11.10.2021 08:55 |

Interview

„Es gab schon einige positive Aha-Erlebnisse“

„Wir geben motivierten Jugendlichen eine Chance“, sagt Ernst Schmid, Geschäftsführer des Ausbildungszentrum Vorarlberg (AZV). Im Interview spricht er die hohen Güter Bildung und Sozialkompetenz und erklärt, warum das AZV keine Sozialeinrichtung ist.

„Krone“:Das Ausbildungszentrum Vorarlberg bildet seit über 15 Jahren Jugendliche in verschiedenen Lehrberufen aus. Und zwar dann, wenn sie Probleme bei der Suche nach einer Lehrstelle oder diese verloren haben. Gäbe es nicht mehr als genug freie Lehrstellen - nach Angaben des AMS waren es im September beispielsweise 681?
Ernst Schmid: Auf den ersten Blick mag das nicht zusammenpassen. Allerdings haben die jungen Menschen, die im AZV unterkommen, aufgrund unterschiedlicher Vermittlungshindernisse keine Lehrstellen gefunden. Jeder junge Mensch hat es verdient, eine Ausbildung zu bekommen. Das war 2005 übrigens einer der Beweggründe, warum diese Einrichtung, as Ausbildungszentrum Vorarlberg, ins Leben gerufen wurde und ist heute noch unser großes Ziel.

Fakten

Das Ausbildungszentrum Vorarlberg bietet 14 Lehrberufe an vier Standorten: Tischlerei, Tischlereitechnik, Betriebslogistik, Malerei, Einzelhandel und Elektrotechnik, Büro und Fahrradmechatronik im AZV Hohenems; Metallbearbeitung und Metalltechnik im AZV Rankweil und bei der Integra Feldkirch; Koch, Restaurantfachkraft, Systemgastronomie, IT-Technik bei der Aqua Mühle in Frastanz.

Damals war das AZV noch Teil der Lebenshilfe. Heute ist es eine gemeinnützige GmbH, deren Träger die Wirtschaftskammer Vorarlberg und die Arbeiterkammer Vorarlberg sind...
Es hat sich im Laufe der Zeit einiges verändert. 2005 hat der damalige Landeshauptmann Herbert Sausgruber gesagt, dass alle Jugendlichen, die bis November keine Lehrstelle gefunden haben und eine solche wollen, auch eine bekommen werden. Die Folge waren die ersten Ausbildungszentren für Tischler und Metaller. In den darauffolgenden Jahren sind immer mehr Lehrberufe dazugekommen. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass die Lehrausbildung an sich kein Thema der Lebenshilfe ist. So haben sich 2015 dann die Arbeiterkammer Vorarlberg und die Wirtschaftskammer Vorarlberg der Sache angenommen und das AZV als gemeinnützige GmbH gegründet.

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Unser Ziel ist es, Jugendarbeitslosigkeit entgegenzuwirken und motivierten Jugendlichen die Chance zu geben, eine Lehre zu absolvieren.

Ernst Schmid

Das AZV ist aber keine Sozialeinrichtung, oder?
Wir sind sozial eingerichtet, jedoch kein Sozialinstitut. Unser Ziel ist es, der Jugendarbeitslosigkeit entgegenzuwirken und motivierten jungen Männern und Frauen die Chance zu geben, eine Lehre zu absolvieren. Denn eine abgeschlossene Ausbildung ist nun mal der wichtigste Erfolgsfaktor, um im Laufe des gesamten Berufslebens am Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein.

Das AZV bietet den Jugendlichen also eine ganz normale Lehre?
Ja. Aktuell bilden wir 14 Lehrberufe an vier Standorten aus: Neben unseren eigenen Ausbildungszentren in Hohenems und Rankweil kooperieren wir in Feldkirch mit der Integra und in Frastanz mit der Aqua Mühle. Damit die Jugendlichen eine umfassende und vor allem auch praxisnahe Ausbildung bekommen, bieten wir Dienstleistungen in den jeweiligen Berufen für Privatpersonen oder Firmen an. Wir erfüllen Dienstleistungen in verschiedenen Berufsfeldern und entwickeln Produkte für externe Kunden beziehungsweise Auftraggeber. Unsere Maler und Elektrotechniker haben derzeit ebenfalls eine gute Auftragslage. Neu dazugekommen ist in diesem Monat der Lehrberuf Fahrradmechatronik. Hier bieten wir sowohl Dienstleistungen für Private, als auch im B2B-Bereich an.

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Viele Jugendliche, die zu uns kommen, haben in ihrem kurzen Leben schon einiges erlebt – da bleiben Fähigkeiten im Umgang schon mal links liegen.

Ernst Schmid

In Dornbirn hat das AZV ja auch ein Geschäft.
Stimmt, sogar inklusive Webshop. Im KaufDirWas im Hatlerdorf verkaufen wir, was unsere Lehrlinge herstellen: von Küchenutensilien über Holzspielzeug bis zu Wohnaccessoires und Gartenmöbel. Und die Logistiklehrlinge kümmern sich ums Lager.

Bleiben die Jugendlichen die gesamte Lehrzeit beim AZV?
Grundsätzlich war angedacht, dass die Lehrlinge im zweiten Lehrjahr vermittelt werden. Sollte dies jedoch durch etwaige Vermittlungsschwierigkeiten aber nicht möglich sein, begleiten wir die Jugendlichen bis zur Lehrabschlussprüfung. Schlussendlich steht ein Lehrabschluss der Jugendlichen im Vordergrund. Durch diesen wird ein anschließender Arbeitseintritt leichter möglich.

Wie kommen die Jugendlichen zum AZV?
Sie werden uns vom AMS zugewiesen. Abgesehen davon ähnelt der Aufnahmeprozess jenem in einem Unternehmen: Wir haben sechs Aufnahmetermine pro Jahr - also im Schnitt alle zwei Monate. Diesen geht jeweils ein Informationstag voraus, an dem mitunter bis zu 60 Lehrlinge teilnehmen. Danach können die Jugendlichen schnuppern. Begleitet werden die jungen Damen und Herrn während der Schnuppertage von Ausbildern und Pädagogen, die mit ihnen die praktischen Übungen machen, den Aufnahmetest und die Einstellungsgespräche durchführen. Wichtigste Voraussetzung ist, dass die Motivation stimmt.

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Wir laden Unternehmen zu uns ein, damit sie die Lehrlinge persönlich kennenlernen können. Da gab es schon einige Aha-Erlebnisse.

Ernst Schmid

Besonderer Augenmerk wird auf die Stärkung der Sozialkompetenz gelegt. Warum ist diese so wichtig?
Viele Jugendliche, die zu uns kommen, haben in ihrem kurzen Leben schon einiges erlebt - da bleiben Fähigkeiten im sozialen Umgang schon mal links liegen. Auf dem Arbeitsmarkt und ganz generell im Leben braucht man diese allerdings. Daher unterstützen wir sie auch bei der persönlichen Entwicklung und geben ihnen klare Strukturen vor.

Erfahren Sie eigentlich, ob die Jugendlichen nach der abgeschlossenen Lehre einen Job finden?
Vereinzelt, aber eher selten. Wir sind allerdings seit gut eineinhalb Jahren sehr darum bemüht, unsere Lehrlinge erfolgreich zu vermitteln. Bei den Elektrikern und Metallern funktioniert das hervorragend - nicht zuletzt, weil diese händeringend gesucht werden. Daher sind wir aktiv im Land unterwegs und laden Unternehmen zu uns ein, damit sie die Ausbildungsstandorte und natürlich die Lehrlinge persönlich kennenlernen können. Da gab es schon einige positive Aha-Erlebnisse.

Christiane Mähr
Christiane Mähr
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