15.04.2021 10:54 |

Nach Krawallen

Brexit bringt „enorme Unsicherheit“ in Nordirland

Nordirland erlebt aktuell die schwersten Unruhen seit zehn Jahren. Die Ursachen dafür sind laut einer Expertin komplex - sie sind vor allem durch „enorme Unsicherheit“ geprägt, die oft auch mit dem kürzlich vollzogenen Brexit in Verbindung stehen. Aber auch alte Konflikte kochen zunehmend wieder hoch und die sozialen Probleme mobilisieren zunehmend auch jüngere Menschen.

„Wir wissen, dass Nordirland ein fragiler Ort ist“, erklärt die Konfliktforscherin Katy Hayward von der Queen’s University in Belfast. „Die Unsicherheit ist rechtlich, politisch, wirtschaftlich und sozial, einfach an jeder Front“ - und das hat viel mit dem Brexit zu tun: „Man hat das Gefühl, dass viel auf dem Spiel steht“.

„Spezielles Umfeld“
Die Ursachen der jüngsten Krawalle, bei denen laut Medienberichten fast 90 Polizisten verletzt wurden, beschreibt die Soziologin als komplex. Sie spricht von einer „schrecklichen Kombination von Dingen“: Es hätte immer sein können, dass das Vorgehen der Polizei etwa gegen eine kriminelle Bande „zu sehr örtlich begrenzten Tumulten führen“ hätte können, sagt die Expertin.

In diesem Fall komme aber „das spezielle weitere politische Umfeld“ dazu, in dem Institutionen von Recht und Ordnung in mancherlei Hinsicht „als nicht vertrauenswürdig oder mangelhaft betrachtet werden.“ Mit dem Gefühl, dass die Union mit Großbritannien in Gefahr sei, könnten demnach viele Menschen mobilisiert werden.

Regierungschefin Arlene Foster von der Unionistenpartei DUP hatte Ende März den nordirischen Polizeipräsidenten zum Rücktritt aufgefordert, nachdem entschieden worden war, nicht gegen Mitglieder der nationalistischen Partei Sinn Fein vorzugehen, die im Vorjahr an einem Begräbnis eines früheren IRA-Mitglieds teilgenommen und dadurch möglicherweise Corona-Regeln missachtet hatten.

Unsichere Lage wird ausgenützt
Dazu komme, dass kriminelle Organisationen, von denen manche Verbindungen zu pro-britischen Loyalisten hätten, die unsichere politische Lage ausnützten, um Unruhe zu schüren. Was die Atmosphäre „besonders nervenaufreibend“ gemacht habe, sei das Gefühl, „dass es an jeder Front Veränderungen gibt und die Menschen wissen nicht wirklich, wohin das führt“, sagt Hayward.

Soziale Probleme mobilisieren auch Jüngere
Auf die Frage, warum offenbar auch sehr junge Menschen an den jüngsten Ausschreitungen beteiligt waren - manche der Festgenommenen waren nicht älter als 13 oder 14 Jahre alt - sagt die Soziologin, die Frage sei eher: „Warum sollten sie es nicht tun?“.

Denn die Krawalle deuteten nicht zuletzt auch auf soziale Probleme hin. Eine mögliche Vorstrafe - vor der etwa Foster die Jugendlichen gewarnt hatte - mache manchen, die möglicherweise nicht viel Hoffnung für ihre Zukunft hätten, vielleicht keine allzu großen Sorgen.

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