„Krone“-Buchkritik

Sodom: Vom Proletariat zum Thrash-Metal-Weltruhm

Musik
10.11.2025 15:00

Aus den Kohlezechen vom westdeutschen Ruhrpott aus hat die Thrash-Metal-Band Sodom von 1982 weg die Welt erobert. Historiker, Autor und Metalfan Holger Schmenk zeichnet mit Frontmann Tom Angelripper und Wegbegleitern in „Sodom – Auf Kohle gebohren“ (Index Verlag) eine einzigartige Karriere nach, die stets sich selbst und den Fans und niemals dem Kommerz oder Zugeständnissen nach außen verpflichtet war.

kmm

Mit der deutschen Thrash-Metal-Institution Sodom hat der Autor dieser Zeilen seine ganz eigene Geschichte. Im Sommer 2024 strandete ich zufällig mit der Band am Wiener Flughafen. Schlechtwetter machte Ab- und Anflüge unmöglich. Ich sollte zu einem Konzert von Ed Sheeran nach Danzig, Sodom wollte nach einem Auftritt beim steirischen Area 53 Festival via Frankfurt zurück nach Hause in den westdeutschen Ruhrpott. Nach Stunden des Wartens war klar, dass es für mich wieder nach Hause geht und Sodom in ein Hotel müssen. Da die Flughafenhotels ausgebucht waren und die Bodenverpflegung der heimischen Fluggesellschaft AUA zu Wünschen übrigließ, hätte so manch bekannte Musiker den Rockstar raushängen lassen. Nicht so Sodom-Frontmann Thomas Such aka Tom Angelripper. Stoisch ließ er Stunde über Stunde verstreichen, saß wie andere Passagiere am kühlen Fliesenboden und kam diversen Foto- und Autogrammwünschen auch in angespannter Lage gerne nach. Irgendwann fand man dann auch eine Bleibe für die Nacht.

Stimmungsbild einer Lebensweise
Dieses Erlebnis verbildlicht aus meiner persönlichen Erfahrung heraus vielleicht am besten, wovon „Sodom: Auf Kohle geboren – Die offizielle Bandbiografie“ im Gesamten handelt. Nämlich von einer Band, die nicht nur ihr eigenes Genre, sondern auch den europäischen Black Metal entscheidend mitformte, seit 1982 für musikalische Furore sorgt und auf diesem Wege von Frankfurt über Wien, Bogota, Tokio bis hin nach Mittelamerika die gesamte Welt bereist hat. Das Buch des deutschen Historikers und Metalfans Holger Schmenk (der schon für die in Insiderkreisen beliebte „Kumpels in Kutten“-Reihe verantwortlich zeichnet) ist ein chronologischer Abriss deutscher Metalgeschichte, der aber in seiner liebevollen und zuweilen detailgetreuen Erzählart vielmehr ein Stimmungsbild der westdeutschen Lebensweise von vor mehr als 40 Jahren darstellt, als eine bloße Retrospektive einer erfolgreichen und beliebten Metal-Band.

In gut 340 Seiten bekommen Interessierte ein profundes Bild einer Band, die sich nicht nur aus purem Fantum der beiden Bandgründer Tom „Angelripper“ Such und Christian „Witchhunter“ Dudek formierte, sondern diesen Gestus auch in die eigene Rockkarriere weitertrug. Breitgetreten werden, wie in derartigen Biografien üblich, vor allem die frühen Jahre der Band, die nicht nur einen eigenen, fast vergessenen Geschmack transportieren, sondern auch wirklich humorig nacherzählt werden. Das liegt vor allem daran, dass es Autor Schmenk gelingt, Hauptdarsteller Angelripper so manch ungeschönte Story aus dessen wilder Jugend herauszukitzeln, ohne dass der sich dabei peinlich berührt fühlt. So wird man Zeuge davon, dass andere Bands Sodom aufgrund ihres proletarischen Saufverhaltens gerne als „Saudumm“ bezeichneten und kann sich zu den allerfrühestens Konzerten imaginieren, bei denen die spielerische Präzision schon gerne einmal bei der nächsten Bierkiste im Backstage-Bereich hängenblieb.

Entscheidungen aus dem Bauch heraus
Angelripper erzählt von den stümperhaften Anfängen, dem ersten Plattenvertrag und Konzerten über die Landesgrenzen hinaus. Viel interessanter sind aber die Details, die von den Nebengeräuschen berichten. So hat er seinen Job als Zechenarbeiter unter der Erde erst nach Veröffentlichung der „Agent Orange“-LP (1989) aufgegeben und sich bis dahin mit immenser Doppelbelastung seine Leidenschaft finanziert. Früh standen Sodom innerhalb der Landesgrenzen auch in musikalischer Konkurrenz mit Kreator, Destruction und im erweiterten Sinne auch Bands wie Tankard oder Darkness. Kreator sind mittlerweile zu den weltgrößten Thrash-Metal-Bands aufgestiegen, Sodom leben dafür vorwiegend von ihrem Pionierskult. Angelripper und seine Weggefährten erzählen Schmenk sehr offen und direkt von diversen Vorkommnissen, weshalb man eine authentische Sichtweise auf die damalige Zeit bekommt.

Der Autor nützte den Raum nicht nur, um mit Angelripper in dessen einzigartigen Foto- und Flyer-Archiv zu graben, sondern auch um Zeitzeugen, Wegbegleiter und alte Freunde zu befragen. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlerbiografien werden in „Auf Kohle geboren“ auch die Schattenseiten von Tom Angelripper zentriert. So findet man europaweit kaum eine so langdienende Band, die derart viele Besetzungswechsel hatte, was oft den bloßen Launen oder voreiligen Schlüssen des Bandchefs zu verdanken war. Mit fortschreitendem Alter fanden zunehmend Mitgliedertreffen und Versöhnungen statt, doch nicht alle ehemaligen Bandmitglieder sind mit ihm nachträglich ins Reine gekommen. Die ungezwungene, ganz und gar nicht an Rockstars gemahnende Art und Weise, wie Angelripper Karriereschritte plante, hat Sodom womöglich immer mit eineinhalb Beinen in den Underground gezogen. Dass dem Sänger Ehrlichkeit, Bodenständigkeit und Loyalität aber immer wichtiger waren als der schnelle Erfolg, ließ den Respekt von außen enorm anwachsen.

Am Ende wird es hastig
Tiefere Einblicke gibt es auch in musikalische Nebenprojekte, Angelrippers private Leidenschaft fürs Jagen und sein öffentlich bislang kaum aufgerolltes Familienleben. Ex-Mitglieder dürften genauso zu Wort kommen und ihren einstigen Chef gerne ruppiger anfassen - mit Kritik und Querschüssen kann Angelripper gut umgehen. Detailliert wird auch die über die gesamte Karriere aufkommende Diskussion behandelt, Sodom würden mit dem politisch rechten Rand liebäugeln, was natürlich jedweder Wahrheit entbehrt. Neben spannenden Anekdoten, Ausflügen in vergangen geglaubte Tage und wundbaren Bilddokumenten gibt es bei der profunden Werkschau im Prinzip nur einen Kritikpunkt – die letzten gut 20 Jahre werden etwas sehr salopp und emotionslos heruntergebetet, was aber ein Problem der meisten solcher Projekte ist. Nach der Biografie von Kreator-Frontmann Mille Petrozza ist die Sodom-Rückschau aber bereits das zweite Projekt in diesem Jahr, das Thrash-Metal-Kultur ins Zentrum des Geschehens stellt – und das mit großer Leidenschaft und viel Liebe.

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