Im „Krone“-Talk

Atzur: „Falsche Bescheidenheit zerstört so vieles“

Musik
15.02.2026 06:00

Auf seinem zweiten Album „Humble“ verarbeitet das Wiener Duo Atzur eine persönliche Betrugsgeschichte und bekämpft die global grassierende falsche Bescheidenheit. Im „Krone“-Talk erzählen Patricia Narbón und Paul Majdzadeh-Ameli von emotionalen Wirrungen, Enttäuschungen als Nährboden für Kreativität und Musik als kollektive Therapie. 

kmm

Mit ihrem Debütalbum „Strange Rituals“ haben Atzur vor zweieinhalb Jahren eine erste Duftmarke von Wien aus in die Welt gesetzt. Es folgten Konzerte quer über den Globus, selbst ein Auftritt beim vielleicht besten Indie-Musik-Festival der Welt, dem Primavera Sound in Barcelona, war drin. Aus Barcelona stammt auch Sängerin Patricia Narbón, die mit ihren ehrlichen und offenen Texten, ihrer extensiven Live-Performance und einer kraftvollen bis zarten Stimme alle Klaviaturen des Öffentlich-Seins perfekt beherrscht. Im Hintergrund arbeitet sich ihr Lebens- und Kreativpartner Paul Majdzadeh-Ameli mit markanter Frisur am Schlagzeug oder den Synthies ab. Gemeinsam gehören sie zu den internationalsten und auch spannendsten Acts, die man hierzulande im erweiterten Dancepop-Sektor finden kann. War der Einstand zuweilen noch etwas introspektiv geraten, hat man für das brandneue Zweitwerk „Humble“ genau jene Bescheidenheit fallen gelassen. Pop, Elektronik und Selbstbewusstsein geben sich die Hand – und für zehn Songs explodiert dabei jede Tanzfläche.

Es hat sofort gepasst
„Jedes Album ist eine eigene Reise und für mich drückt sich ein Werk in Gerüchen, Farben und Emotionen aus“, so Narbon freudig im gemeinsamen „Krone“-Talk, „ich bin für alle Texte zuständig und Paul sorgt für die musikalische Struktur. Es gibt nie ein Konzept, aber im Laufe des Arbeitens stellen sich gewisse Muster und Strukturen heraus, nach denen man eine Ordnung findet.“ Während des Arbeitsprozesses herrscht beim Paar zumeist traute Einigkeit. „Wir haben beide einen guten und ähnlichen Geschmack, außerdem vertrauen wir uns in dem, was wir tun. Hat also jemand eine textliche oder musikalische Idee, kann man auf der aufbauen und muss sie nicht verwerfen.“ Narbón zog vor geraumer Zeit für ein Modestudium nach Wien, Majdzadeh-Ameli lernte sie über eine Partnersuche-App kennen – ein „Match made in Heaven“. „Vor der Pandemie haben wir das Projekt ins Leben gerufen. Paul war schon in vielen Bands Drummer, für mich war es die erste musikalische Erfahrung. Es hat sofort gepasst.“ Da Narbón als Modedesignern und Musikern tätig ist und auch ihr Partner einen Sinn für Ästhetik hat, sind Atzur-Shows immersiv.

„Wir legen sehr viel Wert auf die Details. Das Licht, die unterschiedlichen Kleider und Kostüme, die wir haben und auch das Backdrop muss passen. Ein Atzur-Konzert ist eine große Party, bei der ich gerne Mal ins Publikum springe und mich von den Leuten tragen lasse. Wir haben eine unglaubliche Nähe zu unseren Fans, die sich nie ändern wird. Ich liebe es, Menschen nach den Konzerten zu treffen, sie zu umarmen und mit ihnen zu reden.“ Zu diesen freudigen Szenen sollte „Humble“ den perfekten Soundtrack liefern. Atzur erschaffen in den Songs Party mit Tiefgang. Sie lassen sich genauso gut bei sommerlichen Freiluft-Events zum Sonnenuntergang, wie auch in schwitzigen Clubs genießen, passen in all diese so unterschiedlich scheinenden Bereiche perfekt hinein. Drehte sich das Debüt noch um den tragischen Verlust von Narbóns Vater, war dieses Mal eine persönliche Enttäuschung der Nährboden für die einzelnen Lieder. Atzur wurden von ihrem ehemaligen Manager betrogen, der sich mit allen Einnahmen aus dem Staub machte und das Duo verunsichert zurückließ.

Die Gefühle umgeleitet
„Die Menschen kennen vielleicht nicht direkt diese Erfahrung, aber es ist ähnlich, wie wenn deine Freundin oder dein Freund dich betrügen“, so Narbón, „der Mensch, dem du am meisten vertraust, fällt dir in den Rücken.“ Für die Sängerin war recht schnell klar, dass dieses Ereignis das neue Album färben würde, sie aber keinesfalls mit hasserfüllten Rachegedanken an die Musik rangehen möchte. „Natürlich waren Gefühle wie Frust, Wut und Ärger Triebfedern. Dazu haben wir uns lange geschämt, aber es passiert so vielen Künstlern und Bands. Überall auf der Welt.“ Aus diesem und anderen Ereignissen erwuchs dann der Zugang zum Titel „Humble“, zu Deutsch „bescheiden“. „Es ist diese falsche Bescheidenheit, die es zu oft auf der Welt gibt. Es ist nicht arrogant oder hochnäsig, deinen eigenen Wert und den anderer Menschen zu erkennen und zu benennen. Falsche Bescheidenheit zerstört Kommunikation, sie zerstört gute Ideen und auch ein progressives Weiterkommen im Leben. Wir würden uns vielleicht alle besser verstehen und mehr lieben, würden wir uns nicht dauernd hinter Selbstironie und falscher Bescheidenheit verstecken.“

Songtitel wie „Hate Me“, „Psychodrama“, „Getting Better“ oder „Mutual Obsession“ lassen keine Zweifel daran, dass „Humble“ eine vertonte Werkschau persönlicher Gefühlsachterbahnfahrten ist. So prägnant und zuweilen schwer manch Text auch wirken mag, durch die sommerlich-schillernde Instrumentierung und die warmen Beats verlieren Atzur auf ihrem Zweitwerk zu keiner Sekunde die Leichtfüßigkeit. Feministisches Empowerment gibt’s zum Selbstkostenpreis obendrauf gepackt. „Worauf es in der Musik wirklich ankommt, ist, dass alle bei Konzerten Spaß haben und loslösen können“, bekräftigt die Frontfrau, „unsere ganze Kultur ist so etwas wie eine kollektive Therapie. Als Teenager besuchte ich in Spanien einige Hardcore-Konzerte und war in den Moshpits, um meine Energie rauszulassen. Es hat einen Grund, warum Metal-Fans als die nettesten und angenehmsten Menschen gelten. Sie verarbeiten ihre Emotionen bei Konzerten, lassen dort die Sau raus – und gehen dann im besten Fall entspannt wieder zurück nach Hause.“

Wien-Konzert knallvoll
Gesungen wird bei Atzur auf Spanisch und Englisch – was die Situation gerade verlangt. Möglicherweise wird diese Palette in Zukunft sogar noch erweitert. „Aktuell lerne ich Japanisch und Katalanisch spreche ich natürlich auch“, lacht Narbón, „die Muttersprache macht einen sicher etwas verletzlicher und man tendiert bei den intensiveren Texten dazu, auf Englisch zu wechseln.“ Künstlerinnen wie Rosalía oder Bad Bunny machen Latin-Pop und die spanische Sprache längst global salonfähig, was schlussendlich auch Narbón zusätzlich motiviert. Und musikalisch hat man auch den nächsten Sprung gemacht. „Beim Debütalbum haben uns viele Menschen mit den Liedern von Lana Del Rey verglichen. Jetzt sind wir eher im Bereich von Florence + The Machine angesiedelt. Das sind beides tolle Vorbilder.“ Die offizielle Album-Release-Show findet am 20. Februar im Wiener Flucc statt – und ist schon seit Wochen restlos ausverkauft. Die nächste Gelegenheit kommt bestimmt, bis dahin muss man das Clubbing eben zu Hause ausrichten.

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