie problemlos deinen Kindern zeigen kannst?
Oh Mann, wenn es darum geht, bin ich seit Jahren im Arsch. (lacht) Aber natürlich ändern sich die Perspektiven und alles wird ein bisschen friedlicher und zurückgelehnter. Beim Songwriting gilt aber per se, dass man es niemals überdenken sollte, weil es dann verkrampft und man das sofort merkt. Unser aktuelles Album „Never/Know“ kam 2025 sehr ungewöhnlich und schnell raus. Wir haben einfach alles laufen lassen und es hat geklappt. Ich finde, dass das immer noch der beste Weg des Songwritings ist. Einfach machen und sich von der Kreativität leiten lassen. Purer Rock’n’Roll.
„Never/Know“ ist ein sehr warmes Album geworden, das ein bisschen wie ein bewusstes Gegenstück zur kühlen, dunklen und problembehafteten Welt zu sein scheint.
Ja, denn wir brauchen Musik als Gegenstück mehr denn je. Ich bin überhaupt der Meinung, dass man Kunst und Kultur einen viel höheren Stellenwert in der Gesellschaft geben muss, weil es die Menschen zum Positiven verändert. Kunst und Kultur sollen nicht versnobt sein, sondern zugänglich für jedermann. Die Kultur ist wie Medizin ohne Verschreibung. Ich will mich nicht von der Hoffnungslosigkeit der Gegenwart tragen lassen, sondern mir und auch meinen Kids andere Wege aufzeigen. Grundpfeiler wie Demokratie und Freiheit leben noch, aber sie leben in schwierigen Verhältnissen. Wir haben in der Pandemie gemerkt, was das Fehlen von Nähe und Kommunikation mit uns macht und die Musik ist der perfekte Weg, diese Dinge zu verstärken. Je mehr künstliche Intelligenz uns bevölkert, umso rasanter steigen die Verkaufszahlen bei Konzerten. Natürlich räumt davon das meiste Taylor Swift ab, aber das ist okay. (lacht) Entscheidend ist, dass es da draußen eine Nachfrage nach dem Echten und Greifbaren gibt. Nach Verbindungen und Zusammenhalt. Das ist der Grund, warum Leute so gerne zu Konzerten gehen.
Künstliche Intelligenz ist ein gutes Stichwort. Wenn du in die Zukunft blickst, siehst du die Kooks dann damit arbeiten oder geht ihr lieber auf Distanz?
Ich bin fasziniert von der Technik und mittlerweile alt genug, mich davon nicht verunsichern zu lassen. Im Laufe unserer mehr als 20-jährigen Karriere hat sich das Musikbusiness schon so oft verändert, aber wir sind noch immer da. Ich habe alle technischen Explosionen und Veränderungen miterlebt. Auch wenn viele Bands mit Pro Tools arbeiten, gibt es noch genügend andere, die analog aufnehmen. Ich habe auch bei Social Media von MySpace über Facebook bis TikTok alles live miterlebt. Als sich das Streaming durchgesetzt hat, glaubten alle, das wäre der endgültige Todesstoß für die Musikindustrie, aber auch das passierte nicht. Mit der KI wird das ähnlich sein und ich kann mir durchaus vorstellen, damit zu arbeiten, solange es nicht überhandnimmt. Was mich verunsichert, ist die nicht ausdiskutierte rechtliche Lage. Schon jetzt bedient sich die KI an echten Komponisten und Songwritern, aber wer und wie wird dafür vergütet? Wie lösen wir das Problem mit dem geistigen Eigentum? An und für sich bin ich aber sehr gespannt, wie sich Musik entwickelt und was alles möglich sein wird.
Betrachtest du dich allgemein als einen eher adaptiven Typen, der lieber optimistisch in die Zukunft sieht und sich nicht von Ängsten auffressen lassen will?
Zu 100 Prozent – so bin ich. Das Glas ist bei mir nicht nur halb voll, sondern meist sogar ganz. Positivismus ist das einzige, was uns in dieser Welt oft noch helfen kann und wenn man Dinge aus einer positiven Lage heraus betrachtet, geht es einem automatisch besser. Mit den Kooks waren wir Veränderungen gegenüber immer aufgeschlossen. Weder Social-Media-Plattformen, noch der Aufstieg von Spotify hat uns verängstigt – ganz im Gegenteil. Wir sind schon 2007 in das New Yorker Spotify-Büro marschiert, da war die Plattform noch ganz früh in den Kinderschuhen, weil wir uns aktiv darum kümmerten und wissen wollten, was ihre Pläne sind und was das für uns als Künstler bedeutet. Natürlich sollten Bands fairer vergütet werden und sich da viel ändern, aber im Großen und Ganzen sehe ich jede Zusammenarbeit in erster Linie als positiv an.
Wenn wir zum Jubiläum eures Debütalbums kommen: Braucht es manchmal den nostalgischen Blick zurück, um den nächsten Schritt vorwärts machen zu können?
Man kann der Vergangenheit ohnehin nicht entkommen. Selbst den Rolling Stones gelingt das nicht, auch wenn sie eine gegenwärtig populäre Band sind. Ich bin an sich ein sehr sonniger und dankbarer Typ. Wir haben große Erfolge und ich freue mich darüber, aber ich brauche im Leben nicht viel, um glücklich zu sein. Manchmal bin ich unsicher, ob mein Songwriting gut genug ist, aber ich kann seit 20 Jahren davon leben und das ist alles, was ich mir als Teenager je erträumt habe. Im Falle von „Inside In/Inside Out“ war das eine bewusste Entscheidung, weil wir alle zurückgehen wollten. „Never/Know“ ist dafür ein Album für die Leute, die uns von Anfang an geliebt haben. Das letzte Album schließt den Kreis zum Debüt und Nostalgie ist ein allgemein ein Schlüssel zum Leben.
Gibt dir dieses Schließen des Kreises deiner eigenen Karriere die Möglichkeit, dich als Person und euch als Band noch einmal neu zu erfinden? Den eigenen Ausdruck zu erneuern?
Das ist eigentlich besser formuliert als ich es selbst könnte. (lacht) Genau darum geht es, weil ich zwischendurch mal das Gefühl hatte, mich verloren zu haben. Alle Songwriter arbeiten mit großen Produzenten zusammen und für diese Arbeit braucht man Selbstsicherheit. Man schreibt Songs und glaubt, dass man alles so gut wie möglich hingekriegt hat und dann, wenn alles fertig scheint, kommt der Produzent und gräbt sich in deine Psychologie, verändert oft auch noch die Lieder. Die Psychologie ist an sich ein großer Teil einer Musikproduktion, aber seit Produzenten wie Jack Antonoff oder Mark Ronson oft größere Stars sind als die Künstler selbst, hat sich das noch einmal um einiges verstärkt. Für „Never/Know“ stellte ich mir die Frage, wer die Kooks seien und was meine Band ausmacht. Das soll keine Kritik sein, aber es gibt so viele Künstler, die ihre Pfade und damit auch ihre Identität verlassen. Sie schwirren irgendwo herum, ganz ohne Heimathafen. Wir sind da sehr bodenständig, verlassen unsere Pfade nie ganz. Unser Ziel ist es immer, besser als die anderen zu sein. Wünsch mir Glück dabei. (lacht)
In welche Richtung werden die Kooks in näherer Zukunft musikalisch gehen?
Wir haben bislang einen neuen Song aufgenommen und der geht in die psychedelische Richtung. Das nächste Album wird etwas dunkler und verspielter ausfallen. Mehr Rock’n’Roll und weniger Gnade. Eine Art Psycho-Rock-Album mit einem modernen Zugang. Tony Berg wird produzieren, er ist für mich so etwas wie die gegenwärtige Version des Beatles-Produzenten George Martin. Nachdem „Never/Know“ bewusst Lo-Fi klang, wird der Sound des kommenden Albums am komplett anderen Ende angesiedelt sein. Ich bin ein bisschen im 60er- und 70er-Jahre-Psychedelic-Wahn und das wird man hören können. Ende Sommer wollen wir die Aufnahmen fertig haben, 2027 soll das Album dann erscheinen.
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