Bosnien-Krieg
„Sniper-Touristen“: Anklage gegen Italiener
In die Ermittlungen rund um mutmaßliche italienische „Kriegstouristen“, die in den 1990er-Jahren als Scharfschützen an der Belagerung von Sarajevo teilgenommen und dafür bezahlt haben sollen, Zivilisten zu erschießen, kommt nun etwas Bewegung. Medienberichten zufolge konnte ein Verdächtiger identifiziert werden. Er sei wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt.
Die Staatsanwaltschaft in Mailand wirft dem 80-jährigen ehemaligen Lkw-Fahrer aus der Provinz Pordenone vor, „gemeinsam mit anderen, noch unbekannten Personen denselben kriminellen Plan ausgeführt zu haben, der zum Tod wehrloser Zivilisten führte, darunter Frauen, ältere Menschen und Kinder, durch Schüsse aus Scharfschützengewehren von den Hügeln rund um die Stadt Sarajevo zwischen 1992 und 1995“. Dieses Verbrechen sei zusätzlich durch „niederträchtige Motive“ erschwert.
Mehrere legale Waffen in Haus sichergestellt
Auf Grundlage der Aussagen von Zeugen konnten die Ermittler und Staatsanwälte den 80-Jährigen identifizieren. Der Mann erhielt am Mittwoch eine Vorladung und wurde zudem durchsucht, wie Medien berichteten. Bei der Durchsuchung seines Hauses fanden die Ermittler der Carabinieri sieben legal besessene Waffen: zwei Pistolen, ein Gewehr und vier Schusswaffen.
In Italien findet die Affäre rund um die sogenannten „Menschen-Safaris“ im belagerten Sarajevo seit einigen Monaten ein großes Medienecho. Nach einer Anzeige des italienischen Schriftstellers Ezio Gavazzeni hatte die Mailänder Staatsanwaltschaft im November Ermittlungen wegen des Verdachts des mehrfachen Mordes aus niedrigen Beweggründen gegen unbekannte Täter aufgenommen.
Gavazzeni behauptet, Dutzende oder Hunderte wohlhabende Bürger aus dem Westen, vor allem aus Italien, hätten damals gegen Bezahlung von viel Geld Kurztrips nach Sarajevo unternommen, um dort regelrecht Jagd auf Kinder, Frauen und Männer in den Straßen zu machen. Er behauptet zudem, einige Namen der mutmaßlichen italienischen Beteiligten zu kennen. Viele Reisen nach Sarajewo seien von Triest aus gestartet.
Bis zu 100.000 Euro pro „Jagdausflug“
Die Scharfschützen reisten angeblich mit einer „serbischen Fluggesellschaft“ und wurden in Belgrad von Personen empfangen, die sie per Hubschrauber zum Einsatzort brachten. Dabei soll es sowohl legale als auch illegale Geldflüsse gegeben haben – Dokumentationen über diese Transaktionen dürften bei den italienischen Geheimdiensten vorliegen, berichtete Gavazzeni. Umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro soll so ein „Jagdausflug“ gekostet haben, schätzen italienische Ermittler. Auf Kinder zu schießen, sei noch teurer gewesen. Auch gegen den serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic liegt der Mailänder Staatsanwaltschaft eine Anzeige vor – eingereicht von einem kroatischen Investigativjournalisten.
Slowenischer Dokumentarfilm als Auslöser
In die Öffentlichkeit rückten diese verstörenden Anschuldigungen erstmals im Jahr 2022, als der slowenische Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ ausgestrahlt wurde. Darin kommen Zeugenaussagen über Scharfschützen vor. Auch werden Hinweise auf Italiener, Amerikaner, Kanadier und Russen, gezeigt. Die Belagerung von Sarajevo ist eine der blutigsten Episoden des Krieges in Bosnien-Herzegowina, der zwischen 1992 und 1996 tobte. Der Bosnienkrieg kostete rund 100.000 Menschen das Leben, in Sarajevo starben 11.000 Menschen.











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