Freistädter über Krise

„Mir raubt es den Schlaf, wie’s den Leuten geht“

Walter Kreisel baut derzeit in Freistadt ein Gebäude, das der bisher größte Stromspeicher Oberösterreichs wird. Ein Gespräch mit dem 43-jährigen Unternehmer über Wissenslücken, Lkw-Konvois und verzweifelte Kunden.

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Die Luft ist erfüllt von lauten Geräuschen, die vermutlich ein Hammer verursacht. „Wir gehen da über das Gerüst rauf in den ersten Stock“, zeigt Walter Kreisel auf die Baustelle in Freistadt, auf der ein Projekt realisiert wird, das in puncto Nachhaltigkeit ein Ausrufezeichen setzt: die „Free City“. Dahinter verbirgt sich ein Gebäude, bei dem auf das Dach und auf alle Seiten Photovoltaikanlagen montiert werden und das zum größten Stromspeicher Oberöstereichs wird. Der Haupt-Baustoff ist Holz. Zudem werden 70 E-Ladestationen für Pkw errichtet. Walter Kreisel ist einer der drei Bauherren für das Gebäude, in das auch die von ihm gegründete neoom AG einzieht.

„OÖ Krone“: Die steigenden Kosten, zerstörte Gas-Pipelines, Angst vor einem kalten Winter: Energie wurde zum Dauerthema. Wie sehen Sie die Lage?
Walter Kreisel: Ich denke, wir werden in die schlimmste Krise schlittern, die wir jemals gehabt haben. In den letzten zehn Jahren habe ich mich nur mit der Elektrizitätsindustrie beschäftigt gehabt. Dass wir so brutal viel Gas brauchen, dass wir so abhängig sind, war mir nicht bewusst.

Mit welchen Folgen rechnen Sie?
Wir werden Menschen erleben, die sich Zehn-Jahres-Kredite aufnehmen, um die Stromrechnung 2023 bezahlen zu können. Und wer ein Haus mit Gastherme gebaut hat, für den ist das fatal. Die Bauindustrie wird sich total verändern - da wird alles Richtung Holz gehen.

Wie gehen Sie mit den Bedrohungen um?
Es motiviert mich noch mehr, noch schneller unsere Produkte zu unseren Kunden zu bringen. Wir fahren mit zehn Lkw, die 36 Tage brauchen, rund um die Uhr im Konvoi, um die Teile von China zu den Betrieben zu bringen, die unsere Produkte wie Speicher und Ladestationen für uns fertigen.

Die aktuelle Situation ist für alle belastend.
Wir haben Kunden, die weinen am Telefon. Andere sagen: „Ich will meine Photovoltaikanlage, weil sonst lässt sich meine Frau scheiden.“ Und jetzt sind wir nur eine Solarbude. Ich will gar nicht wissen, wie es woanders zugeht. Die Herausforderungen, die wir als Unternehmen haben, sind immens, aber ich kann damit super schlafen - mit dem Wachstum genauso wie mit den Verbindlichkeiten. Wenn mir etwas den Schlaf raubt, dann ist es das, zu sehen, wie’s den Leuten da draußen gerade geht.

War für Sie schon immer klar, dass Sie in der Energiebranche landen?
Nein, ich habe drei, vier Anläufe gebraucht, als ich den Weg in die Selbstständigkeit eingeschlagen habe. Ich hab mich mit Energieeffizienzmaßnahmen beschäftigt, mit Automatisierung. Vom Holzvergaser über Gasthermen bin ich zu Wärmepumpen gekommen, später von Solarthermie zu Photovoltaik. Bei Kreisel Electric in Rainbach war ich für die Effizienz des neuen Firmengebäudes verantwortlich und hab gesehen, wie genial Lithium-Ionen-Batterien sind. 2018 habe ich dann den Schritt gewagt und neoom gegründet.

Mit welchem Ziel sind Sie angetreten?
Ein unabhängiger, technologiegetriebener Energieversorger zu sein, der die Energiewende von der letzten Meile aus baut und nicht von zentralen Kraftwerken - mit dem Fokus auf Gewerbe- und Industriegebäude.

Dann kamen Greta Thunberg, der Green Deal der EU und schließlich auch noch der Krieg zwischen Russland und der Ukraine.
Putin zeigt uns, wie zentralistisch die Energiepolitik war. Die Energiepolitik ist an ihren Grenzen. Wir haben auf falsche Energierohstoffe gesetzt, wir haben uns mit falschen Verträgen langfristig gebunden - das kann nur die Dezentralisierung der Energiebranche lösen.

Zitat Icon

Wir fahren mit Lastwägen von China rauf, damit wir unser Teile holen, weil die Schiffe aus Rotterdam und über Griechenland so langsam sind und die Logistik nicht funktioniert.

Walter Kreisel

Was braucht’s jetzt?
Schnellere Verfahren und die Energieversorger mit ihren Millionen Kunden, die verstehen, dass die letzte Meile auch für sie ein Geschäft und für den Kunden eine Lösung ist.

Was tragen Sie mit Ihrem stark wachsenden Team bei neoom neben der Entwicklung von Produkten dazu bei, dass wir aus dem Schlamassel rauskommen?
Wir motivieren die Elektriker dazu, nicht mehr zu gipsen und zu stemmen, sondern Photovoltaikanlagen auf Dächern und Wallboxen zu installieren. Wir wollen sie für den Solarbereich spezialisieren und sorgen dafür, dass sie den Kunden auch eine Finanzierung, Versicherung, Vernetzung und Speicherung anbieten können.

Das soll helfen?
Wenn wir die Branche beschleunigen, hat das den riesengroßen Vorteil, dass wir schneller wegkommen von Gas, Kohle und Öl und tatsächlich die Gebäude resilienter und autarker machen. So wird Energie günstiger und sauberer.

Der Ruf nach Speichern wird von allen Seiten lauter.
Wenn es Batteriespeicher gibt, kann ich größere Photovoltaikanlagen bauen, weil mehr Strom lokal gespeichert werden kann. Der Eigenverbrauch steigt, ich habe weniger Lastspitzen, kann die Netze entlasten und stabiler machen.

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