26.10.2019 06:00 |

„Krone“-Kommentar

Hospiz macht Schule

„Wir werden Rosa nicht mitnehmen zur Beerdigung“, sagt ihre Mutter. „Sie ist erst sechs. Und sie hängt so an ihrer Oma. Kuchen backen, Marillenknödel rollen, noch ein Kapitel vorlesen“ Rosas Vater nickt zustimmend. „Wir haben Rosa auch nicht ins Krankenhaus mitgenommen. Sie soll ihre Oma als die lachende, starke Frau in Erinnerung behalten, die sie war.“ Solche Überlegungen begegnen uns Pfarrerinnen und Pfarrern immer wieder. Eltern wollen ihre Kinder schützen. Manchmal wissen sie auch einfach nicht, wie sie mit ihnen über das Sterben und den Tod reden sollen. Ich kann das gut verstehen. Zumal wir als Gesellschaft Sterben und Tod aus unserem Alltag verdrängen.

Tod und Sterben heraus aus der Verdrängung und in die Mitte des Lebens zu holen, als Teil des Lebens zu betrachten und Sterbende und Trauernde nicht der Einsamkeit zu überlassen – das ist Anliegen der Hospizbewegung. Sie nimmt auch Kinder in den Blick. Zum Beispiel im Projekt „Hospiz macht Schule“ der Diakonie in Kärnten. „Es ist wichtig, über das Leben, über das Sterben, über den Tod auch mit den jungen Menschen zu reden“, ist Friedrich Kopsche überzeugt. Er ist seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Hospizbegleiter im Einsatz und spricht in Workshops mit Schülern und Schülerinnen von der Volksschule bis zur Oberstufe über Fragen wie: Welche Abschieds-, Verlust- oder Todeserfahrungen habe ich gemacht? Wie bin ich damit umgegangen? Was hat mir geholfen?

„Es geht zum Beispiel um den Feiertag Allerheiligen und die Frage: War schon jemand einmal auf einem Begräbnis? Und dann erzählen die Kinder ganz offen. Es ist erstaunlich, wie offen“, berichtet Friedrich Kopsche. „Einmal wurden wir eingeladen, weil die Mutter eines Schülers verstorben ist. Die ganze Klasse ist damit nicht so zurechtgekommen. Und dann geht ein Schüler hin zu ihm und sagt: Wir sind da, und wir unterstützen dich. Das ist berührend.“

So schwierig und schmerzhaft es ist – es hilft Kindern zu erfahren, was Sterben und Tod bedeuten: dass die tote Oma nie mehr wiederkommt und nicht mehr lebendig wird; dass ihr Leichnam in der Erde begraben wird; dass der Tod früher oder später zu allen Lebewesen kommt und es normal ist, traurig zu sein. Wenn wir mit Kindern darüber sprechen, zeigen wir ihnen: Wir lassen dich nicht alleine. Wir nehmen deine Fragen, Gedanken und Sorgen ernst.

Wenn Kinder bei Beerdigungen dabei sind, können auch sie aktiv Abschied nehmen und ihre Trauer verarbeiten. Wenn ein Kind nicht dabei sein kann, ist das jedenfalls etwas, das nie mehr nachgeholt werden kann. Ein guter Freund von mir ärgert sich mit Ende 50 immer noch darüber, dass er als Kind bei der Beerdigung seiner Oma nicht dabei sein durfte.

Pfarrerin Maria Katharina Moser, Kronen Zeitung
maria.moser@evang.at

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