Die ÖVP hadert offenbar noch ein bisschen mit ihrer Zustimmung zum Schmied-Vorstoß, der sich aber im Grunde bereits in ihrem eigenen Bildungspapier befand. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl sprach am Freitagvormittag in einer Aussendung vom "Sitzenbleiben als letztes Mittel", das man nun durch das Kurssystem und mehr Förderung weitestgehend verhindere.
Trotzdem: Wird das Kurssystem eingeführt - und Schüler müssen bei einer negativen Beurteilung in Schlüsselfächern wie Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen, Rechnungswesen, etc., nicht mehr die ganze Klasse, sondern nur ein einzelnes "Modul" wiederholen -, ist das Sitzenbleiben de facto abgeschafft.
Begeisterungsstürme erntete Claudia Schmied am Freitag aus den SPÖ-Länderorganisationen. Die Sozialdemokraten in Oberösterreich sprachen von einem "Meilenstein". Das SPÖ-geführte Wien rühmte sich als Vorreiter, habe man dort doch schon 2004 eine modulare Oberstufe in acht Gymnasien eingeführt. "Mit der modularen Oberstufe gelingt es endlich, dass 18-Jährige anders als Zehnjährige unterrichtet werden - und das ist gut und richtig so. Vor allem aber: Mit der Oberstufe gehört das Sitzenbleiben endgültig der Vergangenheit an", so Stadtschulratschefin Susanne Brandsteidl.
Grüne und BZÖ für Kurssystem
Die Grünen hatten sich bereits bei Schmieds Ankündigung am Mittwoch wohlwollend gezeigt. Bildungssprecher Harald Walser beharrte jedoch auf einen "Aktionsplan", der beweise, dass es sich bei dem Vorstoß um keine "Ankündigung ohne Substanz" handle.
Das BZÖ sieht sich vollinhaltlich bestätigt, schließlich "kopiere" Schmied ja im Grunde das Bildungskonzept des Bündnisses. "Bildungsministerin Schmied hat mit ihrer Idee, statt sitzenzubleiben bis zur Matura eine Prüfung über den Lehrstoff des einen negativ beurteilten Gegenstands ablegen zu müssen, wieder einmal auf das BZÖ-Bildungskonzept zurückgegriffen", meinte Bildungssprecherin Ursula Haubner: "Das BZÖ wird der Ministerin diesbezüglich Schützenhilfe geben und einen entsprechenden Antrag stellen. Dann kann Schmied zeigen, ob sie sich in ihrer Partei einmal durchsetzen kann."
Androsch: Muss Ausnahme im Extremfall sein
Ambivalent sieht der Industrielle und ehemalige Vizekanzler Hannes Androsch die Ankündigung der Koalition zur Vermeidung des Sitzenbleibens. "Sitzenbleiben kann kein bildungspolitisches Ziel sein, sondern nur eine Ausnahme im Extremfall", so Androsch am Freitag. Er halte aber überhaupt nichts von punktuellen Ankündigungen, wenn man dafür keine Voraussetzungen schaffe. Androschs Bildungsvolksbegehren steht unter dem Motto "Österreich darf nicht sitzen bleiben" und enthält auch die Forderung nach einem "systematischen Abschaffen des Sitzenbleibens".
Der Präsident der Industriellenvereinigung, Veit Sorger, ist zwar der Ansicht, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden müssten, um ein Durchfallen in der Schule zu verhindern. "Wenn jemand aber absolut nicht will, muss man auch Konsequenzen ziehen."
FPÖ will "Leistung, Anstrengung und Disziplin"
Gift und Galle spucken indes die Schulbeauftragten in der FPÖ. "Linke Spaßpädagogik will sogar Sitzenbleiben abschaffen!", wetterte am Freitag Bildungssprecher Walter Rosenkranz. "Dass die Linke vom Leistungsprinzip nicht viel hält und Kindern den Hochschulabschluss am liebsten mit der Geburtsurkunde überreichen möchte, ist hinlänglich bekannt. Dass sich für diese sozialromantischen Utopien auch die ÖVP in Person von Bundesminiserin Karl hergibt, ist umso verwunderlicher", spottete der Freiheitliche.
Für die FPÖ stehe "Leistung, Anstrengung und Disziplin beim Lernen im Vordergrund", daher solle es zwar Chancen geben, negative Noten durch Prüfungen nach den Ferien auszubessern, "eine Automatik ohne Leistung kommt jedoch nicht infrage". Den Untergang sagte SPÖ-ÖVP die Wiener FPÖ-Bundesrätin Monika Mühlwerth an: "SPÖ und ÖVP schaffen das Sitzenbleiben in der Schule ab - nach der nächsten Wahl werden beide sitzenbleiben."
Jährlich 40.000 nicht aufstiegsberechtigt
Eine handfeste Statistik, wie viele Schüler jährlich sitzenbleiben, also tatsächlich eine Klasse wiederholen, gibt es nicht. In der von der Statistik Austria erstellten Schulstatistik werden nur die "nicht aufstiegsberechtigten" Schüler ausgewiesen. Konkret waren das 2008/09 rund 40.000 Schüler bzw. 3,6 Prozent der insgesamt rund 1,2 Millionen Schüler - ein Wert, der sich in den vergangenen Jahren kaum verändert hat. Eine Repetentenanalyse der Statistiker aus dem Jahr 2007/08 zeigt, dass rund knapp zwei Drittel der 40.000 nicht aufstiegsberechtigten Schüler dann eine Klasse tatsächlich wiederholen. Der Rest hört mit der Schule auf oder wechselt.
Den größten Anteil an nicht aufstiegsberechtigten Schülern gibt es an den berufsbildenden mittleren Schulen mit 11,7 Prozent, wobei bei diesem Schultyp die Handelsschulen mit 19,3 Prozent nicht aufstiegsberechtigten Schülern hervorstechen. Es folgen die berufsbildenden höheren Schulen, wo 9,6 Prozent nicht in die nächste Klasse gehen dürfen. Hoch ist dieser Prozentsatz auch an der AHS-Oberstufe, wo 8,7 Prozent nicht aufsteigen dürfen. Nicht einmal halb so hoch ist dieser Anteil in der AHS-Unterstufe (3,8 Prozent) An den Volksschulen gibt es kaum Kinder, die nicht aufstiegsberechtigt sind (0,5 Prozent). Etwas höher ist dieser Anteil an Hauptschulen (1,3 Prozent), an NMS sind es 1,1 Prozent.









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