22.11.2020 17:00 |

Ach, übrigens...

Diplomstratege Jogi Löw

Man stelle sich vor, die DFB-Elf hätte zu Wochenbeginn gegen los futbolistas españoles mit 25:0 gewonnen. Dann wäre dem coiffeurverweigernden Jogi aus Schönau vermutlich dasselbe widerfahren wie einem spanischen Nachwuchstrainer vom CD Serranos...

Den hatte man nämlich 2017 nach einem 25:0-Sieg gegen Benicalap C kurzerhand das Abholen seiner Papiere nahegelegt, weil, so die Vorgesetzten, „man nicht zulassen dürfe, dass der Gegner derart gedemütigt werde“. Der Trainer hätte ja den tortrunkenen muchachos sagen können „dass sie mindestens 15 oder 16 Pässe spielen sollen, bevor sie aufs Tor schießen. Oder dass sie mit ihrem jeweils schlechten Fuß spielen.“ In diesem Licht betrachtet ergibt der Abend von Sevilla schlagartig Sinn: Der denkwürdige Auftritt der DFB-Elf war ein von Löw genial und diabolisch vorbereiteter Testlauf für große Aufgaben bei anstehenden Turnieren, um zu testen, wie man sich am besten anstellt, um nicht versehentlich 25:0 zu gewinnen. Gut, 15 bis 16 Pässe am Stück waren, von den Fehlpässen abgesehen, eher selten zu sehen, aber das Spiel mit dem schlechten Fuß oder bei einigen der Gegentore mit dem schlechten Kopf hat schon verblüffend gut funktioniert.

Der Ex-Meistertrainer des FC Tirol Milch Innsbruck hat somit eindrücklich gezeigt, wie hoch sein Potenzial als Stratege ist, denn die 0:6-Niederlage gegen Spanien in dieser Dingsda-Liga, also der UEFA Nations League hat zwar für Aufsehen in der Fachwelt gesorgt, letztlich aber für den Schwarzwälder keine Konsequenzen nach sich gezogen, der wohl genau wusste, dass ihm ein 25:0 den Job kosten würde. Und daneben hat Jogi Löw es auch noch geschafft, in das Pantheon des deutschen Fußballs einzuziehen, denn Weltmeister waren einige seiner Vorgänger auch schon, aber die höchste Niederlage seit 90 Jahren einzufahren, hat seit Otto Nerz, der sich 1931 dem österreichischen Wunderteam mit 0:6 geschlagen geben musste, noch keiner geschafft. Kein Herberger, kein Schön, kein Derwall, kein Beckenbauer und die Herren Vogts, Ribbeck, Völler und Klinsmann sowieso nicht.

Schade ist eigentlich nur, dass Löw im Interview nach dem Match nicht den Humor gezeigt hat wie weiland Peter Neururer, der 1991 nach einer 3:7-Pleite seiner Berliner Hertha gegen Bayern Giesing auf die Frage von Dieter Kürten, ob er jemals so hoch verloren habe, meinte: „Ja, klar, das war 1966 gegen meinen Bruder im Tipp-Kick.“ Sehr enttäuschend, dass er damals ob dieser Ruhrpott-Sprachperle umgehend wegen „Verunglimpfung des Vereins“ entlassen wurde.

Fakten

Harald Petermichl wirft in seiner wöchentlichen Kolumne „Ach, übrigens“ in der „Vorarlberg Krone“ einen etwas anderen Blick auf das sportliche Geschehen auf- und abseits des grünen Rasens.

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