So, 16. Juni 2019
27.05.2019 07:00

Thayatal

„Grünes Band“: Vom Sperrgebiet zum Paradies

Zum 30. Mal jährt sich heuer der Fall des Eisernen Vorhangs. Der Schrecken des Todesstreifens ist verblasst. Das „Grüne Band“ zeigt sich von seiner schönsten Seite.

Ausgangspunkt unserer Reise ist die Weinstadt Retz, bekannt durch den größten historischen Weinkeller Österreichs. Es war Kaiser Friedrich III., der jedem Retzer Bürger gestattete, mit Wein zu handeln. Somit wurde bereits im Mittelalter der Wein bei den Winzern in deren Keller vergoren. Zehn um Retz liegende Ortschaften mussten jeweils bis Martini (11. November) den fertig vergorenen Wein nach Retz bringen. Dabei hatte auch der ungarische König Matthias Corvinus seine Hände im Spiel. „Die Keller in der Stadt waren nur für die Lagerung und Reifung der Weine vorgesehen“, erklärt uns Gerald Rieck vom Tourismusbüro. Er zeigt Besuchern das riesige unterirdische Labyrinth. Die Temperatur liegt bei 10-12 Grad Celsius.

„Jeder Bürger, der unter seinem Haus bereits einen Keller besaß, ging folglich daran, diese Kelleranlage je nach Bedarf zu vergrößern.“ Das Resultat: Stockwerkskeller mit zwei oder drei Etagen. Insgesamt erreichten so die Kelleranlagen der Stadt Retz eine Ausdehnung, die heute größer als die oberirdischen Verkehrsflächen ist. Was wiederum auf die seinerzeit gelagerten gigantischen Weinmengen schließen lässt. Doch das Wahrzeichen von Retz sind keine Weintrauben, wie man wahrscheinlich vermuten würde. Vielmehr ist es eine Windmühle. Baujahr 1853. Sie steht an der Stelle einer 1772 erbauten hölzernen Bockwindmühle. Seit neun Jahren ist die Windmühle nach ihrer Restaurierung durch holländische Mühlenbauer wieder betriebsfähig. Ein Zeugnis der früheren Getreidevermahlung mit Mühlsteinen und Windkraft.

An der tschechischen Grenze, unweit von Retz, liegt Österreichs kleinste Stadt: Hardegg. Durch dichten Wald fährt man die steilen Serpentinen hinunter in eine Ortschaft, in der die Zeit still zu stehen scheint. Überragt von einer Burg aus dem 12. Jh., zeugt der Ort von seiner damaligen Wichtigkeit als Herrschaftsgebiet im Norden Österreichs. Heute haben nur etwa 80 Einwohner ihren Hauptwohnsitz in der Grenzstadt an der Thaya. Immer wieder war Hardegg für Sommerfrischler ein Magnet – besonders am Ende des 19. Jh.s. Die Urlauber schätzten die Beschaulichkeit und das angenehme Klima und vergnügten sich beim Baden im Fluss. Der Zweite Weltkrieg brachte den Fremdenverkehr fast gänzlich zum Erliegen.

Mit der Errichtung des Eisernen Vorhangs griff die Politik erneut in die Lebenswelten der Grenzbewohner ein. Die Grenzbrücke über die Thaya wurde gesperrt, die Holzbretter entfernt. Nur die blanken Eisentraversen führten hinüber ins Nachbarland. Die damit verbundenen Einschränkungen, wie die hohe Dichte an Kontrollen und ein nächtliches Ausgangsverbot außerhalb des eigenen Ortes, schreckten auch Urlauber ab. Schwammerlsucher, die irrtümlich die Staatsgrenze überschritten, wurden verhaftet und kamen erst einige Tage später wieder frei. Zeitgleich zeichnete sich ein wirtschaftlicher Abstieg ab. Umso größer die Freude, als die Brücke 1990 wieder geöffnet wurde. Nicht zuletzt durch den Nationalpark Thayatal, der an den tschechischen Národní park Podyjí anschließt, ist Hardegg wieder in den Fokus gerückt.

Aufatmen. Das Thayatal beheimatet sensible Tierarten wie Schwarzstorch, Fischotter und Uhu. Heute verläuft hier ein landschaftlich besonders reizvoller Radweg, bei dem sich Radfahrer aller Nationen unbeschwert zwischen dem Waldviertel, dem Weinviertel und Tschechien hin und her bewegen können. Im Grenzstädtchen Čížov ist noch ein Rest des Eisernen Vorhangs zu sehen. Ein beklemmendes Gefühl - der Blick auf den Wachturm und den Drahtzaun, im Mittelteil des Streifens waren Elektrozäune mit einer Spannung von 3000-6000 Volt errichtet worden. In der Tschechoslowakei wurden in den Jahren 1948-1989 390 Flüchtlinge bei Fluchtversuchen an der Staatsgrenze umgebracht. Auch 654 Grenzsoldaten kamen ums Leben. Die meisten Soldaten starben durch Selbstmord, bei Stromunfällen, durch Ertrinken oder beim Waffengebrauch. 930 Kilometer des Eisernen Vorhangs entfielen auf das tschechoslowakische Gebiet. Das Niemandsland galt als Verbotszone, es war 2-6 km breit. Der lange Todesstreifen wurde später zum Naturschutzprojekt „Grünes Band“ erklärt.

Der Abschnitt des Iron Curtain Trails, der durch das Waldviertel, das Weinviertel, durch Südmähren und Südböhmen führt, ist 329 Kilometer lang und in neun individuell befahrbare Etappen gegliedert. Von dort geht es weiter entlang der March-Thaya-Auen an der slowakischen Grenze und bis Bratislava.

Die Reise beginnt für viele Radler in Gmünd/Ceské Velenice und endet in Hohenau an der March. Kaum ein anderer Radweg in Österreich verläuft durch so urwüchsige Natur. Wälder, Wiesen und Weinberge wechseln mit Teich- und Flusslandschaften. Wer seine Radtour auf den Iron Curtain Trail im Gedenken an das 30-Jahre-Jubiläum anlegen möchte, findet mehrere Mahnmale und Gedenkstätten, Infanteriebunker und Militärmuseen. Die Grenzbefahrung ist Grenzerfahrung in einem.

Susanne Zita, Kronen Zeitung

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