01.11.2020 06:00 |

Das große Interview

Wird Trump es noch einmal schaffen, Frau von Damm?

Zwei Tage vor der Wahl des 46. amerikanischen Präsidenten spricht die einstige US-Botschafterin Helene von Damm mit Conny Bischofberger über seine unglaubliche Amtszeit, eine überraschende Prognose und ihr Dilemma als leidenschaftliche Republikanerin.

Von ihrer Dachterrasse unweit der „Albertina“ hat sie einen 360-Grad-Blick über ganz Wien - Karlskirche, Stephansdom, AKH und Donauinsel: „Vor vier Jahren um diese Zeit war ich in Washington“, erinnert sich Helene von Damm bei unserem Interview mit etwas Wehmut, „und habe den Wahlabend in der Residenz des österreichischen Botschafters verbracht.“ Im Eingangsbereich zu ihrer Wohnung steht eine Statue von Jazzlegende Louis Armstrong, den Spiegel im Foyer säumen zwei Flaggen - die der Vereinigten Staaten von Amerika und die österreichische. Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch wird die bekennende Republikanerin und Vertraute des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan im Studio von „Servus TV“ stehen (Sondersendung zur Wahl des 46. US-Präsidenten am 4. 11. ab 5 Uhr früh). „Ich muss um 4 Uhr morgens im Studio sein. Ich bin zwar ein Early Bird, aber das ist schon sehr früh“, lacht die 82-Jährige, die locker 20 Jahre jünger aussieht. Im Deutsch der gebürtigen Niederösterreicherin, die nach ihrer Auswanderung nach Amerika vor mehr als 60 Jahren US-Staatsbürgerin wurde und deshalb wahlberechtigt ist, klingt noch immer der englische Sound mit.

„Krone“: Amerika hat schon Bürgerkriege und Sklaverei überlebt, es wird auch einen Trump überleben. Das waren Ihre Worte bei der letzten US-Wahl …
Helene von Damm: Das haben wir auch, nicht wahr? - Lacht.

... Wird Amerika ihn noch einmal überleben?
Wenn er gewinnen sollte, ja. Meine große Befürchtung - und das ist auch der Grund, warum ich ihn schon 2016 nicht gewählt habe - bezieht sich nicht so sehr auf Amerika, wo er eigentlich beträchtliche Erfolge erzielt hat, sondern auf die Position Amerikas in der Welt. Trump hat die USA als Weltmacht und somit auch das internationale Gleichgewicht geschwächt. Er hat Iran-Abkommen zerrissen, das Transatlantik- und das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt, die Beziehung zur WHO abgebrochen. Das ist alles ein Drama. Das Problem ist: Der Durchschnittsamerikaner interessiert sich nicht für Außenpolitik. Der ist zufrieden damit, dass Trump China die Stirn geboten hat. Das war auch wirklich ein Verdienst von ihm.

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Die Herausforderung für unsere Demokratie könnte gewaltig sein.

Helene von Damm

Wird Trump es noch einmal schaffen?
Ja, leider ist das möglich. Ich denke, es wird sehr knapp sein, weshalb es vier bis sechs Wochen dauern kann, bis ein endgültiges Resultat vorliegen wird. Und wie wir Trump kennen, wird er es nicht akzeptieren, dass er vielleicht nicht der Gewinner ist. Thomas L. Friedman von den „New York Times“ hat gesagt: „The challenge could be amazing to our democracy“ - die Herausforderung für unsere Demokratie könnte gewaltig sein. Ich denke, es könnte zu Ausschreitungen und sozialen Unruhen kommen.

Heißt das, dass Sie als Republikanerin den demokratischen Kandidaten Joe Biden gewählt haben?
Genau. Letztes Mal brauchte ich noch einen doppelten Whisky, um über meinen Schatten zu springen und Hillary Clinton meine Stimme zu geben, diesmal ging es schon ohne. - Lacht.

Wohnen da zwei Seelen in Ihrer Brust?
Genau. Für den Kongress und den Senat wähle ich weiterhin republikanisch, weil ich mit den Grundwerten dieser Partei - starke Verteidigung, mehr Wirtschaft und weniger Sozialstaat - nach wie vor übereinstimme. Aber seit Bush junior den Krieg im Irak ohne jeglichen Beweis begonnen hat, habe ich mir vorgenommen, immer denjenigen bzw. diejenige als Nummer eins zu wählen, in die ich das meiste Vertrauen habe, unser Land bestmöglich zu vertreten. Biden hat viel mehr außenpolitische Erfahrung als Trump.

Ist er nicht ein blasser Kandidat?
Ich muss sagen, dass ich etwas Blässe nach der Show, die Trump in den letzten vier Jahren abgezogen hat, nicht für das Schlechteste halte. Nach seiner Amtszeit sind alle froh, wenn Ruhe einkehrt.

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Trump versteht es, gewissen Wählergruppen die richtigen Zuckerl zu geben.

Helene von Damm

Kurt Seinitz hat in einer Analyse aufgelistet, warum 40 Prozent noch immer hinter Trump stehen. Teilen Sie seine Einschätzung?
Ja. Trump versteht es, gewissen Wählergruppen die richtigen Zuckerl zu geben. Die Unternehmer profitieren von der ersten großen Steuerreform nach vielen Jahren und auch von Deregulierungen, gewisse Sekten von einer ganz bestimmten Israel-Politik, streng Religiöse von einer Richterin, die gegen Abtreibung ist, den Corona-Leugnern signalisiert er Verständnis. Und er hat es geschafft, im Supreme Court - dem Obersten Gerichtshof - auf 40 Jahre hinaus eine Mehrheit zu bestimmen, weil viele Ernennungen in seine Amtszeit gefallen sind. Das wird in Wahrheit sein Vermächtnis sein.

Ein schweres Erbe für Biden?
Nicht unbedingt. Selbst wenn er den Senat nicht gewinnt, hat er als Präsident die Macht, international wieder die Weichen zu stellen. Und wenn er den Senat gewinnt, wird er eigene Programme für Infrastruktur, das Gesundheitssystem und die Umwelt auf die Beine stellen. Er sollte dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten.

Was wird Trump, falls er es nicht mehr schafft, für ein Verlierer sein?
Ein Rumpelstilzchen. - Lacht. Ich hoffe, dass er in der letzten Minute doch kapiert: So will ich nicht in die Geschichte eingehen. Ich denke, die Rückkehr ins Privatleben macht ihm große Angst. Da warten allerhand Gerichtsverfahren und rechtliche Probleme auf ihn.

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Keine Ahnung, was mit dem Menschen passiert ist.

Helene von Damm über Donald Trump

Sie kennen ja Trump persönlich. Was ist er für ein Mensch?
Mein Gott, das ist 30 Jahre her. Damals war er sehr selbstbewusst und auch durchaus charmant. Aber total normal. Keine Ahnung, was mit dem Menschen passiert ist.

Haben Sie seine Ex-Frau noch einmal getroffen?
Ivana war ja nach der grimmigen Scheidung nicht sehr gut auf ihn zu sprechen. Aber seit er Präsident ist, findet sie ihn wieder ganz wunderbar. Ich dachte, das brauche ich mir nicht anzuhören.

Was sagt eigentlich der amerikanische Botschafter zu Ihren Trump-kritischen Kommentaren?
Er ist ein Gentleman und schweigt. Egal wer gewinnt, es wäre schön, wenn Trevor Traina Botschafter bleiben könnte. Ich glaube, die meisten Österreicher teilen diese Meinung.

Werden Sie von manchen republikanischen Freunden auch als Verräterin gesehen?
Natürlich. Ich bin für viele eine Abtrünnige. Meine beste Freundin, ebenfalls Republikanerin, meinte: „Helene, Reagan würde sich im Grab umdrehen.“

Würde er das?
Ich denke nicht. Also ich werde sehr beschimpft. Aber wir Amerikaner haben eine gute Streitkultur. Egal was wir einander an den Kopf werfen, die letzten Worte sind immer: „I love you, hope to see you soon!“

Wann waren Sie zuletzt in den USA?
Voriges Jahr. Normalerweise bin ich jeden Frühling und jeden Herbst in New York. Aber das ist ja momentan durch Corona eine Geisterstadt. Die Met, der Broadway, alles geschlossen. Furchtbar. Neben meinem Apartment wohnen jetzt 400 Obdachlose …

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Also wenn’s mich trifft, dann nehme ich es ganz relaxed.

Helene von Damm über Corona

Haben Sie - als Mitglied der Risikogruppe - Angst vor Corona?
Ich fordere es nicht heraus, aber ich habe auch keine Angst. Mit 82 habe ich mein Leben schon gelebt. Also wenn’s mich trifft, dann nehme ich es ganz relaxt. Sterben wäre kein Problem. Ich will nur nicht herumliegen und auf Pflege angewiesen sein. Deshalb habe ich mir jetzt einen Treppenlift bestellt, um unabhängig zu bleiben. Mir fehlt nur noch die Baugenehmigung.

Worum geht‘s im Leben?
Um das Gelebte. Darum, bis zuletzt Risiken einzugehen statt sich auf den Lorbeeren ausruhen. Sich am Ende keine Gedanken über das Ungelebte machen zu müssen.

Frau von Damm, Sie sind Doppelstaatsbürgerin. Inwiefern fühlen Sie sich als Amerikanerin und inwiefern als Österreicherin?
Politisch bin ich Amerikanerin, ich bin dort groß geworden, habe die Politik hautnah miterlebt, auch die internationale. Hier in Österreich bin ich emotional zu Hause. Hier sind meine Freunde und die Kinder meiner vielen Lebensabschnittspartner.

Wie viele Kinder haben Sie?
Zwei von Jürgen Wilke, zwei Sacher-Kinder, drei in Amerika. Ohne, dass ich eines davon auf die Welt bringen hätte müssen. Und dann habe ich mir noch ein achtes Kind angelacht, die Maria Ujcik. Sie verwaltet alles und wird mich bis zum Schluss begleiten.

Ihnen wurde immer wieder eine Nahebeziehung zu Ronald Reagan nachgesagt. Jetzt, wo seine Frau tot ist, könnten Sie da nicht offen darüber sprechen?
Was immer mir hier unterstellt wird, ich kann das leider nicht bestätigen. Es hat keine Affäre gegeben. Wenn es so gewesen wäre, hätte ich vielleicht nicht so viel arbeiten müssen. - Lacht. Aber ich muss gestehen, mich ärgert das so, dass ich manchmal denke: Jetzt sag ich einfach „Ja“, damit Schluss ist.

Zur Person: Geboren als Helene Winter am 4. Mai 1938 in Ulmerfeld in Niederösterreich. 1959 wandert sie mit ihrem ersten Ehemann nach Amerika aus, 1966 arbeitet sie im Wahlkampfteam von Ronald Reagan mit und wird seine Assistentin und Finanzmanagerin. In dieser Zeit heiratet sie Christian von Damm, dessen Namen sie noch heute trägt. 1981 folgt sie Reagan ins Weiße Haus, 1983 wird sie US-Botschafterin in Österreich. Zuletzt war sie mit dem Schauspieler Jürgen Wilke verheiratet, der im Mai 2016 starb.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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