06.03.2022 20:38 |

Hoher Bodenverbrauch

Verbauen wir uns unsere Zukunft?

Expertin warnt vor dem sorglosen Umgang mit Äckern, Wiesen und Wald. Kärnten verliert täglich mehr als zwei Fußballfelder. Stadt Villach räumt mit Vorurteilen auf.

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Dass die Betrachtung unserer Böden als Bauland viel zu einseitig erfolgt, weiß Gerlinde Krawanja-Ortner, Vertreterin der Kärntner Scientists for Future, nur zu gut: „Die Ernährungssicherheit spielt beim Bauland keine Rolle. Wir verbauen permanent landwirtschaftliche Flächen, die wir jedoch dringend benötigen. Denn was passiert in Krisenzeiten?“

Zwei Fußballfelder pro Tag
Zwischen 2010 und 2020 verlor Kärnten täglich 2,2 Hektar Boden. „Das sind mehr als zwei Fußballfelder - und das jeden Tag. Damit wurden rund 81 Quadratkilometer an freier Landwirtschaft in Bau- und Verkehrsflächen sowie Freizeit- und Abbauflächen umgewandelt. Der Zielwert des WWF liegt bei einem Hektar pro Tag!“, erklärt Krawanja-Ortner, die es als problematisch erachtet, dass die Raumplanung den Gemeinden obliegt:

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Jede (Gemeinde!) arbeitet für sich, ohne dabei einen Blick auf die Nachbarn zu werfen. Eine übergreifende Raumplanung auf Landesebene wäre wichtig. Aber landwirtschaftliche Flächen werden ja nicht einmal in Form von Zahlen angegeben!“

Gerlinde Krawanja-Ortner, Scientists for Future

Fakten

Es gibt mehrere Messmethoden für Bodenverbrauch. Eine davon ist die Flächeninanspruchnahme. Darunter versteht man den Verlust biologisch produktiven Bodens durch Verbauung für Siedlungs- und Verkehrszwecke, aber auch für Erholungsgebiete, Deponien, Abbauflächen, Kraftwerksanlagen und ähnliche Intensivnutzungen. Der Begriff ist differenziert zu sehen, weil er sehr viele Widmungskategorien vereint und keinen unmittelbaren Rückschluss auf das Kernthema Versiegelung gibt.

Wesentlich aussagekräftiger ist die Kategorie Bauland pro Einwohner. Allerdings sind ländliche Bereiche durch viele Einfamilienhäuser geprägt. Auch wenn ein Haus nur einen kleinen Bruchteil eines großen Grundstücks einnimmt, wird das gesamte Grundstück als Bauland pro Einwohner gezählt. Auch Parkanlagen sind dieser Kategorie zuzuordnen.

Bei der dritten Kategorie handelt es sich um die eigentliche Versiegelung. Nur ein Bruchteil des Baulands ist tatsächlich versiegelt. Dieser Wert hat tatsächliche Aussagekraft.

Positive Beispiele und bedenkliche Entwicklungen
Als positives Beispiel nennt die Expertin den Baustopp in Velden am Seeufer, der während der aktuellen Nachdenkphase verhängt wurde. Ein Best-Practice-Beispiel aus dem ländlichen Raum sei Oberdrauburg mit seiner Ortskernstärkung. Es gebe aber auch bedenkliche Entwicklungen: „Die Bauruinen in Pörtschach stimmen mich nachdenklich. In Finkenstein ist das Ausmaß der Aufschließungsflächen größer als das der nicht bebauten Baulandflächen.“

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Gemeinden könnten vorschreiben, wie viele Bäume pro 100m2 Bauland zu pflanzen sind. Aber sie tun es nicht!

Gerlinde Krawanja-Ortner

Aussagekraft der Kategorien variiert
Die Einführung der verschiedenen Messmethoden für den Bodenverbrauch (siehe Factbox) hält die Bodenexpertin grundsätzlich für wichtig: „Aber das sind verschiedene Indikatoren, die den Bodenverbrauch beschreiben und unterschiedliche Aussagekraft besitzen. Für mich stellt sich da auch immer die Frage, was wir für immense Erhaltungskosten den nächsten Generationen aufbürden - und das vor dem Hintergrund einer negativen Bevölkerungsentwicklung.“

Vom Gemüsegarten in die kostbare Bergwelt
War das Umland früher der Gemüsegarten einer Stadt, dringen wir heute - so Krawanja-Ortner - mit unseren Chaletdörfern viel zu weit in die kostbare Bergwelt vor: „Dem Bodenverbrauch muss mit Bodenschutz entgegnet werden. Heutige politische Entscheidungen legen fest, wie viel Boden zukünftig für Ernährungssicherheit, Energiewende, Erholung, Klimaschutz und Schutz vor Naturgefahren zur Verfügung stehen wird. Eine bodenpolitische Wende ist auch in Kärnten noch möglich!“

Interview: 

„Villach hat den geringsten Anteil an Bauland!“ Bürgermeister Günther Albel räumt mit Vorwürfen auf. Dieser Ruf werde der Stadt einfach nicht gerecht.

„Krone“: Immer wieder wird der Stadt Villach vorgeworfen, mehr Naturflächen zu fressen als es irgendeine andere österreichische Stadt tut.

Albel: „Da haben sich politische Akteure definitiv die falsche Stadt ausgesucht. Von allen österreichischen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern hat Villach den geringsten Anteil an Bauland, den zweitniedrigsten Versiegelungsgrad und mit 55 Prozent den höchsten Waldanteil.“

Wie sieht es bezüglich der Inanspruchnahme von Flächen in Villach aus?

„Diese Widmungskategorie hat wenig Aussagekraft. Da werden Bauland und große Freizeitbereiche wie der Wasenboden oder Silbersee mit rund 15 Hektar in einen Topf geworfen. Trotzdem ist unser Wert von 22 Prozent der Gesamtfläche sehr niedrig. Klagenfurt liegt etwa bei 34 Prozent, Graz, Linz und Salzburg bei über 50.“

Die Kategorie Bauland pro Einwohner in Quadratmeter ist schon aussagekräftiger.

„Vor zehn Jahren hatte Villach einen Wert von 390 Quadratmeter pro Einwohner. Jetzt sind es nur noch 330. Klagenfurt hat 290. Unsere Richtung stimmt also. Man darf nicht vergessen: Villach ist ein vitaler Wirtschafts- und Industriestandort. Diese wirtschaftliche Basis unseres Lebens steht freilich im Zusammenhang mit einem gewissen Bodenverbrauch.“

Sie betonen, dass der Versiegelungsgrad in Villach besonders niedrig sei.

„Wir liegen bei rund neun Prozent der Gesamtfläche - einer der niedrigsten Werte aller österreichischen Städte. Klagenfurt hat 13,7, Graz über 20 Prozent. Dieser Wert hat tatsächlich Aussagekraft. Er zeigt, wie gut Villach mit Boden umgeht.“

Ein Wort zum Logistikzentrum in Federaun.

„Das Großprojekt betrifft nur 0,1 Prozent der Villacher Fläche!“

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