Sie ist eine begeisterte Sportlerin und ehemalige Fußball-Nationalteamspielerin: In einer immer unsicheren Welt steht Sylvia Mayer als erste Direktorin an der Spitze des Verfassungsschutzes. Die smarte Oberösterreicherin (39) im großen „Krone“-Interview über verhinderte Anschläge, den Tatort Kinderzimmer, Social-Media-Verbot bis 14 Jahren, Fußfessel für Gefährder, die Jagd nach dem Russen-Schatz – und Putins Agentenheer als größte Sicherheitsgefahr.
Mit 19 Jahren gleich nach der HTL-Matura in die Linzer Polizeischule legte sie eine Vorzeigekarriere hin. 20 Jahre später ist die Ing. Mag. Dr. Sylvia Mayer die erste Frau an der Spitze der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN). Als frühere U19-Nationalteam-Fußballerin im zentralen Mittelfeld – nach einem Kreuzbandriss ist jetzt Laufen, Bergsteigen und Tennis ihr Ausgleich – verrät sie der „Krone“-ihre Taktik gegen die wachsende internationale Bedrohung.
„Krone“: Frau Direktor, was sind die größten Sicherheitsgefahren?
Sylvia Mayer: Die größte Herausforderung besteht weiterhin im islamistischen Terrorismus, dicht gefolgt vom Rechtsextremismus und Terrorismus. Aber auch der Linksextremismus ist nicht zu vernachlässigen, wie jetzt der Anschlag auf Berlins Stromversorgung gezeigt hat.
Wie sicher ist unsere kritische Infrastruktur?
Wir haben eine der sichersten Energieversorgungen weltweit. Zusätzlich wurde ein neues Gesetz verabschiedet, das etwa Energiebetreiber, Gesundheitsversorger, Finanzdienstleister, die Wasser- und Lebensmittelversorger verpflichtet, Maßnahmen zu setzen.
Wie viele islamistisch motivierte Attentate wurden im vergangenen Jahr verhindert?
Wir sehen seit 2023 (Anm. d. Redaktion Terrorangriff der Hamas auf Israel) eine Zunahme an Anschlagsplanungen in Europa und auch Österreich. 2025 wurden bei uns wieder mehrere Anschläge, wie auf den Wiener Westbahnhof durch einen 15-Jährigen, verhindert. Die Bedrohungslage ist weiterhin eine sehr hohe.
Experten sprechen schon von „Tatort Kinderzimmer“. Warum ist das so?
Der Hauptgrund für die massive Verjüngung der Gefährder und auch Tatverdächtigen ist die Online-Radikalisierung. Um einige Zahlen zu nennen: Wenn man sich die Entwicklung der Tatverdächtigen ansieht, hatten wir 2021 einen Anteil von 14 Prozent, im Jahr 2024 waren es schon mehr als 40 Prozent, die unter 18 waren. Ein zweites Beispiel in Bezug auf Hochrisiko-Gefährder (niedere dreistellige Zahl), also Personen, von denen wir annehmen, dass sie Anschläge begehen könnten: Im Jahr 2020 haben wir ein Durchschnittsalter von 31 Jahren gesehen und 2025 ein Durchschnittsalter von aktuell 23 Jahren.
TikTok-Hassprediger und Islam-Influencer haben auch den Villach-Attentäter sehr rasch radikalisiert. Braucht es eine Social-Media-Sperre wie in Australien für bis zu 14-Jährige oder die geplante Fußfessel für Gefährder?
Dschihadistische Inhalte in sozialen Medien sind ein Hauptgrund dafür, dass die Zahl der Gefährder in Österreich steigt. Junge Menschen sind anfällig für die Radikalisierung online. Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig, diese Maßnahme mit einem Mindestalter aus gesamteuropäischer Ebene zu setzen, auch wenn es kein Allheilmittel ist. Auch die Fußfessel, insbesondere als Auflage nach Haftentlassungen bei Verurteilungen nach Terrorismusstraftaten, hilft.
Drohnen haben den Ukraine-Krieg verändert. Deutschland hat im vergangenen Jahr Hunderte Sichtungen etwa über Flughäfen und NATO-Stützpunkten gemeldet. Wie sieht die Lage bei uns aus?
Russland ist nach wie vor eine große Bedrohung für die Europäische Union im gesamten. Drohnen werden einerseits eingesetzt, um Spionage zu betreiben, andererseits um die Reaktionsfähigkeit auszutesten, aber insbesondere, um Verunsicherung in der Bevölkerung herbeizuführen.
Bei der Jagd nach dem Russen-Schatz aufgrund von EU-Sanktionen ist indes die „SOKO Oligarchen“ höchst erfolgreich. So wurde neben mehr als einer Milliarde eingefrorenem Geldvermögen auf Kryptowährungs- sowie sonstigen Bankkonten etwa die 350-Quadratmeter-Luxusvilla in bester Döblinger Lage und die exklusive Wohnung mit traumhaftem Blick über den Wörthersee eines der reichsten Politiker Moskaus (und Mitglied der Putin-Partei „Einiges Russland“) beschlagnahmt.
Geopolitisch gilt Wien in der Mitte von Europa als Hauptstadt der Spione. Welche Nationen sind am aktivsten?
Wien als Knotenpunkt und Sitz vieler internationaler Organisationen ist weiterhin ein sehr anziehender Ort für andere Nachrichten- und Geheimdienste. Das ist ganz klar. Auch, dass nachrichtendienstliches Personal sich unter den Diplomaten in den jeweiligen Botschaften befindet. Jene Staaten, von denen die größte Bedrohung für Österreich ausgeht, sind Russland, Iran und China.
Seit Jahren gibt es die Warnung von Putins Signalaufklärung durch riesige Horch-Satellitenschüsseln auf dem Dach der „Russencity“ in Wien. Was wird versucht, dagegen zu tun?
Wir haben ein Bündel an Maßnahmen gesetzt, um die Bedrohung zu verhindern. Einerseits baupolizeiliche Möglichkeiten, das Telekommunikationsgesetz, aber ebenso Maßnahmen strafrechtlicher Natur. Es wurden einzelne Techniker, die diese Anlage betreiben, im vergangenen Jahr ausgewiesen. Aber es gibt noch weiteren Handlungsbedarf.

Viele kritisieren das Spionagegesetz in Österreich als sehr handzahm im internationalen Vergleich. Braucht es eine Verschärfung?
Ja, die braucht es. Derzeit sind wir eingeschränkt auf jene Tätigkeiten von Nachrichtendiensten und das Sammeln von Informationen zum Nachteil Österreichs. Und nicht bei anderen Einzelpersonen oder Botschaften und internationalen Organisationen. Außerdem braucht es eine Erweiterung, weil Russland Sabotageaktionen durchführt und es hier Einflussnahme durch Desinformationen gibt.
Die EU hat nach dem Angriffskrieg Sanktionen gegen Russland verhängt. Wie sieht die bisherige Bilanz der „SOKO Oligarchen“ aus?
Momentan sind wir bei Liegenschaften bei einem eingefrorenen Vermögen von 15 Millionen Euro, bei tatsächlichen Vermögenswerten wie Bankguthaben bei mehr als einer Milliarde.
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.