14.06.2021 15:55 |

Altes Handwerk

Die Letzten: „I bi halt überall guat gschloffa“

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert der Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. In dieser Woche hat er den Weißküfer Jakob Nesensohn in Laterns besucht.

Aprilwetter, obwohl Juni geworden ist. Als ich mich zu Jakob Nesensohn ins Laternsertal aufmache, scheint in Götzis die Sonne, aber über Batschuns hängt eine schwarze Wolke, die dickstrichig ausregnet. Die Scheibenwischer verdrängen den Platzregen kaum. Endlich in Innerlaterns angekommen, wieder pralles Sonnenlicht.

Frau Nesensohn, die mir öffnet, hat in der Küche Feuer im alten Herd gemacht. „Ma kennt si numma us mit’m Weattr“, sagt sie. Der Ofen heizt so schnell auf, dass die Luft stickig wird. Ein großer Mann betritt die Küche, redet nicht viel, sondern führt mich gleich in seine Werkstatt, die direkt daran angrenzt. Er scheint sich an Besuch gewöhnt zu haben. Als der letzte Artikel über ihn erschienen sei, sagt er in breitem Walserdeutsch, habe er sich vor Aufträgen nicht mehr retten können. Ich reiche Jakob Nesensohn die Hand. Er streckt mir seine linke entgegen. Da sehe ich erst, dass an der rechten Hand sämtliche Finger fehlen.

Vom Vater gelernt
Herr Nesensohn ist Weißküfer. Eigentlich war er Landwirt, hatte sechs „Schwänze“ im Stall. Aber das hat in den 70-Jahren zum Erhalt einer Familie nicht mehr hingelangt, und so ist er beim Straßenbau tätig geworden. Die Küferei hat er von seinem Vater gelernt. Ohne lange zu reden oder irgendwelche Erklärungen abzugeben, setzt er sich auf den Schneidesel, jene traditionelle Schnitzbank, die früher in allen Bauernhäusern stand, mit welcher hauptsächlich Schindeln gemacht wurden.

Mit seinen 82 Jahren ist Jakob ein Profi, der weiß, was ich sehen will. Er nimmt ein dünnes, bauchiges Stück „Wiißtännis“, spannt es ein und hobelt das Brettchen mit einem Hohlhobel glatt. Die Daube wird später ein Teil der Kübelwandung. Ich schaue ihm zu, wie geschickt er arbeitet, trotz seiner massiven Behinderung an der rechten Hand. „Darf ich fragen, Jakob, wie es zu dem Unfall kam?“ Er blickt auf, schaut mich an und sagt nur ein Wort: „Heuhäcksler“. Als 15-jähriger Bub habe er Heu eingebracht, für einen Moment nicht aufgepasst, und die Finger seien weggewesen. Er sei nicht ohnmächtig geworden, habe die Hand gegen den Bauch gedrückt und sei ohne Hilfe selbst in den Krankenwagen eingestiegen.

Werkzeug von antiquarischen Wert
Vielleicht ist es gerade mein neugieriges, wohl auch unverschämtes Fragen, das diesen stillen Mann auftauen lässt. Ich merke, dass er anfängt, mich zu mögen. Er gönnt sich eine Prise Schnupftabak. In seiner Werkstatt sieht es aus, als sei die Zeit um 1950 stehen geblieben. Die Hobel, die Band- und Kreissäge haben fast schon antiquarischen Wert. Der riesige Mühlstein in der Ecke ist auch noch in Gebrauch. Jakob macht buchstäblich alles allein. Es fängt schon damit an, wie er das Holz zurichtet. Er verwendet nur heimische, nahezu astlose Fichte mit engen Jahresringen, also sehr langsam gewachsen. Die Bretter werden getrocknet und bei übergehendem Mond eingelagert. Daraus macht er dann seine „Standen“, ein Dialektausdruck, den nicht mehr viele kennen. Butter- und Krautfässer, Kübel für Käsknöpfle oder einfach nur Obst- und Gemüseschalen.

Er nimmt wieder die Daube, die er glatt gehobelt hat, dann eine Ahle, deren Spitze er in eine Speckschwarte steckt, damit sie geschmeidiger ins Holz eindringt. Er sticht zwei Löcher in die Stirnseite der Daube. Dort hinein hämmert er winzige Holzdübel, die er natürlich auch selber schnitzt.

So wächst in seinen Händen nach und nach ein Behältnis für Käsknöpfle. Jakob muss nicht lange messen. Augenmaß ist alles. Ein paar flüchtige, nur zur ungefähren Orientierung dienende Linien mit der Ahle, und er kennt sich aus. Es sei mal ein Schreiner bei ihm gewesen, erzählt er, der behauptet habe, das schneller hinzukriegen. Der sei wieder entmutigt gegangen.

„Trinkscht noan Schnaps?“
Was die schönste Erinnerung aus Jugendtagen sei, will ich wissen. „Die Sommer auf der Alpe“, antwortet Jakob ohne zu zögern, und sein ansonsten ernstes Gesicht erhält etwas ganz Verschmitztes. Zwei Stunden seien sie als Kinder zur Alpe gelaufen, sagt er. Geschlafen hätte er im Heustock und gegessen mit dem Alpvolk. Um fünf sei man aufgestanden, die Wege zu richten oder die Wiesen zu „schwenden“. Damit meint er das Säubern der Almfluren von Steinen oder wildem Bewuchs.

„Trinkscht no an Schnaps?“, fragt er, als er sein Programm für Heimatromantiker abgespult hat. Ich fasse das als großes Kompliment auf, obwohl ich keinen Alkohol trinke. Aber für Jakob mache ich eine Ausnahme. Werde schon wieder irgendwie aus Laterns hinausfinden. Er führt mich in einen Raum, der mich völlig überrascht. Jakob Nesensohn ist auch ein Meisterschnapsbrenner. Und wieder: vom Wurzelsammeln bis zum fertigen Schnaps - alles selbst gemacht. Ich bin perplex.

Was für ihn das Wichtigste im Leben gewesen sei, will ich noch wissen. „I bi halt überall guat gschloffa“, antwortet er und meint damit das Leben und Lebenlassen. Seine Augen blitzen wieder spitzbübisch auf. Kinderaugen im Gesicht eines alten Mannes.
Wir stoßen an. Dann wird es philosophisch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Robert Schneider
Robert Schneider
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