Der Tod des großen Schriftstellers Martin Walser hat in „Krone“-Kolumnist und Autor Robert Schneider die Frage aufgeworfen, was von den all den erzählten Geschichten übrig bleibt. Seine Antwort fällt ernüchternd aus.
Die Nachricht vom Tod des Martin Walser - ich zuckelte zufällig vor einigen Wochen auf der MS Austria an Wasserburg vorbei, wo er lebte, und dachte, der muss jetzt auch bald hundert Jahre alt sein -, hinterließ in mir zwiespältige Gefühle, was die Zukunft der Schriftstellerei angeht. Wir sind eine aussterbende Spezies. Das Geschichtenerzählen ist obsolet geworden. In Hollywood streiken die Drehbuchautoren schon seit Monaten. Keinen interessiert’s. Sagen Sie heute einem Verleger, sie planten einen 800 Seiten starken Roman über, sagen wir, eine dunkle Familiengeschichte im Allgäu, er wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und zwei Dinge rufen: „Papier ist zu teuer! Schreiben Sie ein Sachbuch!“
Knapp achtzig Jahre sind es her, als der junge Martin Walser in der Gruppe 47 mit gleichgesinnten Kollegen nach neuen Wegen des deutschen Erzählens und der Lyrik suchte. Da kam eine junge Generation von Schriftstellern zusammen, die, erschüttert von der Generation ihrer Väter, sich gegenseitig neue Texte vorlas, sich kritisierte, lobte oder verriss, in jedem Fall nach einem Deutsch rang, das in nichts an die emotionsverbrämten Reden eines Goebbels mehr erinnern sollte. Alles, was nur irgendwie gefühlig klang, war Makulatur, weil eben irregeleitet. (Als ob die Sprache etwas für die Dummköpfe könnte, die sie missbrauchen!) Man stritt um Eigenschaftswörter, favorisierte ein nüchternes Reden.
Nahezu alles, was in späteren Jahren literarischen Rang haben sollte, ging aus diesem Laboratorium hervor: Bachmann, Eich, Grass, Böll, Aichinger, Enzensberger, Hildesheimer und eben auch Martin Walser. Heute ist das Literaturgeschichte und interessiert im Grunde niemanden. Das zu Ende gehende Zeitalter des Geschichten-Erzählens rührt ebenfalls kaum jemanden um. Dichter stiften eben nichts Bleibendes.
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