Jahrelang kündigte der streitbare britische Indie-Helde Morrissey ein neues Album an – „Make-Up Is A Lie“ ist nun das Ergebnis und soll noch nicht alles sein. Gesellschaftspolitisch wurde er zuletzt etwas ruhiger, musikalisch ist die Leidenschaft ungebrochen. So oder so – der 66-Jährige bleibt ein Spaltpilz in der Pop-Szene.
Steven Patrick Morrisseys Liste gegen den guten Allgemeingeschmack ist mittlerweile ziemlich lang. Vor allem im äußerst streitlustigen Mitteleuropa hat man es sich in den letzten Jahren zur Hauptaufgabe gemacht, den Indie-Kultmusiker bei sich jeder bietenden Chance öffentlich zu filetieren und zu diffamieren. Manchmal auch nicht ganz zu Unrecht. Sein latent nach außen gestellter Anti-Zionismus, die Nähe zu politischen Far-Right-Bewegungen und den global durch die #metoo-Bewegung in Ungnade gefallenen Filmproduzenten Harvey Weinstein, sowie der militärisch nach außen gestellte Hardcore-Veganismus, der dazu führte, dass Morrissey bei seinen Konzerten den Verkauf von Fleischprodukten rigoros untersagte und seine Fans noch dazu mit ungustiösen und offensiven Schlachtungsvideos konfrontierte, trugen das Ihre zur Typenwandlung bei. Provokation und Zynismus in allen Ehren – zuweilen verstieg sich der Brite so stark in seiner Welt, dass selbst die treuesten Fans Bauchweh und Schluckauf verspürten, als sie ihm die Stange hielten.
Erneute Typenwandlung
Zudem besteht die latente Unsicherheit, ob man sich sein Konzertticket nicht umsonst gekauft hat. Die Wiener-Gasometer-Show im Sommer 2025 ging – relativ ereignislos – über die Bühne. So manch andere Auftritte hat Morrissey zuweilen quasi „fünf vor zwölf“ abgesagt. Es gibt aber auch den anderen Morrissey, der sich in diesem Jahr von seiner besten Seite zeigt. Showbesucher in diversen deutschen Städten schwärmen von einer fein austarierten Setlist, hervorragendem Sound und einem Künstler, der jegliche Art von politischer Botschaft im Rachen stecken lässt und sich vollkommen auf seine Musik konzentriert. Immer öfter sieht man den 66-Jährigen vor oder nach den Auftritten bei den jeweiligen Venues CDs und Platten signieren. Manche sind gar besonders keck und wünschen sich die Unterschrift auf diversen Körperteilen, um mit der frischen Edding-Tinte direkt zum Tätowierer ihres Vertrauens zu laufen. Auch wenn er vor allem Selfies nach wie vor nicht mag – so zugänglich und zufrieden hat man den „Mozzer“ schon länger nicht mehr gesehen.
Ob die Altersmilde dem jahrelangen Altersgrant folgt? Es mag sein. Wichtig ist in erster Linie, dass sich Künstler, Plattenfirma und Fans wieder verstärkt auf das Wesentliche konzentrieren: seine melancholischen bis malerischen Indiepop-Klänge, die vor allem in Form seiner 80er-Band The Smiths abertausende Epigonen inspirierte und dem nicht näher definierten „Manchester-Sound“ nach dem Punkrock der Buzzcocks und dem Post-Punk von Joy Division und New Order eine dritte Farbe gab, bis Oasis in Form von Britpop noch einmal alle Rekorde schlagen sollten. Mit der Single „Make-Up Is A Lie“ leitete er Anfang Jänner das erste Kapitel zum gleichnamigen neuen Soloalbum ein. Es ist das erste seit dem zu Corona-Pandemiebeginn erschienenen „I Am Not A Dog On A Chain“ 2020 und wurde mit mischkulanten Gefühlen von der Öffentlichkeit begleitet. Seit dreieinhalb Jahren spricht Morrissey von einem neuen Studiowerk. Namen wie „Without Music The World Dies“ oder „You’re Right It’s Time” waren im Umlauf – geworden ist aus all diesen Ideen schlussendlich nichts.
Keine Spur von Durchschnittlichkeit
„Make-Up Is A Lie“ ist freilich kein fulminanter Wurf wie es Morrisseys Solodebüt „Viva Hate“ (1988) war, es ist aber auch weit davon entfernt, sich in einer nebulösen Durchschnittlichkeit einzuordnen. Dafür sind viele der Songs zu gut gelungen und leben nicht nur von Mozzers immer noch eindrucksvoller Stimme, sondern auch von einer eingängigen Instrumentierung. Bei „You’re Right, It’s Time“ (eben nicht der Albumtitel) fühlt man sich unweigerlich an die Hit-Lastigkeit von Fleetwood Mac erinnert, aber auch Indie-Sounds der 2000er-Jahre (á la Bloc Party oder Interpol) lassen sich gut in diesem Opener verorten. „Lester Bangs“ ist freilich dem zu früh verstorbenen, exzentrischen US-Musikjournalisten gewidmet und wirkt als Kommentar zu einer längst vergangenen Rock’n’Roll-Welt ein bisschen so, als würde sich Morrissey noch immer verzweifelt die Zeit zurückwünschen, in der verbale Tritte ins Fettnäpfchen nicht gleich einen globalen Online-Shitstorm auslösen.
Morrissey wäre aber nicht Morrissey, würde er seine Hörer nicht auch überraschen. Der 70er-Jahre-Disco-Dance-Funk in „The Night Pop Dropped“ mit einer Hammondorgel und viel Liebe zum Vintage-Sound rückt jedenfalls unerwartet ins Zentrum des Geschehens und zeigt den streitbaren Frontmann so gelöst, locker und ungezwungen wie schon lange nicht mehr. Das Cover von Roxy Musics „Amazonas“ trifft ohnehin ins Schwarze. Als deklarierter Fan von David Byrne ist Morrissey hörbar bemüht, seinem Idol auf seine eigene Art und Weise gerecht zu werden. Das gelingt in erster Linie dadurch, dass er sich nicht extrem, aber doch weit genug vom Original wegbewegt, um seine eigene Note hörbar in den Vordergrund zu rücken. Die einmal mehr in Frankreich mit seinem „Partner in Crime“ Joe Chiccarelli aufgenommenen Songs finden zumeist den richtigen Ton zwischen bewusster Nostalgierückschau, zeitgemäßer Instrumentierung und fein eingebauten, leichten Wendungen.
Fokus auf der Kerngeschäft
Nach gut 40 Jahren im Musikgeschäft überstrahlt Morrisseys musikalische Vita zumeist den realpolitischen Diskurs. Die Schere zwischen sanftem Musiker und pöbelnder Privatperson ist beim Mancunian erstaunlich dicht geschlossen, aber „Make-Up Is A Lie“ braucht sich nicht vor seinen stärkeren Soloalben verstecken und zeigt, dass die Formkurve beim neuerdings eher friedliebenden Vollblutkünstler nach oben zeigt. Ein zweites Album soll im Laufe des Jahres noch folgen, die Songs sollen laut Morrisseys eigenem Bekunden nicht mehr ganz so stark ausfallen, wie es hier der Fall ist. In puncto schwelgerischem Indie-Pop/Rock britischer Couleur bleibt Mozzer in der oberen Liga. Dass das Majorlabel Warner Music zugeschlagen hat und Morrissey somit auch wieder aus der Businessversenkung verhilft, zeigt nur, dass man dem schrägen Einzelgänger wohl noch eine letzte Chance gibt, sich auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren. Let the music do the talking – dabei gewinnen wahrlich alle.
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