Echte Krisenmanager

Was wir von Hundertjährigen lernen können

Burgenland
03.02.2026 09:00

Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Und wie gelingt es nach Verlusten und brutalen Schicksalsschlägen, sein Herz weiterhin offen zu halten und dem Leben voller Optimismus und Zuversicht zu begegnen? Ein Musterbeispiel aus dem Burgenland.

Menschen, die 100 Jahre oder älter sind, sind Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie haben ein Jahrhundert erlebt, das geprägt war von tiefgreifenden Umbrüchen. Diese Zeitzeugen können auch anderen wertvolle Orientierung bieten. Denn ihr langes Leben steht für die Fähigkeit, trotz existenzieller Krisen und unbarmherziger Schicksalsschläge weiterzumachen und oft sogar gestärkt daraus hervorzugehen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Johann Heger aus Steinbrunn. Als er am 17. Februar 1923 in Böhmen geboren wurde, waren seine Eltern ohne Arbeit. Als sie hörten, dass in Österreich alles besser sei, packten sie ihn, ein paar Kleider, eine Tuchent und ein letztes Stück Brot in einen Rucksack und machten sich auf den Weg in die fremde Welt. Hier fanden die Flüchtlinge ein Auskommen, doch das Dasein war weiterhin von bitterer Armut geprägt. Ein Schmalzbrot und drei Würfelzucker mussten zur Stärkung für einen langen Tag genügen. Obwohl der kleine Johann in der Spelunke, in der die Familie hauste, zum Schlafen in die unterste Lade einer Kommode kriechen musste, war seine Kindheit reich, denn sie war nach dem Tod seines jüngeren Bruders von immensem Zusammenhalt geprägt.

Als junger Soldat.
Als junger Soldat.(Bild: zVg)

Menschliches Bedürfnis rettete ihm sein Leben
Dann kam der Zweite Weltkrieg. 1942, mit nur 19 Jahren, wurde Heger, der zuvor eine Maschinenschlosserlehre absolviert hatte, eingezogen und nach Frankreich zur Soldatenausbildung geschickt. Kurz später ging es in die von der deutschen Wehrmacht besetze Stadt Millerowo, 380 Kilometer vom eingekesselten Stalingrad entfernt, wo eine Million Soldaten zu Tode kamen.

Dort, in einem Schützengraben, warteten Heger und seine Kameraden täglich auf Einsatzbefehle. Eines Nachts, als er das Bedürfnis verspürte, ein Plumpsklo aufzusuchen, bat er einen Kollegen, kurz statt ihm die Wache zu übernehmen. Doch gerade als er auf dem Donnerbalken des Herzhäuschens saß, warf ein Kampfflugzeug eine Bombe ab. Die gemeinsame Unterkunft flog in die Luft. Hegers Kameraden waren auf der Stelle tot. Er überlebte als Einziger.

Johann Heger mit der Steinbrunner Bürgermeisterin Isabella Radatz-Grauszer bei seinem 100. ...
Johann Heger mit der Steinbrunner Bürgermeisterin Isabella Radatz-Grauszer bei seinem 100. Geburtstag vor drei Jahren.(Bild: zVg)

Seine Erkenntnisse sind allgemeingültig
Nach jener Nacht begriff er, dass Leben nicht selbstverständlich ist. Dass jedes an einem seidenen Faden hängt. Und dass man es annehmen muss, wie es ist, wenn man nicht verzweifeln will. Diese Erfahrung machte ihn dankbarer für jeden Moment. Mit dieser Haltung gelang es ihm auch, hoffnungsvoll weiterzumachen. Sogar dann, als seine Ehefrau Beatrix nach 65 gemeinsamen Jahren starb und der Witwer auch noch seiner einzigen Tochter Evi ins Grab blicken musste.

„Johann war kein religiöser Mensch, aber er glaubte an etwas Höheres. Daraus schöpfte er Kraft und Sinn“, erzählen Weggefährten über den Steinbrunner, der Humor als Lebenselixier bezeichnete und jeden Tag einen Schmäh auf den Lippen hatte. Anstatt sich zurückzuziehen, hielt er sein Herzen bewusst offen und pflegte soziale Kontakte: „Er unternahm Reisen rund um den Globus, strotzte vor Neugier und interessierte sich für das Weltgeschehen. Das hielt ihn geistig jung.“

Auch körperlich habe Heger gut auf sich geachtet. Obwohl er Heurigenbesuche liebte, hat er es weder beim Essen noch beim Trinken übertrieben: „Wenn man sich bewegt, bleibt das Leben im Fluss, hat er oft gemeint. Deshalb machte er stets Gymnastikübungen im Bett. Und wenn Blasmusik oder Jazz-Nummern von Glenn Miller erklangen, konnte er seine Füße sowieso nicht still halten, selbst als er schon im Rollstuhl saß“, erinnern sich Freunde.

Noch im hohen Alter legte er Wert auf Bewegung.
Noch im hohen Alter legte er Wert auf Bewegung.(Bild: zVg)

Sein letzter Wille: tanzen, singen und fidel bleiben
In zwei Wochen hätte Johann Heger, der zuletzt im Altenheim lebte, seinen 103. Geburtstag gefeiert. „Er wollte mit allen anstoßen und Wiener Lieder vortragen: ’Wann i amal stirb, stirb, stirb, müß’n mi d’Fiaker trag’n und dabei Zithern schlag’n.Weil i das liab, liab, liab, spielt’s an Tanz laut und hell, allweil fidel!’ – Kurz nachdem er diesen Wunsch geäußert hatte, ist er friedlich entschlafen.“

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