„Schneiders Brille“

Gier und Scham

Vorarlberg
13.01.2024 17:25

In seiner neusten Kolumne erzählt der Autor Robert Schneider die Geschichte eines Mannes, dem es gelang, den Eiffelturm an einen Schrotthändler zu verkaufen. Eine wunderbare kleine Parabel, bei der sich gleich mehrere Parallelen zur Gegenwart auftun. 

Es sind jene Geschichten, die wir so gerne hören, in denen wir unsere schlechten Charaktereigenschaften erkennen, aber die Folgen nicht tragen müssen. Die Signa-Pleite illustriert das wieder vorzüglich. Ja, das kommt davon, wenn man so gierig ist ...

An einem Frühlingsmorgen des Jahres 1925 sitzt ein vornehm gekleideter Herr mit Namen Victor Lustig - es heißt, er ist von ungarisch-österreichischem Adel - in einem Pariser Café und stöbert in der Zeitung. Dort liest er eine Notiz über den langsamen Verfall des Eiffelturms, der seit der Weltausstellung 1889 beharrlich vor sich hin rostet, und den die Pariser als Schandfleck in ihrer Stadt betrachten. Die Frühlingssonne blendet Lustigs Augen, und da kommt ihm glatt ein Geistesblitz.

Eine Woche später verschickt der sehr eloquente Herr (er gibt sich als stellvertretender Generaldirektor des Postministeriums aus) Einladungen zu Verkaufsgesprächen bezüglich des Eiffelturms an sechs Pariser Schrotthändler. Man habe die Herren aufgrund ihrer tadellosen Reputation als Geschäftsmänner ausgewählt und bitte um vertrauliche Verhandlungen im Hôtel de Crillon (damals das beste Hotel der Stadt).

Alle sechs erscheinen. Lustig gelingt es, Unsicherheiten auszuräumen. Mit dem misstrauischsten, aber gierigsten aller Geschäftsleute, einem gewissen André Poisson, schließt er einen Kaufvertrag über 7000 Tonnen Schrott ab. Die Anzahlung von einer Million damaliger Francs wird sofort fällig. Poisson zahlt bar, nicht wenig geschmeichelt, dass er zu der kleinen Schar aufrichtiger Geschäftsleute gezählt wird, aber mehr noch, weil ihm der Kauf des Eiffelturms wie ein Schnäppchen vorkommt. Anderntags ist Herr Lustig schon über alle Berge, und zwar auf dem Weg nach Wien. Poisson erstattet vor lauter Scham keine Strafanzeige, weshalb auch nichts von dem Betrug in den Zeitungen steht.

Im Jahr 1926 befindet sich „Graf Lustig“, wie er sich jetzt nennt in Amerika und sucht Al Capone auf, den er auch übers Ohr haut. Aber das ist eine andere Geschichte.

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