Bei ihrem Schubert-Tripple im Musikverein widmeten sich Bariton Matthias Goerne und Pianist Daniil Trifonov am Mittwoch dem Liedzyklus „Die schöne Müllerin“. Ein bejubelter Abend als eindringliche musikalische Reise zum gar nicht so lieblichen Kern der Liebe.
Es gibt Augenblicke, in denen werden Jahrhunderte zum Wimpernschlag. Und das Sehnen eines fernen Jünglings verdichtet sich zum eindringlichen Zeugnis des Menschseins. Matthias Goerne gelang im Musikverein am Mittwoch so ein zeitloser Augenblick. Bei seinem zweiten Schubert-Konzert widmete er sich, von seinem Infekt so gut wie genesen, dem Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ und begab sich mit Daniil Trifonov am Klavier auf musikalische Wanderschaft durch die zerklüfteten Landschaften einer nur anfangs hoffnungsvollen Liebe.
Der deutsche Bariton erzählt die Geschichte des jungen Gesellen, der sein Herz an die schöne Müllerin verliert, nicht in der Distanz des Liedinterpreten. Er stellt den Jüngling als dramatischen Bühnencharakter in den Saal.
Blank gebürstete Romantik
Mit jeder Faser und raumfüllend tänzerischen Bewegungen zeichnet Goerne die Stationen seiner tragischen Reise nach, folgt dem Gesellen voll Neugierde und Staunen: vom unschuldig frohgemuten Aufbruch, in die zarte Hoffnung, die schmerzvolle Sehnsucht und die wahnhafte Eifersucht bis zur polternden Enttäuschung. Da ist der freundliche Mühlbach längst zum reißenden Fluss geworden, die anmutige Landschaft zur schroffen Klippe.
Romantisch verklärt ist an dieser Lesart nichts mehr. Jede Lieblichkeit ist weggespült, jede Herzensregung blank gebürstet. Goernes Bariton fließt dabei bis in den letzten Winkel der Lieder, bis auch die feinste Seelenregung ausgefüllt und zum Klingen gebracht ist. Seine Stimme ist mit den Jahren dabei lodernder geworden in der Tiefe, durchscheinender in den Höhen – charaktervolle Nachverdichtung eines langen Sängerlebens.
Botenstoff der Dringlichkeit
Für Freunde der Textdeutlichkeit ist Goernes Schubert wenig geeignet. Die Silben nutzt er eher als Botenstoff von Dringlichkeit denn als Träger von Wortsinn – bis zur Grenze emotionaler Lautmalerei.
Nach anfänglich leicht unterschiedlicher Fließgeschwindigkeit rastete das Gespann Goerne-Trifonov ein zur packend zwingenden Musiziergemeinschaft, die der Pianist mit pointiert charaktervollen Akzenten und durchaus humorvollen Kommentaren bereicherte.
Eine Frechheit namens Liebe
Liebe, so erfährt, wer sich auf diese tönende Wanderschaft einlässt, ist alles andere als glückbringende Seligkeit. Sie ist vielmehr eine zehrend sehnsuchtsvolle, mitunter verstörend raue Angelegenheit, die mit staunend aufgerissenem Herzen zurücklässt. Eine Frechheit, eine Zumutung des Schicksals eigentlich. Wäre da nicht der finale Trost. Der Bach mündet ins Meer, die schmerzlich geweitete Seele hebt den Blick und neues Staunen macht sich breit: „Und der Himmel da oben, wie ist er so weit!“
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