22.12.2019 06:00 |

Doppelinterview

Engerl-Bengerl mit der Wiener Stadtspitze

Jeder für sich redet gerne, aber gemeinsame Interviews sind sehr selten. Uns ist es jetzt gelungen: Bürgermeister Michael Ludwig, Vize Birgit Hebein und die „Krone“ haben sich ein Zimmer genommen.

Fröhliche Leute, laute Musik, Geschirrgeschepper - da ist kein Interview zu machen. Im Wiener 25hours Hotel beim Volkstheater sind am Freitag um 17 Uhr die Weihnachtsfeiern eingezogen, also nehmen wir uns schnell ein Zimmer für die nötige Ruhe. 7. Stock, Nummer 713: Mini-Loft mit kleiner Küche. Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) nehmen am Frühstückstisch Platz.

Bevor wir mit dem Interview beginnen, spielen wir Engerl-Bengerl. Die beiden ziehen von der „Krone“ mitgebrachte Namen aktueller und ehemaliger Politiker auf Zetteln. Am Ende werden sie uns verraten, was sie den Personen am liebsten schenken würden. Aber fangen wir an:

„Krone“: Der amerikanische Schriftsteller Erskine Caldwell hat einmal gesagt: „Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung. Solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas.“ Stimmt das?
Michael Ludwig: Das ist ein gutes Bild, weil die Verdauung gehört zur Gesundheit, und von daher ist Wien eine sehr gesunde Stadt.
Birgit Hebein: Ich finde nicht. Mein erstes Bild war, dass die Menschen gar nicht mitbekommen, was wir tun, und ich finde schon, dass sie sehen sollen, wie wunderbar Wien ist.

Viele haben den Eindruck, bei Rot-Grün ist die Luft draußen. Was kommt in dieser Legislaturperiode noch?
Ludwig: Da kommt jetzt hoffentlich nicht wieder das Bild mit der Verdauung (lacht). Wir haben sehr viel vom Koalitionsübereinkommen abgearbeitet, einige wenige Dinge sind noch offen.
Hebein: Klimarat und Klimabudget wurden gerade beschlossen, und wir wollen eine Smart-City-Strategie umsetzen. Da ist noch Einiges zu tun.

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Ob Rendi-Wagner unverzichtbar für die SPÖ ist? Unverzichtbar ist niemand von uns. Kein Politiker.

Ludwig über die Parteichefin

Momentan sind die einzelnen Parteien aber vor allem mit anderen Themen beschäftigt. Fangen wir mit der SPÖ an, Herr Ludwig. Alle zwei Wochen kommt es zum Putschversuch. Wie lange wird Pamela Rendi-Wagner noch Parteichefin sein?
Ludwig: Die herbeigeredeten Putschversuche sind sehr überschaubar in ihrer Intensität. Ich bin der Meinung, dass man jenen Menschen, denen man das Vertrauen schenkt, auch die entsprechende Solidarität angedeihen lassen sollte.

Die SPÖ hat ein massives Problem in der Geschichtenerzählung und mit der Glaubwürdigkeit. Parteigünstling und Ex-Casinos-Vorstand Dietmar Hoscher erhält zusätzlich zu vier Millionen Euro nach zwei Jahren Arbeit auch von der Nationalbank eine Pension und casht nach kurzer Zeit damit doppelt so viel Rente ab wie ein Arbeiter nach 45 Jahren Buckeln. Ist das alles nicht ekelhaft?
Ludwig: Ich bin dafür, dass man Einkommen transparent regelt. Das gilt dann aber für alle. Und diese Einkommensstruktur ergibt sich vor allem dadurch, dass sich die Verantwortlichen bei den Casinos entschlossen haben, den genannten Vorstand nicht mehr in der Funktion zu belassen. Er war ja arbeitswillig. Außerdem kann es ja keinen Minus-Bonus für Menschen geben, die sich zur Sozialdemokratie bekennen.

Herr Ludwig, warum sollte man Sie 2020 wählen?
Ludwig: Die SPÖ hat bewiesen, dass sie es kann, beginnend von vor 100 Jahren bis heute. Und sie hat Wien zur lebenswertesten Stadt der Welt gemacht. Ich habe meinen Beitrag dazu geleistet, und wir haben für diese Stadt noch viel vor.

Nun zu den Grünen. Frau Hebein, Sie sind ja sehr mit Koalitionsverhandlungen eingedeckt. Ist Türkis-Grün jetzt fix oder nicht?
Hebein: Wir sind in einer sehr entscheidenden Verhandlungsphase. Es sind noch einige Brocken auf dem Tisch. Aber das ist normal.

Bemerkenswert ist Ihre Flexibilität in Sachen Sebastian Kurz. Nach monatelanger Dauerkritik finden Sie plötzlich nur noch lobende Worte für den ÖVP-Chef. Leiden Sie am Stockholm-Syndrom?
Hebein: Es ist wie im richtigen Leben. Wenn man Menschen begegnet, dann verändern sich die Bilder im Kopf. Ich kann Ihnen versichern, überall menschelt es in der Politik. Das ändert nichts daran, dass wir sehr unterschiedliche Haltungen haben, wenn ich an die Frage der sozialen Gerechtigkeit denke.

Apropos. Wird die Mindestsicherung von Türkis-Grün jetzt generalsaniert oder bleibt sie Länderkompetenz?
Hebein: Natürlich ist es Thema bei den Verhandlungen. Grundsätzlich interpretieren unsere Experten jetzt das Verfassungsurteil so, dass die Länder ein Pouvoir haben, mittels eines Ausführungsgesetzes selbst zu entscheiden.

Frau Hebein, warum sollte man Sie 2020 wählen?
(Hebein denkt lange nach)
Das klingt so, als wüssten Sie es selber nicht.
Hebein: Doch, die Frage ist, wie bringe ich es auf den Punkt. Mir macht es unglaubliche Freude, als Vizebürgermeisterin beitragen zu dürfen, dass es den Wienern besser geht. Ich werde dafür alles tun, mit dem Blick auf den Klimaschutz und den Zusammenhalt. Und wenn es mir dabei gelingt, die Herzen der Menschen zu erreichen, freue ich mich sehr.

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Das Motto lautet: halb so viele Autos und doppelt so viele Angebote an Öffis. Das erfordert Schritte, und das ist einer davon.

Hebein über die City-Maut

Zurück zur rot-grünen Zusammenarbeit. Was schätzen Sie aneinander?
Hebein zu Ludwig: Ich schätze an dir ungemein deine Art, mit Menschen umzugehen, wenn du unterwegs bist. Sogar meine Nachbarin wollte schon ein Autogramm von dir haben.
Ludwig zu Hebein: Ich schätze an dir vor allem deine Empathie in vielen Fragen der Umweltpolitik.

Zu einem bisherigen Streitthema zwischen Ihnen: Der Lobautunnel ist fix?
Ludwig: Aus meiner Sicht ja.
Hebein: Aus meiner Sicht natürlich nicht. Dass es Querverbindungen braucht, ist unbestritten, aber ich halte es gerade angesichts der Klimakrise nicht für gescheit, da Milliarden zu versenken.

Welchen Einfluss haben Sie noch darauf?
Hebein: Dass Straßengroßprojekte grundsätzlich ein Thema bei den Koalitionsverhandlungen sind, ist natürlich unbestritten. Mal sehen.

Herr Ludwig, was sagen Sie dazu, dass der Lobautunnel vielleicht nicht kommt?
Ludwig: Das ist für mich unvorstellbar. Die Nordostumfahrung mit dem damit verbundenen Tunnel ist zum einen für die Entlastung der Bevölkerung in den Bezirken Floridsdorf und Donaustadt sehr wichtig, und zum anderen stellt sie sicher, dass es einen entsprechenden Ring um Wien gibt, damit der Durchzugsverkehr nicht mehr durch die Stadt rollt. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die bisherigen Planungen von einer Bundesregierung gestoppt werden.

Frau Vizebürgermeisterin, bereitet es Ihnen Sorgen, dass Ihr Koalitionspartner Michael Ludwig so offen mit dem Wiener Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck von der ÖVP flirtet? Die beiden waren jetzt sogar gemeinsam Weihnachtsgeschenke einkaufen.
Hebein:(lacht) Nein, auch ich habe ein gutes Verhältnis zu Herrn Ruck. Apropos Weihnachtsgeschenke: Michael, ich habe dir etwas mitgebracht. Frohe Weihnachten! (Birgit Hebein überreicht dem Bürgermeister ein Packerl in Sternchenpapier. Wir erfahren: Ludwig ist ein Aufreißer, kein Geschenkpapier-Wiederverwerter.)
Ludwig: Ah, sehr nett, rot-grüne Hosenträger. (Er selbst hat kein Geschenk mit, verspricht aber: Die Vizebürgermeisterin bekommt noch eines.)

Herr Ludwig, da fällt mir die nächste Frage etwas schwer. Wäre Ihnen die ÖVP als Koalitionspartner lieber?
Ludwig: Nein, wir sind in einer aufrechten Koalition in Wien, die sehr gut funktioniert. Von daher denke ich nicht über andere Formen nach. Wir werden sehen, wie sich die Wähler entscheiden.

Frau Hebein, vielleicht ist die ÖVP ja auch in Wien ein Koalitionspartner für Sie. Gemeinsam mit den NEOS könnten Sie, wenn es sich ausgeht, Bürgermeister Michael Ludwig stürzen. Interessiert?
Hebein: Entweder ich werde in letzter Zeit mit dieser Idee konfrontiert oder damit, ob ich eifersüchtig auf die ÖVP und Walter Ruck bin. Ich halte wenig von solchen Spekulationen.

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Wenn ich alle Wünsche der Welt frei hätte, dann würde ich mir ein friedliches Zusammenleben wünschen.

Hebein über Weihnachtsträume

Es wird besinnlicher: Wie feiern Sie den Heiligen Abend?
Hebein: Wie jedes Jahr. Ich packe mein Akkordeon aus und spiele und singe mit meiner Familie.
Ludwig: Ich bin jedes Jahr am 24. Dezember am Sozialmarkt des Arbeitersamariterbundes in Floridsdorf und verteile Geschenke an bedürftige Kinder. Nachher feiere ich mit meiner Mutter und mit meiner Frau.

Kommen wir zum Engerl-Bengerl. Frau Hebein, wen haben Sie gezogen und was würden Sie der Person schenken?
Hebein:
(lacht) Sebastian Kurz. Ich würde einen gemeinsamen Abend organisieren, um einmal in Ruhe zu plaudern. Unabhängig von den Verhandlungen.
Ludwig: Ich habe Johann Gudenus gezogen. Nachdem er ja Russisch kann, würde ich ihm von Dostojewski „Schuld und Sühne“ schenken.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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Donnerstag, 27. Februar 2020
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