20.06.2013 17:07 |

Alltag im Krieg

Syrien: Feinde, die ohne einander nicht überleben

Die Aufständischen haben den Weizen, das Regime besitzt die Mühlen, aber beide essen Brot. Der seit mehr als zwei Jahren tobende Bürgerkrieg in Syrien hat auch viele widersprüchliche Seiten. So sind die verfeindeten Seiten - das Assad-Regime auf der einen und die ziemlich heterogene Rebellenbewegung auf der anderen Seite - nicht selten beim täglichen Überleben trotz bewaffneter Auseinandersetzungen aufeinander angewiesen.
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In der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes kontrollieren die Aufständischen das Anbaugebiet für Weizen. Sie besitzen aber keine Mühlen. Die stehen in der Stadt Idlib, die in der Hand der Regierungstruppen ist. Dort gibt es jedoch nicht genug Getreide, um die Menschen zu versorgen. Weil aber beide Seiten Brot brauchen, liefern die Aufständischen nun das Korn an den Feind. Der mahlt es zu Mehl, behält einen Teil und schickt den Rest zurück an die Rebellen.

"Weizen hat doch nichts mit der Regierung zu tun", sagt Abu Hassan, ein Oppositioneller, der in einer Bäckerei in Salkin in der Provinz Idlib arbeitet. "Weizen, das hat etwas mit den Menschen zu tun."

Ähnlich pragmatisch versuchen viele Syrer, ihr Leben in den Kriegswirren zu organisieren. In der Hauptstadt Damaskus gibt es Geschäftsleute, die in den von Aufständischen eroberten Randbezirken wohnen. Ihre Läden haben sie im Zentrum, wo die Assads Truppen das Sagen haben. Also rasen sie jeden Tag in ihren Autos mit Höchstgeschwindigkeit über die Frontlinien. Morgens hin, abends zurück.

Leben wie im geteilten Berlin vor der Mauer
Was sollten sie sonst tun? Zivilisten wechseln zum Arbeiten und Einkaufen die Fronten, auch wenn sie dabei immer wieder in Schießereien geraten. Selbst Kinder gehen so zur Schule. Es erinnert ein wenig an das geteilte Berlin, bevor die DDR-Führung den Sektorenwechsel durch den Bau der Mauer unterband.

Selbst im hart umkämpften Aleppo im Norden Syriens gibt es eine erstaunliche Zusammenarbeit zwischen den Feinden. Als die Rebellen in die Millionenmetropole vorrückten, unterbrach die Regierung die Hauptstromversorgung. Im Gegenzug kappten die Aufständischen die Kabel, die ins Regierungsgebiet führen. Nach einigen Wochen stimmte die Assad-Führung zu, die Stadt wieder mit Strom zu versorgen. Die Rebellen versprachen, die Leitungen zu reparieren. Heute hat Aleppo Strom - und das 24 Stunden am Tag.

Assad-Regierung legt Flexibilität an den Tag
Die Assad-Regierung sei flexibler geworden, sagt Wajdi Saidu, ein Oppositioneller, der mit dem Bäcker Hassan im Verwaltungsrat von Salkin arbeitet. Vor einigen Monaten sei ein Gouverneur eingesetzt worden, der Absprachen mit den Rebellen wesentlich offener gegenüberstehe als sein Vorgänger. So sei auch der Weizen-Deal zustande gekommen, sagt Saidu. Beide Seiten wollten den Verwaltungsapparat aufrechterhalten. "Mit dieser Revolution werden wir nicht die staatlichen Einrichtungen los. Wir werden das Regime los", unterstreicht Saidu.

Abfall als äußerst begehrtes Gut
Dass das schon bald geschieht, erwarten die Menschen wohl nicht. Sie richten sich auf einen langen Konflikt ein. Weil die öffentlichen Wasserleitungen versiegen, graben die Menschen ihre eigenen Brunnen, denn Wasser in Flaschen zu kaufen, ist auf die Dauer zu teuer. Weil den Bauern der Treibstoff fehlt, um aus Weizen das Grundnahrungsmittel Bulgur (vorgekochter Weizen) zu machen, verbrennen sie Abfall - der ist inzwischen ein begehrtes Gut. Und am Stadtrand von Aleppo, wo Rebellen und Assads Soldaten um die Kontrolle kämpfen, arbeiten junge Männer in verdreckten Jeans und T-Shirts in Sichtweite des Qualms der Geschosse und bauen ein neues Haus.

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