04.07.2021 10:43 |

Streit um Kindergarten

Ist jedes Kind der Stadt Wien gleich viel wert?

Ist jedes Kind der Stadt Wien gleich viel wert? In dieser Frage wird in Wien mit Blick auf unterschiedlich hohe Förderungen für private Kindergärten und städtische Einrichtungen seit Monaten gestritten. Die ÖVP sieht sich durch aktuelle Zahlen in ihrer Kritik bestätigt und auch die vier großen privaten Träger fordern endlich gerechte Förderungen. NEOS-Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr betont hingegen gegenüber krone.at: Jedes Kind sei der Stadt „gleich viel wert“.

Private Kindergärten in Wien betreuen aktuell mehr als 67.000 Kinder. ÖVP und Trägervereine sehen die privaten Einrichtungen benachteiligt und lieferten sich zuletzt einen Schlagabtausch mit NEOS-Bildungsstadt Christoph Wiederkehr, der dieser Kritik widerspricht. Kostenaufstellungen stehen Rechnungsabschlüssen gegenüber und die Zahlen werden zu Munition.

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„Die Stadt benachteiligt konsequent mehr als die Hälfte der Wiener Kinder."

Harald Zierfuß, Bildungssprecher der ÖVP Wien

Der Wiener ÖVP-Abgeordnete Harald Zierfuß rechnete nach einer Anfragebeantwortung zu den Kindergartenkosten nun erneut vor, dass private Träger aber maximal mit 8500 Euro, im Schnitt gar nur mit 6000 Euro pro Kind und Jahr gefördert würden - während ein Platz im städtischen Kindergarten mit mindestens 13.000 Euro zu Buche schlage. Dazu würden noch die günstigen Mietverträge mit der Stadt selbst und die Instandhaltungskosten, die von den Bezirken getragen werden hinzukommen.

Zierfuß: „Stadt benachteiligt mehr als Hälfte der Wiener Kinder“
„Die Stadt benachteiligt konsequent mehr als die Hälfte der Wiener Kinder. Stadtrat Wiederkehr kann seinen 180-Grad-Meinungswechsel nicht einmal durch die plumpen Vertuschungsversuche verbergen“, so Zierfuß. Der türkise Bildungssprecher verweist darauf, dass Wiederkehr in der Vergangenheit dieselben Zahlen verwendet und Kritik an der rot-grünen Stadtregierung geübt hatte, was ihm nun in der Position des Stadtrats „wohl unangenehm“ sei. Hintergrund: Als Wiederkehr noch nicht Teil der Stadtregierung war, habe er mehrfach auf den Unterschied bei den Kosten hingewiesen und „energisch mehr Transparenz eingefordert“, wie Zierfuß zu bedenken gibt.

„Bildungsstadtrat Wiederkehr ist 200 Tage im Amt, jedoch lassen die angekündigten Verbesserungen weiter auf sich warten!“, nahmen nun am Dienstag auch die Geschäftsführer der Träger*inneninitiative Elementare Bildung Wien Wiederkehr ins Visier. Die Kindergärten bräuchten demnach dringend „Hilfe und Reformen“, so der Appell der vier großen privaten Kindergartenträger Diakonie Bildung, KIWI - Kinder in Wien, Kinderfreunde Wien und St. Nikolausstiftung.

Valorisierungen der Förderungen seien über Jahre unter den Kostensteigerungen geblieben - die Schere für die Träger sei dementsprechend immer größer geworden. Im Sinne der Mitarbeiter wäre auch eine ausreichende Valorisierung der Gehälter dringend notwendig, wie auch von der Gewerkschaft gefordert. Das sei auch mit ein Grund, warum viele Pädagogen das Berufsfeld verlassen, so die Träger. Eine Ansicht, die auch die Wiener ÖVP teilt.

Städtische und private Plätze laut Wiederkehr nicht 1:1 vergleichbar
Der Bildungsstadtrat erklärte dazu auf krone.at-Anfrage, dass die Kosten eines städtischen Platzes und die Kosten eines privaten Platzes „nicht verallgemeinert herangezogen werden“ können, um unterschiedliche, respektive „ungerechte“ Förderverteilung zu argumentieren. Im aktuellen Regierungsprogramm sei zudem „die Evaluierung und die Weiterentwicklung des Fördermodells verankert. Hier werden viele der angesprochenen Punkte abgewogen werden können“, versprach Wiederkehr. Heißt aber aus Sicht der Kritiker, es könnte noch Jahre dauern, bis etwa die geforderten Valorisierungen tatsächlich überdacht werden.

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"Das Regierungsprogramm 'Die Fortschrittskoalition für Wien' lässt zudem deutlich erkennen, dass zum Personalmangel Lösungen wirksam in Angriff genommen werden."

NEOS-Bildungsstadtrat Christoph WIederkehr

Der Personalmangel sei indessen Wiederkehr zufolge „keineswegs ein wienspezifisches sondern vielmehr ein bundesweites Problem“. Seit Jahren werde hier seitens der Stadt Wien versucht, innovative Lösungs-Szenarien anzuregen. Beharrlich werde etwa seitens der Stadt darauf hingewiesen, dass lediglich knapp ein Drittel der Absolventen der 5-jährigen BAfEP (Bundesbildungsanstalten für Elementarpädagogik) tatsächlich den erlernten Beruf ausübt und in einer elementaren Bildungseinrichtung beschäftigt wird. Somit handle es sich Wiederkehr zufolge - hier ist er sich mit seinen Kritikern einig - „um eine sehr teure und wenig effiziente Ausbildungsform, um dem Personalmangel entgegenzuwirken“.

Das Regierungsprogramm „Die Fortschrittskoalition für Wien“ lasse indessen deutlich erkennen, dass zum Personalmangel Lösungen wirksam in Angriff genommen werden, so der Bildungsstadtrat abschließend.

Nur eines ist somit vorerst klar: Über die Frage, ob jedes Kind der Stadt gleich viel wert ist, wird wohl weiterhin gestritten werden!

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