„Nukleare Option“

USA fürchten einen Finanz-Hammer, den niemand will

Wirtschaft
23.01.2026 20:00

Die Analyse eines Top-Bankers hat in den USA für Schnappatmung gesorgt. Der hochrangige Mitarbeiter der Deutschen Bank umriss in einer kurzen Mail, warum Europa der US-Regierung keinesfalls schutzlos ausgeliefert ist. Experten sprechen von einer „nuklearen Option“.

George Saravelos ist ein Top-Analyst bei der Deutschen Bank. Donald Trumps aggressive Außenpolitik – vor allem gegenüber Verbündeten – hat ihn offenbar angeregt, einige Szenarien durchzuspielen. „Gedanken zu Grönland“ stand kürzlich in einer Betreffzeile einer internen Mail, die Bestürzung im politischen Washington auslösen sollte, wie Fachzeitungen berichten.

Europa ist der größte US-Kreditgeber
Saravelos legte in wenigen Absätzen vor allem einen Fakt dar, den die US-Regierung gerne beiseiteschieben würde: Europa ist Amerikas größter Kreditgeber. Der „Financial Times“ zufolge sind die europäischen NATO-Länder (zusammen mit Kanada) der größte Gläubiger der USA und halten etwa 3,3 Billionen Dollar an US-Staatsanleihen – weit mehr als China.

„In einem Umfeld, in dem die geoökonomische Stabilität des westlichen Bündnisses existenziell bedroht ist, ist unklar, warum die Europäer bereit sein sollten, diese Rolle zu übernehmen“, argumentierte Saravelos in seiner Analyse der aktuell angespannten geopolitischen Situation. Die USA seien darauf „angewiesen, dass andere ihre Rechnungen über große Außenhandelsdefizite bezahlen“.

Die Infografik zeigt Trumps außenpolitische Hotspots anhand einer Weltkarte mit vier Themen: militärische Interventionen, Gebietsansprüche, Sanktionen und Konflikt-Diplomatie. Militärische Interventionen betreffen Venezuela, Nigeria, Syrien, Iran und Jemen. Gebietsansprüche gibt es in Kanada, Grönland und Panama. Sanktionen richten sich gegen Kuba, Kolumbien und Brasilien. Konflikt-Diplomatie betrifft die Ukraine, Armenien/Aserbaidschan, Israel/Gaza, Kambodscha/Thailand und Ruanda/DR Kongo. Quelle: APA.

Saravelos befand, dass selbst eine bloße Verlangsamung der Neukäufe von US-Finanzanlagen durch europäische Investoren bereits erheblichen Druck auf die USA ausüben könnte, ohne dass offizielle politische Maßnahmen nötig wären. 

USA drohen mit „heftigen Gegenschlägen“
In Washington schrillten sämtliche Alarmglocken. Die USA gingen beim Weltwirtschaftsforum in Davos sogar auf die Analyse ein – präventiv drohend. US-Finanzminister Scott Bessent kritisierte die Studie als Teil eines „falschen Narrativs“ und rief eine europäische Hysterie aus: „Ich sage allen: Lehnen Sie sich zurück. Atmen Sie tief durch!“, warnte er eindringlich vor wirtschaftlichen Racheakten und eiligen Ausverkäufen. Gegen die USA „zu eskalieren“, sei das schlechteste Mittel.

„Nuklearoption“ gilt als wechselseitig zerstörerisch
Offiziell wird diese Option allerdings gar nicht diskutiert – nur die Finanzmärkte spielen diese düsteren Szenarien durch. Ein Großteil der US-Staatspapiere befindet sich zudem in Privatbesitz. Ein massiver oder auch nur partieller Abzug europäischer Mittel könnte die Zinskosten für die USA deutlich in die Höhe treiben. Solch ein Schritt wäre allerdings auch für Europa verheerend, da er das globale Finanzsystem destabilisieren, den Dollar schwächen und eigene Rezessionsrisiken erhöhen könnte – weshalb die „Nuklearoption“ als wechselseitig zerstörerisch gilt.

Anleger ziehen sich aus dem US-Markt zurück
Eine effektive Drohkulisse scheint Europa dennoch aufbauen zu können. Zahlreiche Investoren fahren ihr US-Engagement zurück – das hat vor allem mit Trumps Stimmungsschwankungen zu tun. In diesem Kontext wird an den Märkten bereits vom „Sell America“-Trend gesprochen. Für Aufsehen sorgte etwa die Ankündigung des dänischen Pensionsfonds „AkademikerPension“, sich bis Ende des Monats von seinen US-Staatsanleihen im Wert von rund 100 Millionen Dollar trennen zu wollen.

Der schwedische Pensionsfonds „Alecta“ erklärte am Mittwoch, seinen Bestand im Wert von rund acht Milliarden Dollar auflösen zu wollen: „Wegen politischer Risiken in den USA.“ Aus Dänemark hieß es, das aktuelle US-Vorgehen hätte die „Entscheidung nicht erschwert“, sei aber unabhängig vom Streit um Grönland getroffen worden. 

Nicht einmal Trump ist grenzenlos
Das sind im Gesamtkontext zwar Kleinstbeträge, die erhöhte Alarmbereitschaft in den USA zeigt aber, dass selbst die viel propagierte „Narrenfreiheit“ von US-Präsident Trump Grenzen kennt. Zumal der Republikaner mittlerweile von seinen Annexionsplänen für Grönland abgerückt scheint, nachdem Europa – allen voran der französische Präsident Emmanuel Macron – eine viel zitierte „Handels-Bazooka“ auspacken wollte. Was den Finanzmarkt noch stärker belastet hätte.

Beide Seiten hätten sich laut Trump auf einen nicht näher beschriebenen „Rahmenvertrag“ geeinigt, was Kopenhagen umgehend verneinte. Der grönländische Premier Jens-Frederik Nielsen wunderte sich am Donnerstag ebenfalls: „Ich weiß leider auch nicht, was in dem Deal über mein Land stehen soll.“ Der vorläufige US-Rückzieher wirkt dennoch wie ein europäischer Sieg innerhalb eines NATO-Konfliktes, an dem alle Beteiligten enormen Schaden genommen haben.

Polen-Premier Donald Tusk erklärte vielsagend am Freitag, amerikanische Führung transatlantischer Bündnisse sei nur aufgrund von gegenseitigem Vertrauen, gemeinsamen Werten und Interessen „akzeptiert“: „Lasst uns das nicht verlieren, liebe Freunde.“

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