Erschütternde Details
Wirte bauten Todesbar in Crans-Montana selbst um
Das korsische Unternehmerpaar Moretti hat die Geschäfte der Todesbar „Le Constellation“ geführt. Seit der Brandkatastrophe in Crans-Montana wird die Kritik an den Wirten und den zuständigen Behörden immer lauter – während neue Details ein Bild der Verantwortungslosigkeit zeichnen.
Mindestens 40 Personen sind in der Flammenhölle von Crans-Montana ums Leben gekommen. Der Fall sorgt weit über die Schweiz hinaus für große Emotionen. Hinterbliebene zeigen sich zunehmend verärgert über die Gegebenheiten vor Ort: keine Fluchtwege, offenbar lasche Einlasskontrollen und wortkarge Betreiber. Besonders wird die Auskleidung des Partykellers, der nur über eine schmale Treppe zu erreichen war, kritisiert.
In dem Raum wurden offenbar Akustikschaumstoffplatten an die Decken geklebt, die durch Sprühkerzen an Champagnerflaschen entzündet wurden, wie mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft bestätigte. Das Material war augenscheinlich hochentzündlich, innerhalb von Sekunden breitete sich der Brand aus. Und aus einem Partykeller wurde eine Todesfalle.
Akustikdämmung sorgte für „Flashover“
Die Kantonsregierung des Wallis schrieb in einer Mitteilung von einem „Flashover“ in der Bar – ein Brandphänomen, das eine Brandschutzexpertin mit einer Art Feuerwalze verglich. Durch riesige Hitze wird dabei brennbares Material derart zersetzt, dass bestimme Gase freigesetzt werden. Die Konsequenz: Dinge können auch ohne Flammenkontakt in Brand geraten.
Besonders tragisch: In einem Clip, der kurz nach der Entzündung entstand, ist zu erkennen, dass sich viele Feiernde der Gefahr nicht bewusst waren (siehe Tweet oben). Ein junger Mann versucht dabei noch, mit einem Pullover auf die Flammen zu schlagen und sie zu löschen – ohne Erfolg. Viele erkannten den Flammentod wohl erst, als auch der Holzbau Feuer fing. Was folgte, war panische Gewalt, die kaum in Worte zu fassen ist.
Wirt bricht sein Schweigen
Und die Besitzer? Die haben sich lange Zeit rar gemacht. Ihnen wird nun Vertuschung vorgeworfen, da sie innerhalb weniger Stunden nach der Katastrophe den gesamten Social-Media-Auftritt des „Le Constellation“ gelöscht haben. In älteren Bildern des Partykellers auf Plattformen wie Facebook und Instagram war die Schaumstoffauskleidung des Kellers deutlich zu sehen, wie die „Krone“ in Internetarchiven rekonstruieren konnte.
Jessica Moretti (40) und ihr Mann Jacques haben sich in den vergangenen Jahren ein kleines Gastro-Imperium aufgebaut und besitzen mehrere Etablissements im Nobelort Crans-Montana. Frau Moretti war offenbar vor Ort, als die Bar abbrannte und wurde dem Vernehmen nach leicht an der Hand verletzt. Die Barbetreiber seien von den zuständigen Ermittlern laut Staatsanwaltschaft einvernommen worden. Vor Ort habe man Spuren gesichert.
Schweizer Journalisten des Portals „20 Minuten“ schafften es mittlerweile, Jacques Moretti zu erreichen. Der Wirt wolle sich an der Aufklärung des Unglücks beteiligen: „Wir werden alles tun, um mitzuhelfen, die Ursachen zu klären. Wir tun alles in unserer Macht Stehende. Auch unsere Anwälte sind involviert.“ Die Reporter beschreiben den Mann als „sichtlich gezeichnet“. Das Ehepaar könne „weder schlafen noch essen, es geht uns allen sehr schlecht“.
Gegenüber dem „Tribune de Genève“ lehnte Jacques Moretti ein längeres Interview ab. Er sei nach der Tragödie „nicht gut beieinander“. Er behauptete jedoch, dass der Betrieb in den vergangenen zehn Jahren „dreimal kontrolliert“ worden sei und „alles vorschriftsgemäß“ abgelaufen sei.
Betreiber bauten Lokal selbst um
Das im Ort respektierte Unternehmerpaar hatte nach der Übernahme der Bar im Jahr 2015 erklärt, das „Le Constellation“ selbst umgebaut zu haben. In einem Interview mit der regionalen Zeitung „Le Novelliste“ von 2016 erklärte Jacques Moretti, er habe das Lokal in sechs Monaten renoviert.
Dem Blatt sagte er damals stolz: „Ich habe fast alles selbst gemacht. Schauen Sie diese Mauern an – das sind 14 Tonnen trockenes Gestein aus Saint-Léonard.“ Bei der Pressekonferenz am Donnerstag gaben sich Gemeinde und Behörden zugeknöpft, als es um die Frage ging, ob feuerpolizeiliche Vorschriften eingehalten wurden.
Bürgermeister glänzt mit Unwissenheit
Grundsätzlich gilt der Brandschutz in der Schweiz als streng. Die Gemeinden sind dafür üblicherweise verantwortlich. Die Bewertung erfolgt meist individuell und objektbezogen. Gemeindepräsident Nicolas Féraud konnte gegenüber Reportern jedoch nicht einmal beantworten, in welchem Turnus diese Überprüfungen stattfinden. „Wir müssen die Frage stellen, ob sich die Besitzer diesen Untersuchungen gestellt haben“, erklärte der Bürgermeister.
Wann und wie die Besitzer kontrolliert wurden, ist also nicht bekannt. Zum Zeitpunkt des Unglücks tummelten sich vor allem junge Menschen in der Bar. Die Lokalität sei bekannt für „lasche“ Einlasskontrollen, erzählte die Dorfjugend anwesenden Journalisten nach der Katastrophe.
Der Moment, als sich die Decke des Partykellers entzündete:
Identifizierung gestaltet sich schwer
Selbst 13-Jährige würden im „Constel“ regelmäßig Zutritt erhalten haben. Die Behörden verweigerten bisher, Angaben zum Alter der Opfer zu machen. Die Identifizierung werde laut öffentlichen Angaben noch Tage dauern, da die Leichen so stark verbrannt sind. Man müsse sich „100-prozentig sicher“ sein, bevor man die Familien informiere. „Das erste Ziel ist es, allen Leichen Namen zuzuordnen“, erklärte Bürgermeister Féraud.
Hintergrund
- Im Handel erhältliche Schaumstoffplatten bestehen häufig aus Polyurethanen. Soll heißen: aus Kunststoffen oder Kunstharzen auf Erdölbasis.
- Die Akustikschaumstoffe gibt es in unterschiedlichen Brandschutzklassen.
- Leicht entflammbare Varianten sind im Normalfall besonders günstig. Diese werden häufig in privaten Musikräumen verwendet.
- Was genau im „Le Constellation“ an die Decke geklebt wurde, ist nicht bekannt.
Auf Videos ist zu sehen, dass selbst jene, die es früh nach draußen geschafft haben, schwere Brandwunden erlitten. Ihre Kleidung verschmolz mit ihrer Haut. Von den Überlebenden kämpfen noch immer Dutzende ums Überleben. Menschen mit Verbrennungen dritten Grades auf etwa 15 Prozent der Körperoberfläche hätten ein erhöhtes Risiko, in den Stunden und Tagen nach dem Unfall zu sterben, erklärte der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer dem französischen Radiosender RTL.
Was droht jetzt den Betreibern?
Der weitere Verlauf der Untersuchung werde sich insbesondere mit den Umbauten, den verwendeten Materialien, den Betriebsgenehmigungen sowie mit den Sicherheitsvorkehrungen befassen. „Damit sind gemeint: die vorhandenen Löschmittel, Fluchtwege, die Einhaltung der Brandschutzvorschriften und die allgemeinen Mittel zur Brandbekämpfung“, sagte Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud am Freitag.
Es gebe die Möglichkeit einer strafrechtlichen Verfolgung, sagte Pilloud weiter. Wenn es um die Verantwortung von „noch lebenden Personen“ gehe, könnte eine strafrechtliche Untersuchung wegen fahrlässiger Brandstiftung, fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet werden. Es gilt die Unschuldsvermutung.














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