11.04.2021 12:23 |

Chronik einer Tragödie

Trafikantin suchte die Liebe - und fand den Tod

Am 5. März wurde eine Wiener Trafikantin von ihrem Freund mit Benzin übergossen und angezündet. Nun verlor die Frau den Kampf gegen den Tod. Die „Krone“ recherchierte die Chronik einer angekündigten Tragödie.

Nadine W.s Angst muss unfassbar groß gewesen sein. Am 5. März, als sie alleine in ihrer Trafik in der Nussdorfer Straße in Wien-Alsergrund stand und ihr Freund, Ashraf A., um etwa 11.45 Uhr das kleine Geschäft betrat; der danach in Rekordzeit die Tür versperrte und den Rollbalken herunterließ.

Panisch drückte die Frau mehrfach auf den Alarmknopf unter dem Verkaufspult. Wie Überwachungsvideos aus dem Gassenlokal zeigen, startete der Mann bereits währenddessen seinen grauenhaften Angriff. Er schlug die 35-Jährige zu Boden, drosselte sie mit einem Elektrokabel, übergoss sie letztlich mit Benzin aus einem mitgebrachten Kanister. Und dann holte er ein Feuerzeug aus der Tasche seiner Jeanshose.

„Nach der Tat fühlte ich mich befreit“
80 Prozent der Haut verbrannt, bloß fünf Prozent Überlebenschance - so die Diagnose der Ärzte im AKH bei der Aufnahme der Schwerstverletzten. Vor einer Woche verlor sie den Kampf gegen den Tod. Der Mann, der ihr das Schlimmste angetan hat - was sagt er? Dass er sich nach der Tat zunächst „befreit“ gefühlt habe, er aber jetzt um das Opfer trauere.

Der 47-Jährige dürfte sein Verbrechen minutiös geplant haben; schon in den Tagen davor hatte er die Tötungswerkzeuge dauernd bei sich getragen, Nadine W. fast rund um die Uhr beschattet. Und offenkundig nur auf eine passende Gelegenheit gewartet, um sein schreckliches Vorhaben durchzuführen.

Zudem soll er im Vorfeld seines Delikts versucht haben, Spuren zu verwischen - indem er zum Beispiel sein Mobiltelefon weit weg vom Tatort, in einem anderen Bundesland, deponierte. Die Tragödie - war sie tatsächlich unvorhersehbar, ahnte niemand von den seelischen Abgründen des Mannes?

Die Vita des Opfers, die Vita des Täters
„Wir wussten“, erklären Menschen aus dem Umfeld der Frau, „dass Nadines und Ashrafs Beziehung manchmal konfliktbeladen gewesen ist.“ Weil die beiden „einfach nicht zusammengepasst“ hätten; in ihren Charakteren, Ansichten und Wünschen.

Die Lebensgeschichten des Opfers und des Täters? Nadine W. wuchs in Niederösterreich auf, mit einer Schwester und einem Bruder; in geordneten Verhältnissen. Von klein an liebte sie Tiere, besonders Hunde und Pferde. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Baumarktverkäuferin.

Als sie etwa 25 war, wurde ihr wegen einer Behinderung - sie hatte im Teenageralter bei einem Reitunfall bleibende körperliche Schäden erlitten - eine Trafik „zugesprochen“. Extrem fleißig sei sie gewesen; wochentags von 6.30 Uhr bis 18.30 Uhr in ihrem Geschäft gestanden. Zeit, einen Partner zu finden, blieb ihr dabei wenig.

Sie hoffte auf das große Glück mit ihm
Umso glücklicher war sie, als sie 2017 in einer Pizzeria in ihrem Heimatort Ashraf A., den Bruder des Lokalbesitzers, kennenlernte. Der gebürtige Ägypter machte der Frau wunderbare Komplimente, beeindruckte sie mit seinem Charme. Der Mann - ein Koch - war mit 24 nach Österreich ausgewandert. Seinen Erzählungen zufolge habe er davor „zu Hause“ ein Soziologiestudium abgeschlossen.

Was er Nadine W. verschwieg: Er war verheiratet, mit einer Österreicherin; und Vater eines damals 13-jährigen Mädchens. Fakt ist allerdings auch: Die Ehe stand kurz vor der Scheidung wegen diverser Gewaltaktionen des Mannes. Gegen seine Frau, gegen einen Bekannten seiner Tochter. Von alledem soll die Trafikantin erst später erfahren haben - als sie längst mit Ashraf A. eine Verbindung eingegangen war.

Die sich, nach einer anfänglichen „Hochphase“, schnell verschlechterte. Der Ägypter entpuppte sich nämlich als Kontrollfreak. Er kontrollierte Nadine W.s Handy; er kontrollierte, wer in ihr Geschäft ging. In den vergangenen eineinhalb Jahren kontrollierte er sogar über ein Abhörgerät, das er heimlich in dem Laden installiert hatte, sämtliche Gespräche, die sie dort führte.

Und ständig beschuldigte er sie, ihn mit anderen Männern zu betrügen. Irgendwann hielt die Frau die Verdächtigungen, die damit verbundenen Drohungen und physischen Übergriffe nicht mehr aus. Sie schlief dann nur noch selten in der Wohnung ihres Freundes in Wien-Ottakring und zog zurück zu ihrem Vater, nach Niederösterreich.

„Du bist jetzt ein Engerl“
In der Woche vor dem Attentat hatte Nadine W. die endgültige Trennung von Ashraf A. beschlossen. Sie ahnte, dass dieser Schritt für sie gefährlich sein würde, und war deshalb dabei, einen Privatdetektiv zu engagieren, der das Bewegungsprofil des Ägypters - er arbeitete täglich bloß vier Stunden in der Küche eines Bistros - überwachen sollte.

Was die Frau nicht ahnen konnte: Ihr Freund wusste über ihre Pläne Bescheid. Weil er ja jedes Wort, das sie in der Trafik redete - bei persönlichen Zusammenkünften oder am Telefon - belauschte. „Und dabei wurde ich wütender und wütender“, gab der 47-Jährige vor der Kripo zu Protokoll.

In einem „psychischen Ausnahmezustand“ habe er Nadine W. „eine Abreibung“ verpassen, sie aber „nicht töten“ wollen. Sein Handeln am Tatort - nachdem er die 35-Jährige angezündet hatte, verschloss er auch noch von außen die Ladentür - widerlegt seine Angaben.

Zitat Icon

Meine liebe Nadine, nun hat dich Gott bei sich aufgenommen. Du bist jetzt ein Engerl, das du auch auf Erden schon immer gewesen bist.

Eine Freundin über die Verstorbene

Die Familie des Opfers hat im Internet eine Trauerseite eingerichtet. „Wenn die Kraft zu Ende geht, ist Erlösung Gnade“, schreibt eine Freundin der Verstorbenen: „Meine liebe Nadine, nun hat dich Gott bei sich aufgenommen. Du bist jetzt ein Engerl, das du auch auf Erden schon immer gewesen bist.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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