22.09.2012 10:19 |

Islam-Proteste

"Tag der Liebe zum Propheten": Chaos und Tote in Pakistan

Die heftigen muslimischen Proteste gegen die als Religionsverunglimpfung empfundenen Aktionen aus dem Westen sind am Freitag wieder aufgeflammt. In Pakistan sahen sich die Sicherheitskräfte mit Zehntausenden gewalttätigen Demonstranten konfrontiert. Bilder aus Großstädten zeigten Straßenschlachten inmitten von Tränengaswolken und brennenden Polizeiautos. Mindestens 23 Menschen starben. Pakistans Premier hatte am Vormittag eine Pressekonferenz "zu Ehren des Propheten" gegeben und den Demonstranten mit der Forderung eines weltweiten Blasphemie-Verbotes Rückenwind verschafft.
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Die pakistanische Regierung verhielt sich am Freitag, als legte sie es geradezu auf Ausschreitungen im eigenen Land an. Premierminister Raja Pervez Ashraf feuerte am Vormittag eine Tirade gegen den islamfeindlichen Film "Unschuld der Muslime" und die vom französischen Satiremagazin "Charlie Hebdo" in dieser Woche abgedruckten Mohammed-Karikaturen ab. Die Regierung hatte den Freitag zum "Tag der Liebe zum Propheten Mohammed" erklärt.

Premier fordert weltweites Blasphemie-Verbot
Auf seiner Konferenz zu Ehren des Propheten sagte der Premier, derartige Verunglimpfungen hätten nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Er forderte die UNO und andere internationale Organisationen dazu auf, Wege zu finden, um weltweit Blasphemie zu verbieten. Nach dem pakistanischen Anti-Blasphemie-Gesetz, das noch unter der Militärdiktatur erlassen worden war, ist Gotteslästerung mit dem Tod zu bestrafen. "Ein Angriff auf den Heiligen Propheten ist ein Angriff auf alle 1,5 Milliarden Muslime", erklärte Ashraf. Zahlreiche politische und religiöse Gruppen hatten zu Protesten nach den Freitagsgebeten aufgerufen.

Die pakistanische Regierung zitierte auch den amerikanischen Botschafter ins Außenministerium. Die US-Regierung wird in einem Schreiben, das Botschafter Richard Hoagland übergeben wurde, zum Handeln gegen die Produzenten des "frevelhaften Films" über den Religionsstifter Mohammed aufgefordert. Zudem solle sich Washington dafür einsetzen, dass der Streifen von der Internetplattform YouTube gelöscht werde.

US-Konsulat mit Schiffscontainern blockiert
Während der Premier Öl ins Feuer goss, verstärkten Polizei und Militär in mehreren pakistanischen Großstädten die Sicherheitsvorkehrungen. Die Zufahrtsstraßen zum US-Konsulat in Peshawar sowie zu den Büros westlicher Hilfsorganisationen und anderen potenziell gefährdeten Gebäuden blockierten die Behörden mit Schiffscontainern. Um die Gewalt einzudämmen, wurden zudem in mehreren Großstädten die Handynetze abgeschaltet. Nach den Mittagsgebeten strömten schließich Tausende auf die Straßen.

In der Millionenmetropole Karachi haben über 20.000 Demonstranten versucht, zum verbarrikadierten US-Konsulat zu marschieren und dabei der Polizei heftige Straßenschlachten geliefert. Auch in Lahore kam es zu Straßenschlachten. In der Hauptstadt Islamabad durchbrachen Hunderte aufgebrachte Muslime die Absperrungen rund um das Regierungsviertel. In dem Bereich liegen in einem zusätzlich gesicherten Areal auch westliche Botschaften.

In mehreren Städten kam es zu spontanen Angriffen auf US-amerikanische Unternehmen bzw. Einrichtungen. In Karachi demolierten Randalierer eine Filiale der Fast-Food-Kette "Kentucky Fried Chicken" sowie ein Kino, das offenbar US-Filme spielte.

US-Regierung bucht TV-Werbung in Pakistan
Die USA wandten sich indes direkt an die Bürger Pakistans. Auf sieben Fernsehsendern läuft derzeit ein Spot, in dem sich Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton von dem Amateurvideo distanzieren. In dem kurzen und mit Urdu-Untertiteln versehenen Beitrag sagt Obama, die Vereinigten Staaten seien ein Land, das seit seiner Gründung alle Glaubensrichtungen akzeptiere.

Clinton betont, dass die Vereinigten Staaten mit dem islamfeindlichen Video absolut nichts zu tun hätten. Mit dem Spot könnten die USA bis zu 90 Millionen pakistanische Fernsehzuseher erreichen.

Proteste in Indien und Malaysia großteils friedlich
Nach dem Freitagsgebet kam es auch in anderen muslimischen Ländern und Regionen wieder zu Protesten, bei einem Großteil davon handelte es sich aber um friedliche Kundgebungen. Im indischen Teil Kaschmirs kam es vereinzelt zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Um eine weitere Verbreitung des Mohammed-Schmähfilms zu verhindern, hat die indische Regierung Internetverbindungen in Kaschmir einschränken lassen.

In Malaysia wurde am Freitag weitgehend friedlich gegen das islamfeindliche Mohammed-Video protestiert. Regierungschef Najib Razak bezeichnete das Video als "tief verletzend", rief seine Landsleute aber auf, Ruhe zu bewahren und dafür zu sorgen, dass die Proteste nicht in Gewalt ausarten. "Mehr als je zuvor muss jeder von uns dazu beitragen, dass wir uns alle um mehr Respekt, Toleranz und gegenseitiges Verständnis bemühen, um in Harmonie leben zu können", sagte der Premier. Nach Polizeischätzungen waren etwa 5.000 Menschen vor dem Sitz der (geschlossenen) US-Botschaft und einer nahe gelegenen Moschee aufgezogen.

Tunesische Regierung erließ Demonstrationsverbot
Die tunesische Regierung hat indes sämtliche Demonstrationen am Freitag verboten. Der Chef der islamischen Regierungspartei Ennahda, Rached Ghannouchi, bezeichnete die Salafisten als Bedrohung, gegen die der Staat vorgehen müsse. Die Fundamentalisten, die die Gesellschaftsordnung zur Zeit des Religionsstifters Mohammed wiederherstellen wollen, stellten "eine Gefahr nicht nur für Ennahda, sondern für die öffentlichen Freiheiten im Land und für seine Sicherheit dar", sagte Ghannouchi.

Ex-Premier Beji Caid Essebsi hatte der Regierungspartei zuvor vorgeworfen, mit ihrer "Toleranz" gegenüber den gewaltbereiten Salafisten das Land "in den Abgrund zu steuern". Die antiamerikanischen Ausschreitungen seien das Ergebnis der "nachsichtigen Politik der Regierung gegenüber Gruppen, welche die Gewalt verherrlichen".

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