500-mal pro Nacht läutet beim Ärztefunkdienst das Telefon. Hier suchen die Menschen – auch während der Feiertage – medizinische Erstberatung. Wir waren mit einem Team in Wien unterwegs.
Die Nacht ist eisig kalt, die Straßen Wiens wirken still und verlassen. Doch hinter den Fenstern eines unscheinbaren Bürohauses in der Landstraße brennt Licht – der Ärztefunkdienst hat begonnen. Hier herrscht keine Ruhe, sondern hektisches Treiben: Telefone klingeln unaufhörlich, Menschen in Sorge suchen Hilfe. Wenn der Hausarzt außer Dienst ist und der Weg in die Spitäler zu beschwerlich, ist es diese unsichtbare Rettungslinie, die die medizinische Versorgung der Stadt aufrechterhält – seit 55 Jahren.
In dringenden Fällen rücken Ärzte aus
Die Zentrale des Ärztefunkdienstes ist nicht groß, aber hochfunktional. Hier laufen die Fäden zusammen. „Wir haben zehn Telefonplätze, an denen ausgebildete Sanitäter die Daten der Anrufenden aufnehmen und eine computergestützte Ersteinschätzung vornehmen“, erklärt ein Mitarbeiter. Je nach Dringlichkeit wird entschieden, ob ein Arzt für eine Hausvisite geschickt wird, eine telefonische Beratung ausreicht oder die Rettung alarmiert werden muss. Besonders in der Weihnachtszeit steigt das Aufkommen auf bis zu 500 Anrufe pro Nacht.
In der Weihnachtszeit nehmen die Anrufe noch einmal deutlich zu. Bis zu 500-mal pro Nacht läutet dann der Notruf. Oft reicht eine Telefonberatung.
Vieles kann telefonisch geklärt werden
Ein Großteil der Anfragen betrifft hausärztliche Tätigkeiten: Blutdruckprobleme, Schmerzen oder Infekte. Doch immer wieder kommen auch lebensbedrohliche Notfälle, wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle, die eine Weiterleitung an die Rettung erfordern. „Wir lassen niemanden alleine am Telefon“, betont ein Sprecher. „Bei akuten Notfällen begleiten wir die Anrufenden telefonisch, bis die Rettung eintrifft.“ Reicht die telefonische Beratung nicht aus, dann müssen die Ärzte und Sanitäter ausrücken. Die „Krone“ durfte rund um die Feiertage dabei sein.
Ein eingespieltes Duo
Dr. Peter Haubenberger und Sanitäter Wilfried Szupper sind schon seit vielen Jahren beim Ärztefunkdienst und ein eingespieltes Duo. An diesem Abend führt der erste Einsatz zu einer Familie mit drei Kindern. Der kleine Noah hat entzündete Augen und Fieber. „Gerade bei Kindern ist oft eine Blickdiagnose entscheidend“, sagt Haubenberger, während er die Vitalwerte des Jungen prüft. „Man sieht sofort, ob ein Kind vital ist oder ob etwas Ernstes vorliegt.“ Nach der Untersuchung gibt es Entwarnung: Augentropfen und Ruhe genügen. Mutter Stephanie ist erleichtert: „Jetzt können wir doch noch in den Urlaub fahren.“
Wir sind nicht nur Mediziner, wir sind oft auch Therapeuten und manchmal die letzte Hoffnung in der Nacht.
Dr. Jürgen Borschke
Ein anderer Einsatz führt zu einem Mann mit starken Rückenschmerzen, der sich kaum bewegen kann. In einer ärmlichen Wohnung verabreicht Haubenberger eine Schmerzspritze. „Schon nach wenigen Minuten konnte er wieder aufstehen“, berichtet der Arzt. „Am Montag muss er jedoch unbedingt seinen Hausarzt aufsuchen.“
Mit drei Kindern alleine ins Spital zu fahren, ist unmöglich. Der Ärztefunkdienst ist für uns wirklich eine große Hilfe.
Stephanie, Mutter dreier Kinder
Eine herausfordernde Arbeit
Die Arbeit des Ärztefunkdienstes ist vielseitig. Besonders herausfordernd sind Einsätze bei Blutdruckentgleisungen oder Atemnot, bei denen schnelle Hilfe entscheidend ist. „Wir fahren selten mit Blaulicht, aber wenn es nötig ist, haben wir die Möglichkeit dazu“, erklärt Haubenberger. Doch es sind nicht nur die medizinischen Herausforderungen, die den Job prägen. „Man lernt Wien von einer ganz anderen Seite kennen“, sagt Wilfried Szupper. „Die Vielfalt der Anrufe spiegelt die unterschiedlichsten Lebensrealitäten wider.“ Besonders bewegend sind Momente, in denen die bloße Anwesenheit des Arztes Panik nimmt und Vertrauen schafft.
Rettungsanker für viele Wiener
Für viele Wiener ist dieser Dienst ein unverzichtbarer Anker in medizinischen Notlagen. „Es ist ein anspruchsvoller, aber auch ungemein erfüllender Job“, resümiert Haubenberger. „Am Ende zählt, dass wir helfen können — egal, zu welcher Uhrzeit.“
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