Verlorene Generation:

„Es ist ungerecht, wie man über uns urteilt“

„Wir sind keine verlorene Generation“, wehrt sich Julian Angerer (19). Er ist einer von drei Landesschulsprechern in Oberösterreich, bald macht er die Matura und er weiß genau, was jungen Menschen unter den Nägeln brennt.

„Krone“: Am kommenden Montag beginnt der normale Schulbetrieb. Alle Schüler kehren in die Klassenzimmer zurück. Wie sehen Sie denn die Öffnung?

Julian Angerer: Ich als Maturant bin immens froh. Ich will meine Schulzeit finalisieren und einen guten Abschluss haben, darauf arbeite ich seit September hin.

Wo sind Sie im Distance Learning an Grenzen gestoßen?
Wenn ich per Mail eine Frage zu einem mathematischen Problem schildern musste. Ich konnte das oft nicht formulieren. Oder die Antwort ließ auf sich warten, ich war beim Weiterarbeiten blockiert. Die Lehrer bekommen Hunderte Mails von Schülern und verlieren logischerweise den Überblick. Ich war froh über jede Präsenzphase. Auch Schichtbetrieb ist besser als nur Distance Learning.

Derzeit wird oft darüber gesprochen, dass Jugendliche stark an den Corona-Maßnahmen gelitten haben. Haben die vielen Änderungen im Unterricht dabei auch eine Rolle gespielt?
Ich habe beobachtet, dass bei vielen der schulische Druck zugenommen hat. Es war oft nicht klar, welche Leistung zu erbringen ist. Bei Arbeitsaufträgen haben manche Schüler fünf Seiten geschrieben, andere 30.

Haben Sie das an sich auch bemerkt?
Ja, ich habe den Laptop nach den Schulstunden im Distance Learning zugemacht und eine Stunde später wieder aufgemacht, um den Arbeitsauftrag erfüllen zu können. Dass die psychische Belastung zugenommen hat, liegt aber auch daran, dass private Treffen mit Freunden gefehlt haben.

Wie haben Sie das erlebt?
Auch so. Als junger Mensch will man Leute treffen, wenn das wegfällt, ist das im eigenen Leben schlimm. Aber ich habe das Testangebot rasch angenommen. Damit konnte ich mir selbst ein bisschen mehr Normalität verschaffen. Wir sind zum Test und hinterher gemeinsam spazieren gegangen. Über Zoom quatschen, wie wir es im ersten Lockdown gemacht haben, war irgendwann einfach nicht mehr attraktiv. Jetzt ist es mehr Belastung als Spaß.

Das Bild, dass die Jungen immer Partys gefeiert haben, geisterte schon lange herum. Was halten Sie davon?
Damit wurde unterstellt, dass wir, die jungen Leute, die Situation nicht ernst genommen haben. Aber ich habe das Gegenteil beobachtet. Alle haben versucht, sich an die Regeln zu halten.

Jetzt gibt es das Bild der „Verlorenen Generation“.
Es ist wahnsinnig ungerecht, wie ältere Menschen in TV-Diskussionen über uns urteilen.

Was regt Sie auf?
Es werden gerade Rückschlüsse auf junge Menschen gezogen, obwohl nie detailliert in sie hineingehört worden ist.

Was, glauben Sie, ist Ihrer Generation gelungen?
Wir haben viel Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gelernt, mussten unseren Alltag selbst organisieren. Das ist nicht leicht, wenn Schule und Privatleben im selben Zimmer stattfinden. Wir nehmen daher die Fertigkeit „Selfmanagement“ schon aus unserer Schulzeit mit, ältere Generationen haben das erst später im Beruf gelernt.

Wir haben eine eklatante Wirtschaftskrise. Haben Sie Angst vor der Zukunft?
Ich möchte Lehrer werden und gehe nicht in die Wirtschaft. Aber die Krise ist bei vielen meiner Schulkollegen derzeit ein großes Thema. Es gibt Branchen, die stark kämpfen. Die breite Auswahl an Jobs nimmt leider ab. Die Hürde, in ein Unternehmen reinzukommen, ist für uns höher geworden.

Was macht Ihnen noch große Sorgen?
Ganz im Ernst: Dass die Regenwälder am Amazonas brennen. Längerfristig gedacht, macht uns Jungen auch die aktuelle Umweltproblematik zu schaffen. Wenn es Regierungen in den unterschiedlichsten Ländern nicht schaffen, die Klimaziele zu erreichen, bereitet mir das wirkliche Sorgen. Ich kriege zwar keine Wut auf die ältere Generation, die das verantwortet, denn wir Jungen müssen ja auch einen Beitrag leisten. Aber wir müssen einfach schauen, wie wir das gemeinsam angehen können, denn Einschränkungen werden notwendig sein.

Haben Sie einen Wunsch an Ihr Heimatland?
Ich wünsche mir in Oberösterreich, dass auf unseren Lebensraum, den wir jetzt haben, geachtet wird. Nachhaltigkeit muss viel größer gedacht werden.

Sie schreiben ab 19. Mai Matura. Brauchen Sie vor den Prüfungen einen Coronatest?
Ja, ich werde die Teststraße besuchen, die ist bei uns in der Nähe der Schule.

Werden Sie eine Maturareise machen?
Nein, mir ist alles noch zu unklar. Keiner weiß genau, wie die Situation in anderen Ländern ist. Es wird viel geredet, aber fix ist wenig.

Schade, oder?
Ja, wir haben keinen Maturaball gehabt, auch keine Sprachwoche. Das Maturajahr ist mit viel Stress verbunden, doch durch den Ball und gemeinsame Projekte ist früher immer Spaß dazugekommen. Man rauft sich als Schüler mit den Lehrkräften so richtig zusammen, geht die letzten Meter gemeinsam – das macht eigentlich das Maturajahr aus. Wir haben das nicht gehabt. Das ist schon sehr schade.

Elisabeth Rathenböck
Elisabeth Rathenböck
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