18.11.2020 18:20 |

12,4 Milliarden Euro

Wirecard: Gläubiger-Forderungen in Rekordhöhe

Der tiefe Fall der einstigen deutschen Technologiehoffnung Wirecard liegt nun auch in Zahlen gegossen vor: Rund 11.500 Gläubiger haben sich gemeldet und Forderungen in Höhe von gut 12,4 Milliarden Euro bekannt gegeben.

Diese Rekordsumme übersteigt die bisher erzielten Erlöse bei der Abwicklung des Konzerns erwartungsgemäß um ein Vielfaches. Die Forderungen erklären sich dadurch, dass neben geschädigten Banken, Investoren und Geschäftspartnern auch viele Aktionäre Schadenersatzforderungen angemeldet haben. Nach Berechnungen der Auskunft der Creditreform gab es 2019 in Deutschland 19.400 Firmeninsolvenzen, die durchschnittliche Schadensumme für die Gläubiger lag demnach bei 856.000 Euro. 12,4 Milliarden wären mehr als das Vierzehntausendfache dieses rechnerischen Durchschnittswerts.

Die Wirecard-Gläubiger und ihre Anwälte hoffen, dass ihnen der Insolvenzverwalter zumindest einen Teil der verlorenen Milliarden in absehbarer Zeit zurückerstattet: „Ich habe Verfahren erlebt mit 14, mit 18, sogar mit 20 Jahren“, sagte der Münchner Rechtsanwalt Peter Mattil, der geschädigte Aktionäre vertritt, am Rande der ersten Gläubigerversammlung. „Aber wenn ein Vermögen da ist, das auf die Gläubiger verteilt werden kann, das kann schon nach zwei oder drei Jahren passieren.“

Nur ein Teil der Milliarden zu retten
Die Hauptfrage der Gläubiger: Mit wie viel Geld können sie rechnen? „Die Quote kann man heute schwer einschätzen“, sagte Mattil dazu. Nach Angaben aus Finanzkreisen hat Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé bisher mit dem Verkauf von Unternehmensteilen und Technologie etwa eine halbe Milliarde Euro erlöst. Weitere Verkäufe sind geplant, doch es gilt als ausgeschlossen, dass der Insolvenzverwalter die verlorenen Milliarden komplett zurückholt.

Der ehemalige DAX-Konzern hatte im Juni nach dem Eingeständnis von Phantomgeschäften Insolvenz angemeldet, allein Banken und Investoren haben nach Berechnungen der Münchner Staatsanwaltschaft mehr als drei Milliarden Euro verloren. Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Ex-Vorstandschef Markus Braun und seinen Mitbeschuldigten gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor.

Neben den Verlusten der Kredit gebenden Banken und Investoren, Lieferanten und anderer Geschäftspartner stehen die ungleich höheren Kursverluste der Wirecard-Aktie: Das Unternehmen war bei der Aufnahme in den deutschen Aktienleitindex DAX im September 2018 an der Frankfurter Börse mehr als 23 Milliarden Euro wert, nach der Insolvenz und dem Kurssturz waren es dann weniger als 100 Millionen. Das hat neben institutionellen Anlegern auch sehr viele Kleinaktionäre getroffen.

Sonderrechte für Aktionäre
Aktionäre sind rechtlich betrachtet keine Gläubiger eines insolventen Unternehmens, sondern Gesellschafter - als solche gehen sie bei Insolvenzverfahren häufig leer aus. Wenn es sich jedoch wie bei Wirecard um einen großen Betrugsfall handelt, können Aktionäre ihre Schadenersatzforderungen beim Insolvenzverwalter anmelden.

Auch am Donnerstag wird der Wirecard-Skandal wieder im Fokus stehen: Der seit dem Sommer in Untersuchungshaft sitzende frühere Vorstandschef Markus Braun, ein Österreicher, soll vor dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags aussagen.

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