Konsolen-Krimi

Böse Miene zum sehr guten Spiel in "L.A. Noire"

Spiele
02.06.2011 15:07
Nach "GTA IV" und "Red Dead Redemption" haben die Entwickler von Rockstar Games ihr nächstes "Baby" auf die Spielerschaft losgelassen: "L.A. Noire". Angesiedelt im Los Angeles der Nachkriegszeit, entpuppt sich der neueste Wurf als hochspannender Konsolen-Krimi, der schon jetzt gute Chancen auf den Titel "Spiel des Jahres" hat.

June Ballard und ihre Nichte haben noch einmal Glück gehabt. Die alternde Schauspielerin und das minderjährige Mädchen wurden offenbar betäubt und anschließend in einem Wagen über einen Abhang befördert. Ein Schrumpfkopf-Imitat aus Gips war auf das Gaspedal gelegt worden. Dass die beiden mit dem Leben davongekommen sind, ist einzig und allein einer Werbetafel zu verdanken, die das Auto auf seinem Weg in die Tiefe abfing.

Auf Verbrecherjagd in L.A.
Als Cole Phelps, dekorierter Kriegsveteran und frisch ernannter Detective des LAPD, am Morgen darauf am Tatort eintrifft, ahnt er wohl noch nicht, dass ihm der Fall im Laufe des Tages eine Reihe brenzliger Situationen bescheren wird: Von Missbrauch und Erpressung ist plötzlich die Rede, und ehe er sich versieht, muss er einen perversen Filmproduzenten vor einer Meute Gangster in Sicherheit bringen. Verfolgungsjagd, Schlägerei und Schusswechsel inklusive.

Der Stift als bevorzugte Waffe
Dabei mag es Phelps eigentlich eher gemütlich. Seine bevorzugten Waffen sind ein Notizbuch und ein Stift. Mit diesem notiert sich der Cop Zeugenaussagen, vermerkt Beweisstücke und protokolliert Ungereimtheiten, die sich während der Ermittlungen ergeben. Fast noch wichtiger als diese beiden Utensilien ist jedoch seine Menschenkenntnis, gepaart mit einer gewissen Kombinationsgabe. Denn für ihren jüngsten Spross - und das ist die Besonderheit - haben sich die Macher von Rockstar Games etwas ganz besonderes einfallen lassen.

Böse Miene zum guten Spiel
Um die Mimik der Charaktere möglichst realistisch aussehen zu lassen, wurden in einem speziellen Verfahren die Gesichter von rund 300 Schauspielern aus allen nur erdenklichen Perspektiven gefilmt und anschließend mit den zuvor per Motion-Capturing-Verfahren aufgenommenen Bewegungen der Akteure kombiniert (siehe Video in der Infobox). Das Ergebnis ist beeindruckend und wirkt fast schon lebensecht. Für den angehenden Ermittler macht dies die Sache allerdings nicht leichter: Jeder noch so kleine Augenaufschlag oder ein falsches Lachen können nun bereits als Indiz für oder gegen eine Person gewertet werden.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht
Phelps' Aufgabe ist es nun, diese Zeichen richtig zu interpretieren und seine Verhörmethoden dahingehend abzustimmen. Hat der Zeuge die Wahrheit gesagt oder lügt er? Ist sich der Polizist seiner Sache unsicher, kann die Frage notfalls - als dritte Option – auch noch einmal gestellt werden, diesmal allerdings mit etwas mehr Nachdruck. Vorschnelle Schlüsse zu ziehen kann nämlich unangenehme Folgen haben – kein Zeuge möchte schließlich gerne fälschlicherweise verdächtigt werden. Jede Anschuldigung sollte daher mit einem stichfesten Beweis untermauert werden.

Auf der Suche nach Beweisen
Ist Phelps gerade nicht mit der Einvernahme von Zeugen beschäftigt, dann sucht er gemeinsam mit seinem ihm vom Dezernat zugeteilten Partner die Tatorte und Schauplätze nach Beweismitteln ab. Die Entwickler haben hierbei einen interessanten Ansatz gewählt: Statt einer klassischen und von Adventures bekannten Hotspot-Anzeige, um Gegenstände optisch hervorzuheben, weist ein musikalisches Motiv (Super-Spürnasen können dies in den Spieloptionen auch deaktivieren) die Cops darauf hin, wenn sich untersuchenswerte Objekte in der Nähe befinden.

Licht und Schatten in der Stadt der Engel
Letzteres ist auch gut so, denn wie nicht anders zu erwarten strotzt die Welt von "L.A. Noire" nur so vor Details. Auch wenn es sich nicht um ein Sandbox-Game im klassischen Sinne handelt und die Story mit ihren aktuell rund 20 in sich abgeschlossenen Fällen weitgehend linear verläuft, haben Rockstar Games und die australische Spieleschmiede Team Bondi Monate damit verbracht, das L.A. der späten 40er-Jahre zu neuem Leben zu erwecken. Historische Stadtpläne, Kostüme, Zeitungsartikel und Polizeiakten wurden dafür studiert und auch so manche reale Begebenheit in das Spiel mit eingeflochten.

Herausgekommen ist ein virtuelles Los Angeles, welches auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern das Spannungsfeld zwischen Glanz und Glamour der Goldenen Ära Hollywoods einerseits, und die unter der glitzernden Hülle brodelnde Unterwelt andererseits förmlich spürbar macht. Das Ausmaß an Korruption, Mord und Betrug nimmt dabei im Verlauf des Spiels zu, bis Phelps letztlich in Ereignisse verwickelt wird, die er selbst nicht mehr kontrollieren kann und die "die Wahrheit über die dunkle Seele von Los Angeles in den Jahren nach dem Krieg ans Licht bringen", wie es seitens Rockstar heißt.

Vom Streifenpolizisten zum Supercop
Bis es so weit ist, vergehen jedoch etliche Stunden, in denen sich Phelps vom unbedeutenden Streifenpolizisten zum gefeierten LAPD-Cop hocharbeiten muss. Genügt es in den ersten Minuten noch, die Tatwaffe zu finden, diese beim Waffenhändler anhand der Seriennummer zu überprüfen und den Täter anschließend zu verhaften, setzen die späteren Fälle bei Verkehrsdezernat, Mordkommission, Sitte und Brandermittlung weitaus mehr detektivisches Gespür voraus. Die Beweismittel werden umfangreicher, die Anzahl der Verdächtigen und Zeugen größer, die Indizienketten länger und die Verhöre anspruchsvoller.

Trotzdem bleibt es leider nicht aus, dass sich gewisse Abläufe wiederholen. Wer der Monotonie entfliehen möchte, findet während der Fahrten durch die Straßen der Stadt - erwartungsgemäß kann man sich dabei einer Vielzahl historischer Schlitten bedienen - genügend Abwechslung in Form von Verbrecherjagden und Co., die wie die regulären Mordfälle dazu beitragen, dass Phelps an Erfahrung gewinnt und dadurch im Rang aufsteigt.

Mit Intuition zum Ziel
Letzteres hat wiederum zur Folge, dass Phelps in den Verhören zusätzliche Intuitionspunkte zur Verfügung stehen. Mittels dieser können falsche Antwortmöglichkeiten in den Verhören gestrichen, sämtliche Beweismittel am Tatort angezeigt oder - eine Internetverbindung vorausgesetzt - die Community um Rat gefragt werden. Gerade anfangs wird Phelps wohl häufiger von dieser Funktion Gebrauch machen, denn in den Gesichtern zu "lesen" ist schwerer als man vielleicht vermuten mag.

Erschwerend hinzu kommt, dass auch der jüngste Rockstar-Titel - gewohnt hervorragend - englisch vertont wurde, der Blick dadurch also öfters auf die Untertitel schweift und einem so bestimmte Gesichtsregungen entgehen. Ähnliches gilt für das Autofahren, wenn einem der Streifenpartner seine Ansichten zum laufenden Fall mitteilt, man zugleich aber Verkehr, Mini-Map und eingeblendete Hinweise im Auge behalten möchte. Abhilfe schafft in diesem Fall jedoch der Sprung auf den Beifahrersitz.

Kleine Abzüge in der B-Note
Von dort lässt sich schließlich auch die Umgebung viel besser erkunden, die - wie für Rockstar üblich - unglaublich detailliert und sehr authentisch gestaltet wurde. Eine Ausnahme bilden allerdings die matschigen Nahansichten beim genaueren Betrachten von Beweisgegenständen. Kleinere Abzüge muss sich "L.A. Noire" außerdem wegen der teils bockigen Steuerung gefallen lassen. So kommt es gerade bei Verfolgungsjagden oder Schießereien immer wieder vor, dass man sich "verhakt" oder unfreiwillig die Deckung verlässt.

Die bereits erwähnten, unglaublich lebensnah gestalteten Gesichtsanimationen trösten über diese kleineren Mängel jedoch schnell hinweg. Im Vordergrund steht schließlich auch die Geschichte - für die den Entwicklern zufolge übrigens 400 Schauspieler rund 2.000 Seiten Dialog einsprachen!

Fazit: Es gibt sie also doch noch: Spiele, die, anstatt bewährte Konzepte neu aufzuwärmen, etwas Neues wagen und dabei eine erfrischend andere Spielerfahrung schaffen. Wenn es dann noch, wie im Fall von Hervorzuheben ist nicht nur der enorme Aufwand, mit dem hier das Los Angeles der 40er-Jahre wiedererweckt wird, sondern vor allem die neue MotionScan-Technologie, die den Aberdutzenden Dialogszenen Leben einhaucht. Sprecher und der stimmungsvolle Soundtrack tun das Übrige, um "L.A. Noire" zum bislang spannendsten und sehenswertesten Titel des Jahres zu machen.

Plattform: PS3 (getestet), Xbox 360
Publisher: Rockstar Games
krone.at-Wertung: 10/10

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