Altes Handwerk

Die Letzten: Mit Pechdraht und Schuhmacherpappe

Vorarlberg
16.08.2021 07:16

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst hat er der Schuhmacherin Nicole Bitschnau über die Schulter geschaut.

Es ist ein kleiner, unscheinbarer Laden an der Bundesstraße in Lauterach, in dem Nicole Bitschnau und ihr Lehrmädchen Rebekka einem Handwerk nachgehen, das fast schon ausgestorben ist. Drinnen duftet es nach Leder und Klebstoff. Alte Maschinen und Gerätschaften stehen herum. Es ist ruhig und beschaulich. Eine Kundschaft verlässt gerade das Geschäft.

Nicole ist Schuhmachermeisterin, hat sich aber auf orthopädische Maßschuhe spezialisiert und eine Zusatzausbildung gemacht. Als Kind, erzählt sie, sei sie immer am Schuhgeschäft des Herrn Kipping in der Bregenzer Kirchstraße vorbeigegangen. Da habe es so herrlich nach Leder geduftet. „Und Sie wissen ja: Frauen und Schuhe.“ So erklärt sie mir, wie es zu ihrer Berufswahl gekommen ist. Bei besagtem Herrn Kipping hat sie dann auch die Lehre absolviert. Mit etwas Glück konnte sie einem pensionierten Schuhmacher die alten Näh- und Ausputzmaschinen günstig abkaufen, und so legte sie los in ihrem kleinen Laden.

Ein altes Sprichwort und seine Herkunft
Ich will wissen, wie ein Schuh von Grund auf gemacht wird. Nicole führt mich zu einer Wand, an der Dutzende von Schuhleisten hängen. „Das sind die Rohlinge aus Buchenholz. Jeder Schuh ist ja individuell. Das gilt ganz besonders für orthopädische Schuhe. Ich nehme zuerst Maß, dann bearbeite ich den Leisten, indem ich ihn mit Korkschichten aufbaue. Das ist eine oft langwierige Arbeit, weil man immer wieder korrigieren muss. Wegnehmen, sprich abschleifen. Aufbauen, sprich Korkschichten aufkleben.“ Kommt mir natürlich sofort das Sprichwort „Schuster bleib bei deinem Leisten“ in den Sinn. Erst beim Nachgoogeln entdecke ich, was für eine hübsche Anekdote dahinter steht. Apelles, ein berühmter Maler im antiken Griechenland, soll sich gern hinter seinen Gemälden versteckt haben, um das Urteil der Betrachter zu belauschen. Einmal habe ein Schuster das Fehlen einer Öse auf einem gemalten Schuh kritisiert, worauf Apelles das Bild heimlich korrigiert habe. Bei der zweiten Betrachtung habe der Schuster auch noch etwas an den Schenkeln auszusetzen gehabt. Wie der Teufel aus der Kiste sei Apelles hinter dem Bild hervorgeschossen und habe geschimpft: „Was über dem Schuh ist, kann der Schuster nicht beurteilen!“

„Nach dem Leisten“, erzählt Nicole weiter, „wird die Bettung, also das Fußbett, aus verschiedenen Korkschichten modelliert. Das ist ebenfalls reine Handarbeit. Dann ist erst einmal Pause, weil ich die Kundschaft zu einer “Bettungsprobe„ bitte, ob die Fußsohle auch wirklich perfekt im Bett liegt. Schließlich bringe ich die Brandsohle auf, die Seele des Schuhs sozusagen, denn sie verleiht ihm die Passform und den Tragekomfort.“

Ob das nicht eine sensible Arbeit sei, gerade bei einem orthopädischen Schuh, frage ich, und Nicole bejaht. „Es sind oft sehr traurige Geschichten, die ich da höre. Einem ganz jungen Mädchen habe ich z. B. einen weißen Schuh mit einem Nike-Zeichen gefertigt. Das kann doch nicht einen schwarzen Schuh tragen!“ Und sofort ist sie wieder in ihrer Materie. „Als Nächstes kommt das Oberteil, der Schaft aus Leder. Ich fertige ein Modell aus Papier an, schneide es zurecht, übertrage es auf das betreffende Leder und nähe in weiterer Folge das Oberteil. Die Hinter- und Vorderkappen erhalten zusätzliche Versteifungen. Früher war das Leder, heute ist es thermoplastisches Material. Schließlich wird die Sohle aus Gummischichten aufgebaut.“

„Da darf kein Krätzerle oben sein“
Aber Nicole Bitschnau schustert nicht nur orthopädisches Schuhwerk, sondern auch Maßschuhe für eine betuchtere Klientel. “Wobei ich gleich sagen muss, dass die Maßschuhkundschaft schwieriger ist. Da darf kein Krätzerle und gar nichts oben sein, und passen sollen sie wie Handschuhe„, ergänzt sie. “Toll ist das schon, so einen Maßschuh herzustellen, weil man da wirklich noch die alten Techniken pflegen kann.„ Sie zeigt mir ein Objekt aus feinstem Boxcalf-Leder, das gerade in Arbeit ist. Ihre Stimme hebt sich, und Begeisterung klingt darin. “Das ist ein sogenannter Handmacher-Schuh, wo der Rahmen zuerst von Hand mit Schaft und Brandsohle vernäht wird und anschließend noch mit der Laufsohle. Im Gegensatz zum holzgenagelten Schuh. Hier kommen unzählige Holznägel zum Einsatz. Diese Kunst beherrschen heute nur noch sehr wenige Schuhmacher."

Nicole Bitschnau erzählt mir noch so viel, dass früher jeder Betrieb seinen „Schuhmacherpapp“, also Klebstoff aus eigner Rezeptur hergestellt hat, dass es immer schwieriger werde, gutes Leder zu finden, weil es so schnell gegerbt wird, und dass es keinen guten „Pechdraht“ mehr gebe, einen gezwirnten Hanffaden, der früher selbst gezwirbelt wurde und mit Bienenwachs und Pech eingestrichen.

„Ihr schönstes Erlebnis?“, frage ich zum Schluss. „Dass ich einem Menschen durch meine Arbeit wieder ermöglichen konnte, in die Berge zu gehen.“ „Und das ärgerlichste?“ „Eine Maßschuhkundschaft, die penibel bis ins kleinste Detail einen Schuh bestellt hat. Als er fertig war, schaute sie nur kurz drauf und meinte, er gefalle ihr nicht. Ich sei doch hoffentlich versichert.“

Zum Nachlesen:
In der vergangenen Woche besuchte Robert Schneider für seine Serie „Die Letzten“ den Sticker Markus Hämmerle in Lustenau.

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