Mi, 26. September 2018

Jahrelange Fahndung

26.05.2011 23:29

Serben fassen Kriegsverbrecher Ratko Mladic

Der seit Jahren wegen Völkermords und anderer Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina gesuchte einstige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, ist in Serbien festgenommen worden. Das bestätigte der serbische Staatspräsident Boris Tadic am Donnerstag. Die DNA-Analyse nach der Verhaftung habe die letzte Gewissheit gebracht. Mladic wird für das Massaker von Srebrenica mit fast 8.000 Toten verantwortlich gemacht.

Der Belgrader Sender B-92 meldete, dass die Festnahme in den Morgenstunden in der Ortschaft Lazarevo bei Zrenjanin erfolgt sei. Das Dorf mit etwa 3.500 Einwohnern befindet sich etwa zwölf Kilometer östlich der Vojvodina-Stadt Zrenjanin. In der Region leben viele Familien aus Bosnien-Herzegowina und Montenegro, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt worden waren. Aus Sicherheitskreisen sickerte durch, Mladic sei schwer krank. Der 69-Jährige habe zumindest einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge eine Hand steif geblieben sei. Anderen Berichten zufolge soll es Mladic vergleichsweise gut gehen.

Der Sender B-92 berichtete, dass Mladic, der im Dorf unter dem Namen Milorad Komadic lebte, sein Äußeres nicht verändert habe, allerdings ziemlich gealtert aussehe. Einen Bart trage er nicht, berichtete der Sender in Anspielung auf den früheren Präsidenten der Serbischen Republik, Radovan Karadzic, der im Juli 2008 in Belgrad festgenommen wurde. Karadzic trug bei seiner Festnahme einen Vollbart. Er war in Belgrad unter dem Namen Dragan Dabic als Heilpraktiker tätig.

Ein Gentest soll nun mit letzter Sicherheit die wahre Identität des Verhafteten bestätigen. Jahrelang hatte das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag den Ex-General gejagt. Der Hauptanklagepunkt ist das Massaker von Srebrenica im Bosnien-Krieg.

Tadic: "Auslieferung läuft bereits"
Präsident Boris Tadic erklärte bei einer Pressekonferenz, mit der Festnahme sei erneut bestätigt worden, dass Serbien in voller Kapazität nach den flüchtigen Haager Angeklagten gefahndet habe, um diesen "schwierigen Abschnitt" in der Geschichte Serbiens abzuschließen. Mladic soll nun so schnell wie möglich an das Haager Tribunal überstellt werden. "Der Prozess der Auslieferung läuft bereits", sagte Tadic. Erste Berichte, nach denen sich Mladic bereits wenige Stunden nach der Festnahme auf dem Weg nach Den Haag befunden habe, wurden später allerdings dementiert.

Mladic wurde stattdessen kurz nach 16 Uhr vom Hauptquartier des Nachrichtendienstes BIA im Belgrader Stadtviertel Dedinje in das Sondergericht für Kriegsverbrechen überführt. Er soll von einem Ermittlungsrichter angehört werden, der zu entscheiden hat, ob die Voraussetzungen für die Auslieferung an das UNO-Tribunal erfüllt sind. Das Justizministerium rechnet damit, dass das Auslieferungsverfahren sieben Tage dauern wird.

"Ich bin sehr stolz auf die geleistete Arbeit", so Tadic. Serbien habe damit seine moralische Glaubwürdigkeit im Ausland auf ein höheres Niveau heben können. Auch die Verantwortlichen für das jahrelange Untertauchen von Mladic würden nun gesucht und auch gefunden werden, so Tadic weiter. Die Verhaftung von Mladic öffne die Türen für die Versöhnung auf der ganzen Balkanhalbinsel, Serbien befreie sich von einer "schweren Last".

Gerichtsanhörung von Mladic unterbrochen
Über der Auslieferung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers an das Haager UNO-Tribunal hängt allerdings ein Fragezeichen: Die erste Einvernahme durch ein Belgrader Sondergericht ist am Donnerstagabend wegen des schlechten Gesundheitszustands des Angeklagten unterbrochen worden, berichteten serbische Medien. Die Anhörung begann kurz vor 20 Uhr und dauerte rund eine Stunde. Grund für die Unterbrechung sei der "schlechte psychophysische Zustand" von Mladic, berichtete der Sender B-92.

Die Einvernahme soll nun am Freitag fortgesetzt werden. Der Ermittlungsrichter muss nach der Anhörung innerhalb von drei Tagen über die Auslieferung entscheiden, danach hat Mladic die Möglichkeit einer Berufung.

Srebrenica-Massaker forderte rund 7.800 Tote
Truppen der bosnischen Serben unter dem Kommando von Mladic nahmen die Muslim-Enklave im Osten Bosniens an der Grenze zu Serbien am 11. Juli 1995 ein. Was danach folgte, ging als das größte Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in die Geschichtsbücher ein: Nach einem Bericht einer Untersuchungskommission, der auch von der bosnisch-serbischen Regierung angenommen wurde, wurden etwa 7.800 bosnische Muslime ermordet. Als einziges Ereignis im Bosnien-Krieg erfüllt es nach Einschätzung des Haager UNO-Kriegsverbrechertribunals den Tatbestand des "Völkermords".

Der UN-Chefankläger des Haager Tribunals, Serge Brammertz, hatte von Serbien immer wieder eine intensivere Fahndung nach Mladic gefordert. Die Festnahme hätte für ihn höchste Priorität.

Tochter beging wegen Kriegsgräueln Selbstmord
Bis Anfang 2002 hatte Ratko Mladic sich völlig ungehindert in seiner Villa im Belgrader Diplomatenviertel Kostunjak bewegen können. Erst nach der Festnahme des einstigen jugoslawischen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic wurde auch ihm der Boden unter den Füßen zu heiß.

Seit dem Tod seiner Tochter Ana, einer brillanten Medizinstudentin, soll Mladic früheren Medienberichten zufolge unter Depressionen gelitten haben. Ana nahm sich im März 1994 nach einer Russland-Reise, auf der sie von Studienkollegen mit der bosnischen Kriegsbrutalität konfrontiert wurde, das Leben. Ihr Versuch, den Vater zur Rede zu stellen, war am Vorabend des Selbstmordes gescheitert.

Von der Nachricht über die Festnahme zeigten sich Mladic' Ehefrau Bosiljka und sein Sohn Darko "erleichtert". Die Angehörigen seien zuletzt angeblich der Ansicht gewesen, dass Ratko Mladic überhaupt nicht mehr lebe. Ehefrau Bosiljka hatte erst kürzlich gefordert, dass die Behörden ihren Mann für tot erklären.

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